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Der Autor

Max Schmidt 68x68

Max Schmidt (20)
studiert Soziologie und Ethik

Hintergrund
Schenkelbrand und Schnabelstutzen

15.12.2015 |

Pferde, Hunde, Kühe oder Geflügel – auf mehr als 100 Seiten beschäftigt sich der Tierschutzbericht der Bundesregierung mit dem Wohl unserer Fell- und Federgefährten. Tun wir genug dafür? Im Bundestag waren sich Koalition und Opposition uneinig.

Man sie zwei Pferde, die auf einer winterlichen Koppel spielen.

Schenkelbrand oder Chip? In der Diskussion um den Tierschutzbericht spielte auch eine Rolle, wie die Herkunft von Pferden kenntlich gemacht werden soll. – © dpa/picture alliance

Pferde bekommen ohne Betäubung Brandzeichen, männliche Küken landen im Schredder und bei Geflügel wird die Schnabelspitze gestutzt: Es sind nicht immer die besten Bedingungen, unter denen Tiere in Laboren, Zirkussen, Ställen und Wohnzimmern aufwachsen, leben und sterben. Und das, obwohl Tierschutz seit 2002 Bestandteil des Grundgesetzes ist.

Wie es um Hund, Kuh und Huhn bestellt ist, fasst der aktuelle zwölfte Tierschutzbericht zusammen, von dem die Bundesregierung alle vier Jahre eine Neuauflage den Abgeordneten des Bundestages vorstellt. Was gibt es Neues? Das Schnäbelkürzen bei Legehennen soll ab August 2016 ein Ende finden. Seit August 2013 gilt zudem die Tierschutz-Versuchstierverordnung, die unter anderem mehr Regeln für die Haltung von Versuchstieren festsetzt. Doch was ist Tierschutz eigentlich genau?

Arten- und Tierschutz – nicht dasselbe

Die Definitionen von Arten- und Tierschutz sind nicht immer ganz trennscharf. Der Artenschutz umfasst alle Tiere oder Pflanzen einer Art, die in ihrer Existenz bedroht ist. Dieser Begriff wird häufig im Zusammenhang mit dem Artensterben erwähnt, beispielsweise bei der von der Weltnaturschutzunion regelmäßig herausgegebenen Roten Liste bedrohter Arten. Auf dieser Liste steht der Eisbär schon seit vielen Jahren. Einzelne Exemplare dieser Art zu schützen, hieße sowohl Tier- als auch Artenschutz gleichzeitig zu betreiben.

Der Tierschutz im Allgemeinen bezieht auf das Wohl einzelner Tiere. Zu unterscheiden ist außerdem der unmittelbare vom mittelbaren Tierschutz. Beide Ansätze wollen das Wohlbefinden von Tieren bewahren. Ein Beispiel für den mittelbaren Tierschutz wäre, dass beim Bau einer neuen Straße berücksichtigt wird, ob seltene Tierarten in der Umgebung leben. Zum unmittelbaren Tierschutz zählen hingegen alle Maßnahmen, die verhindern, dass Tieren direkt Schäden oder Schmerzen zugefügt werden. So sind beispielsweise große Ställe mit genügend Auslauf für Schweine eine unmittelbare Tierschutzmaßnahme, damit sie sich nicht gegenseitig aus Stress die Schwänze abbeißen. Tierschutz in der öffentlichen Wahrnehmung bezieht sich meist auf Tiere, die vom Menschen in irgendeiner Form gehalten oder genutzt werden – also auf Haus- und Nutztiere, aber auch Zoo und Zirkustiere.

Wo findet Tierschutz (nicht) statt?

Da jedes Tier schützenswert ist, umfasst auch der Tierschutz eine riesige Spannbreite. In der Nutztierhaltung, im Tierheim, im Zirkus oder bei Tierversuchen: Nahezu überall kann der Schutz von Tieren eingefordert werden. Auch beim Transport oder Schlachten von Tieren finden sich Schutzansätze wieder, wie zum Beispiel bei der Transportdauer von Schlachttieren oder dem Schlachten trächtiger Tiere. Nicht zu vergessen ist auch die Bekämpfung illegaler Geschäfte wie der Handel mit Welpen aus fragwürdiger Herkunft. Selbst die Zoophilie, also sexuelle Handlungen mit Tieren, sind Betrachtungsgegenstand des Tierschutzes.

