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Der Autor

Henrik 68x68

Henrik Rampe (21)
studiert Publizistik und Soziologie

Insektensterben
Bye-bye, Biene?

30.05.2018 |

Die EU verbietet sogenannte Neonikotinoide – zum Schutz der Bienen. Auch im Bundestag waren die bedrohten schwarz-gelben Brummer Thema. Was hat es damit auf sich? Und ist das die Rettung für Biene und Co.?

Biene

Neoniks machen dumm: Studien zeigen, dass sie bei Bienen unter anderem die Orientierungs- und Kommunikationsfähigkeit einschränken. – © dpa

Der Ausruck "Fleißig wie die Bienen" bekommt in China eine ganz neue Bedeutung: Dem bevölkerungsreichsten Land der Erde mangelt es an den gestreiften Nektarsammlern. Und so schwärmen mittlerweile auch Menschen in Richtung Obstplantagen aus und bestäuben dort die Blüten mühsam per Hand.

In Deutschland liegt die Bestäubungsleistung bislang ganz in der Hand der Bienen und anderer Insekten. Noch, möchte man sagen. Denn auch in unseren heimischen Parkanlagen, Blumenbeeten und Freibadwiesen ist es hörbar leiser geworden. In Deutschland fliegen 75 Prozent weniger Insekten umher als noch vor 30 Jahren. Über die Hälfte der insgesamt mehr als 500 Wildbienenarten steht auf der Roten Liste der bedrohten Tierarten.

1.000 Blüten pro Tag

Das sind alarmierende Zahlen, denn die Bedeutung der gelb-schwarzen Vielflieger ist für unser Ökosystem immens. Mehr als 1.000 Blüten bestäubt eine Honigbiene – pro Tag. Die Mehrheit unserer Pflanzen würden ohne die Bestäubung der Bienen überhaupt nicht existieren und die Vielfalt an Nahrungsmitteln, wie wir sie kennen, gar nicht bestehen.

Zusammen mit dem Nutzen, den wir Menschen aus Honig und Wachs ziehen, beziffern Experten von Umweltschutzorganisationen die Wertschöpfung der Biene auf weltweit circa 265 Milliarden Euro – damit sei sie nach Schwein und Rind auch das drittwichtigste Nutztier.

Warum sterben sie?

Es ist umstritten, warum Bienen weltweit eingehen. Überzüchtung bei den Honigbienen? Urbanisierung? Monokulturen? Gifte? Sehr wahrscheinlich ist es (wie so oft) ein Zusammenspiel aus allen Faktoren. Wir verwandeln unsere freien Grünflächen in Steinwüsten und lassen die Pflanzenvielfalt schrumpfen. In letzter Zeit sind außerdem ganz bestimmte Insektengifte als Bienenkiller ins Visier geraten – die so genannten Neonikotinoide (kurz: Neoniks).

Sie werden gezielt in der Landwirtschaft eingesetzt um etwa Raps, Mais und andere Nutzpflanzensamen vor dem Pilzbefall oder dem Angriff vor Schädlingen zu schützen. Das Problem: Das Insektengift Neonikotin klingt nicht nur ähnlich wie das Nervengift Nikotin, das in Zigaretten enthalten ist – es wirkt auf Bienen auch ähnlich anziehend wie Nikotin auf manche Menschen.

Pflanzen, die mit dem Insektizid behandelt wurden, scheinen den Bestäubern besonders zu schmecken, sie wirken wie eine Droge. Das Nervensystem der Bienen wird angegriffen, wodurch ihr Lernvermögen und ihre Kommunikations- und Orientierungsfähigkeit stark eingeschränkt werden.

Umdenken seit 2008

In Deutschland galten Neoniks lange als Verkaufsschlager. Doch als 2008 im baden-württembergischen Rheintal 11.500 Völker innerhalb kurzer Zeit ausgelöscht wurden, setzte ein Umdenken ein. Denn ursächlich für das Sterben waren massenhaft eingesetzte Neonikotinoide. Deutschland zog schon damals die Zulassung für acht in Neoniks enthaltene Wirkstoffe zurück.

Bienen versus Bauern?

Auf EU-Ebene wurden die Nebenwirkungen der Schädlingsbekämpfer als so bedenklich eingeschätzt, dass Neoniks seit 2013 nicht mehr bei Pflanzen eingesetzt werden durften, deren Blüten Bienen normalerweise ansteuern. Ein Gutachten der EU-Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) bestätigte im März dieses Jahres die unüberschaubaren Folgeschäden und regte eine Diskussion im zuständige Ausschuss der EU-Komission in Brüssel an.

