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Hundepatin
"Es ist halt Liebe"

15.12.2015 |

Ronja und ihr Hund sind ein Herz und eine Seele. Für Nemo muss das ein Wunder sein, denn in seiner alten Heimat wurde er schwer misshandelt. Für Tiere wie ihn setzt sich die 25-Jährige ein.

Ronja mit ihrem schwarzen Hund Nemo

Neben Nemo hat Ronja immer wieder auch Zweithunde für ein paar Monate zur Pflege. – © Privat

Findet Nemo? Von wegen! Sobald Ronja den Schlüssel in das Schloss ihrer Berliner Wohnungstür steckt, hört sie Nemo auf der anderen Seite trappeln und springen – Suche wie im Walt Disney-Klassiker "Findet Nemo" überflüssig. Kaum ist der Zugang zur Wohnung einen Spalt offen, begrüßt sie der Labradormischling mit großer Freude und minutenlangem Schwanzwedeln.

Eine Zuneigung und ein Vertrauen, die nicht selbstverständlich sind. Denn bevor Nemo als Pflegehund zu Ronja kam, hat er in Ungarn ein hartes Schicksal erlitten, ist von den Menschen dort misshandelt worden und hat sogar eine gebrochene Nase davongetragen. So wie ihm ergeht es unzähligen Hunden, vor allem im Ausland.

Plage Hund

"In osteuropäischen Ländern wie Rumänien, Ungarn, Polen oder der Ukraine, aber auch in Spanien oder Griechenland gelten Tiere und vor allem Hunde bei sehr vielen Menschen als Plage", erzählt Ronja. Dort gebe es wenig Haustiere und viele Straßenhunde. Diese vermehren sich ungehindert, plündern Mülltonnen und schleichen sich in Häuser. Wie viele es sind, zum Beispiel in Nemos Heimat Ungarn, das ist kaum zu beziffern.

Der andere Bezug zum Hund zeige sich auch an der Zucht. "In Polen gibt es zum Beispiel Märkte, auf denen Welpen für zehn Euro angeboten werden", sagt Ronja. Auch nach Deutschland werden solche Tiere exportiert. Dem aktuellen Tierschutzbericht der Bundesregierung zufolge gab es in den vergangenen Jahren einige Regelungen, die den illegalen Handel mit Welpen in Deutschland eindämmen sollen.

Es gibt nämlich auch legale Wege. Wer gegen Geld Hunde aus dem Ausland vermitteln möchte, braucht eine entsprechende Erlaubnis. Das soll sicherstellen, dass die Tiere nicht illegal und nur zu kommerziellen Zwecken nach Deutschland gebracht werden. "Die Tiere stammen nicht selten aus Zuchtstationen, wo die Hündinnen ihr Leben lang in Käfigboxen liegen und nichts tun, außer Junge zu gebären", erklärt Ronja.

Retten oder töten

Mittlerweile neun Pflegehunde hatte die 25-jährige Medienmanagement-Studentin bereits. Bis auf einen waren alle von ihnen traumatisiert. Eine Hündin aus Ungarn war ein besonders schwerer Fall. Sie hatte ihr bisheriges Leben im Zwinger verbracht, traute sich nicht vor die Tür. Vier Wochen lang musste Ronja sie locken und Stück für Stück an alles Neue gewöhnen.

Dass manche Hunde aus ihren desaströsen Lebensbedingungen gerettet werden, ist vor allem Tierschutzaktivisten vor Ort und Vermittlerstellen in Deutschland zu verdanken. Die meisten dieser Vereine werden durch Spendengelder und Sachspenden finanziert.

Gefangen werden die Hunde in ihrer Heimat in der Regel von örtlichen Hundefängern, dann kommen sie zunächst in die sogenannten "Tötungsstationen". Dort haben sie je nach Land eine bestimmte Zeit, in der sie vermittelt werden müssen, bevor sie zur Tötung freigegeben werden.

Um möglichst viele Hunde davor zu bewahren, werden Pflegestellen in Deutschland gesucht. Als solche arbeitet die gebürtige Kölnerin Ronja nun schon seit über einem Jahr. Nimmt sie einen Hund auf, wird in der Station vor Ort ein Platz frei – und der nach Deutschland geholte Hund kann auf eine neue Familie hoffen.

Wer eignet sich als Pflegestelle?

Bis zur endgültigen Vermittlung müssen die meisten Hunde "resozialisiert" werden: Sie werden stubenrein, verlieren ihre Angst und gewöhnen sich an Menschen, die nett zu ihnen sind. Das dauert bei jedem Hund unterschiedlich lange. Dass Nemo vom Pflegehund zu Ronjas festem Hund geworden ist, ist also nicht die Regel, aber sie hat sich "halt in ihn verliebt".

Ob jemand geeignet ist, einen möglicherweise schwierigen Hund bei sich aufzunehmen, ist in Ronjas Augen immer eine Einzelfallentscheidung, bei der man sich Hund und Halter genau angucken müsse. Erst wenn alles passt, wird der Hund gegen eine Schutzgebühr an die sogenannte Endstelle abgegeben.

Qualifikationen wie der Hundeführerschein seien hingegen wenig aussagekräftig. Den vergeben verschiedene Verbände an Hundehalter nach einer entsprechenden Prüfung. Ein einheitliches Dokument gibt es allerdings nicht. "Man kann die Prüfung ja mit einem gut erzogenen Hund gemacht haben, was sagt das schon aus?", fragt Ronja. Wichtiger sei es, dass jemand Erfahrung mit schwierigen Hunden habe und ein gutes Gespür für das Tier.

Vereine kritisch prüfen

Ronja selbst ist mit Tieren aufgewachsen. Mit fünf saß sie das erste Mal auf einem Pferd. Als sie zehn war, nahm ihre Familie dann einen spanischen Straßenhund auf, danach kamen noch andere Hunde dazu. Seit fast zehn Jahren ist sie außerdem aktives Mitglied in der Umweltorganisation WWF (World Wide Fund for Natur) und setzt sich auch dort vor allem für den Tierschutz ein.

Sie rät Leuten, die ebenfalls Straßenhunde zur Pflege bei sich aufnehmen wollen, die Vereine im Vorfeld ganz genau zu prüfen: Haben sie einen seriösen Web-Auftritt? Wie sind die Abläufe bei Vermittlungen? Wie hoch ist die Schutzgebühr? Gibt es viele Likes bei Facebook? Gibt es kritische Kommentare? Merkt man, dass die Verantwortlichen im guten Sinne 'hundeverrückt' sind? – solche Fragen solle man für sich beantworten.

Nemo und die Socken

Oft beschäftigt sich Ronja drei bis vier Stunden am Tag mit Nemo und ihrem jeweiligen Pflegehund. Manchmal ist sie aber auch viel unterwegs. Doch sie ist sich sicher, dass Nemo nicht darunter leidet: "Ich habe manchmal die Webcam an und sehe dann, dass er sich meistens entspannt hinlegt und schläft. Oder auch mal Socken stibitzt." Hätte sie bemerkt, dass Nemo nicht alleine bleiben kann, hätte sie ihn nicht behalten.

Das, was Hunde in Ronjas Augen so liebenswert macht, ist auch ihre größte Schwäche: "Egal, was der Besitzer mit dem Hund macht, der Hund wird immer treu an seiner Seite bleiben und sich fügen".

(mp)

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