Tierschutz – mittlerweile ein Staatsziel

Im Laufe des 20. Jahrhundert wurde der Tierschutz in Deutschland immer wichtiger. Schon im Jahre 1933, also kurz nach der Machtergreifung Adolf Hitlers, verabschiedeten die Nazis ein umfassendes Tierschutzgesetz. Zum einen war das Thema populär, zum anderen ließ sich damit ein vermeintlicher Unterschied zwischen "naturverbundenen germanischen Menschen" und den Juden konstruieren, denen der Tierschutz angeblich völlig abgeht, weil sie Nutztiere ohne vorherige Betäubung schächten.

Erst vier Jahrzehnte später wurde das Tierschutzgesetz in Westdeutschland in einem neuen Tierschutzgesetz festgeschrieben. Dieses besagt unter anderem, dass "[n]iemand [...] einem Tier ohne vernünftigen Grund Schmerzen, Leiden oder Schäden zufügen [darf]". Wer gegen dieses Gesetz verstößt, kann seitdem für mehrere Jahre inhaftiert werden.

Seit 13 Jahren ist der Tierschutz sogar ein eigenes Staatsziel. Dafür wurde der Artikel 20a des Grundgesetzes überarbeitet, der sich dem Schutz der natürlichen Lebensgrundlagen widmet.

Was spricht für den Tierschutz?

Damals wie heute sprechen viele Argumente für den Schutz von Tieren, da sie doch Mitgeschöpfe sind und einen eigenen Wert besitzen. So stellt sich die Frage, ob es gerecht ist, dass Tiere leiden, damit es uns Menschen gut geht – beispielsweise bem Verzehr von Fleisch, das aus Massentierhaltung stammt. Nein, würden wohl viele Vegetarier sagen.

Tierschutz rechnet sich aber auch: Beispielsweise leben gesündere Nutztiere länger und können auch mit fortgeschrittenem Alter noch immer viel Ertrag bringen. Ebenso sind weniger Antibiotika nötig, wenn Nutztiere genug Auslauf haben, wie das Forschungsinstitut für biologischen Landbau herausgefunden hat.

Tierschutz heute – alles gut?

"Wir machen deutliche Fortschritte beim Tierschutz", so das Fazit von Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU) bei der Vorstellung des zwölften Tierschutzberichtes im Dezember im Bundestag.

Die Fraktionen Bündnis 90/Die Grünen und Die Linke sahen die Ergebnisse des Tierschutzberichtes deutlich kritischer. Nicole Maisch (Bündnis 90/Die Grünen) meinte, dass der Bericht auf mehr als hundert Seiten eindrucksvoll zeige, "dass die große Koalition so gut wie nichts im Tierschutz erreicht hat". Dr. Kirsten Tackmann (Die Linke) ergänzte, dass 2013 in letzter Minute noch ein Verbot des Schenkelbrandes bei Pferden verhindert worden sei. "Damit darf Pferden ein Lobbyistensymbol auf die Haut gebrannt werden. Das ist frühstes Mittelalter und gehört endlich beendet", kritisiert die Linken-Abgeordnete.

Hingegen sprach Dieter Stier (CDU/CSU) beim Tierschutz von "Verbesserungen, die sich sehen lassen können". Ute Vogt (SPD) zeigte sich stolz, dass die Große Koalition aus Union und SPD bislang mehr für den Tierschutz getan hätte als die vorherige Koalition.

Im Anschluss an die Debatte lehnte der Bundestag einen Antrag der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen ab. Der Vorschlag der Fraktion bezog sich darauf, die Anzahl von Tiertransporten und -versuchen einzudämmen.

Wer spricht für den Tierschutz?

Weltweit setzen sich zahlreiche Verbände und Organisationen für den Tier-und Artenschutz ein. Dazu zählen große internationale Akteure wie die Welttierschutzgesellschaft, aber auch nationale wie der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND). Auch auf lokaler Ebene finden sich unzählige Tierschutzvereinigungen.

Falls ihr euch engagieren wollt: Ein verlässliches Kriterium, ob eine Tierschutz-Organisation seriös ist, ist eine Mitgliedschaft bei einem der großen deutschen Dachverbände: Das sind der Deutsche Tierschutzbund (mit über 700 Mitgliedsvereinen), der Bundesverband Tierschutz und der Bund gegen den Missbrauch der Tiere. Die Dachverbände prüfen, welche Vereine sie aufnehmen, und halten den Kontakt zu ihren Mitgliedsvereinen.

Bundestagsdebatte zum Tierschutzbericht

Am 3. Dezember 2015 wurde im Bundestag über den Tierschutzbericht der Bundesregierung debattiert. – © DBT

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