Im Bundestag war die Haltung der Fraktionen zu den Neoniks unterschiedlich. Union und FDP hatten Angst um die Erträge der Bauern und taten sich in deren Interesse schwer mit einem Verbot. Die AfD war erst dagegen, schwenkte dann aber auf die Linie der Bienenfreunde um, meinte jedoch ebenfalls, die Bauern müssten nun besonders unterstützt werden.

Die SPD hielt sich lange zurück, weil sie sich nicht gegen den Koalitionspartner stellen wollte. Grüne und Linke sprachen sich schon länger klar für ein Verbot der Pestizide aus. Später bezog auch Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) in ihrer Regierungserklärung im Bundestag eine Position pro Bienen und stellte klar, dass sie die Tiere für "systemrelevant" hält.

Ab September: Neonik-Verbot

Die Mehrheit der Abgeordneten lehnte dann auch einen entsprechenden Antrag der Grünen ab – zum Teil mit der Begründung, der sei nicht mehr notwendig, denn Deutschland werde ja in der EU-Kommission sowieso für ein Verbot stimmen. Das passierte dann auch: Im April erfolgte die Abstimmung in Brüssel, die Neonik-Kritiker konnten sich knapp durchsetzen.

16 der 28 EU-Mitgliedsstaaten sprachen sich für ein Verbot der in den Neonikotinoiden enthalten Wirkstoffen Clothianidin, Thiamethoxam und Imidacloprid auf allen Anbauflächen unter freiem Himmel aus. Knapp drei Monate bleiben den Landwirten der EU-Länder zur Umsetzung Zeit. Denn ab September sind die Pestizide dann einzig in Gewächshäusern zulässig.

Gesunde Bienen

"Die Gesundheit der Bienen bleibt für mich von größter Bedeutung, weil sie Artenvielfalt, Lebensmittelproduktion und Umwelt betrifft", erklärt EU-Gesundheitskommissar Vytenis Andriukaitis die neue und striktere Regelung. Damit liegt der Litauer auf einer Wellenlänge mit Klöckner, die für das Verbot stimmte und mit den Worten "Was der Biene schadet, muss weg vom Markt", klar Position bezog.

Problem Rübe

Agrarverbände stehen auf einem anderen Standpunkt. Sie befürchten durch die Entscheidung der EU-Kommission Qualitäts- und Ertragsverluste. Insbesondere der Anbau von Rüben stehe auf dem Spiel. Für die für Bienen nachweislich unattraktive Pflanze existiert bislang kein alternatives Mittel zur Schädlingsbekämpfung.

Auch Hersteller der Pestizide halten die Verbote für nutzlos und verweisen auf andere Gründe für das Bienensterben, beispielsweise Nahrungsmangel wegen vieler Monokulturen in der Landwirtschaft oder auch Krankheiten durch Milben und Viren. Für diese sind hochgezüchtete Bienenarten, die heute allüberall im Einsatz sind, besonders anfällig. Auch einige unabhängige Experten stützen diese Argumentation.

Was kann ich tun?

Es bleiben kleine Dinge, die jeder Einzelne tun kann, um die Bienenvielfalt zu erhalten. Sonnenblumen, Säckelblumen und Lavendel gelten als besonders bienenfreundliche Blühpflanzen. Hier finden die Insekten besonders viel Nektar und Pollen. Prinzipiell gilt: Wer den Bienen eine bunte Blütenpracht auf seinem Balkon oder Garten präsentiert und ohne chemische Unkrautvernichter pflegt, trägt nachhaltig dazu bei, dass auch in Zukunft Bienen die Blüten bestäuben und nicht Menschen von Pflanze zu Pflanze ziehen müssen.

Kommentare

 

Philipp Jochen schrieb am 03.06.2018 15:21

Die Agrarverbände müssen blind und wohl auch einfältig sein. Allein das Beispiel Chinas müsste ihnen klar machen in welche Richtung sich die Entwicklung fortsetzt wenn der Verwendung der Gifte nicht Einhält geboten wird. Haben die Verantwortlichen schon mal begriffen dass sie auf der gleichen Welt leben wie die Bienen! Es geht immer ums Geld ihrer Kliente. Die Landwirtschaft produziert ohnehin zu viel. Was soll’s also wenn - bei weniger Spritzmittel- Einsatz - der Ertrag geringer ist! Wie wurde gesagt: Irgendwann wird auch der Letzte auf diesem Planeten begreifen dass man Geld nicht essen kann. Ich für meinen Teil bin froh keine 20 mehr zu sein. Das was in der Versorgung Nahrung auf die Menschen zukommt ist dramatisch. Nicht gleich, nicht morgen aber auf Sicht. Wir heute versündigen uns an unseren Nachkommen.

 

 

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