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Der Autor

Daniel Heinz 68x68

Daniel Heinz (20)
studiert Sozialwissenschaften und Philosophie

Psychologe
"Tabakwerbung wirkt"

25.07.2018 |

Zigarettenwerbung im Kino oder auf Großplakaten – treibt die Tabakindustrie Jugendliche damit in die Sucht? Der Psychologe Reiner Hanewinkel glaubt, dass sie wirken. Und befürwortet deshalb ein Verbot.

Prof. Hanewinkel

Findet es skandalös, dass Tabakwerbung nicht längst komplett verboten ist: Prof. Dr. Reiner Hanewinkel – © privat

Die Europäische Union gibt bereits vor, dass Tabakwerbung zum Beispiel in Kinos verboten werden sollte. Warum tut ausgerechnet Deutschland sich so schwer, diese Vorgaben einzuhalten?

Es ist ein echter Skandal, dass wir in Deutschland nicht schon längst die Tabakwerbung verboten haben. Schon 2005 haben wir uns gegenüber der Weltgesundheitsorganisation dazu verpflichtet. Als einziges Land in der EU erlaubt Deutschland noch Außen- und Kinowerbung für Tabakwaren. Verantwortlich dafür ist die Tabaklobby, die ganz offensichtlich bisher sehr erfolgreich ein Werbeverbot in Deutschland verhindert hat.

Inwieweit sind aber Medien tatsächlich ausschlaggebend für den Erstkonsum? Lässt sich das Rauchen nicht vielmehr auf andere Faktoren wie beispielsweise Bildungsstand und sozio-demografische Faktoren zurückführen?

Rauchen beginnt sehr häufig im Jugendalter, wobei die Wahrscheinlichkeit, mit dem Rauchen zu beginnen, von einer Reihe von Faktoren abhängig ist. So rauchen eher Personen, die der unteren sozialen Schicht zugeordnet werden können, oder Jugendliche, die viele rauchende Vorbilder haben – Eltern, Geschwister, Freunde, auch rauchende Filmstars. Die Persönlichkeit der Jugendlichen wie zum Beispiel die individuelle Risikobereitschaft spielt ebenfalls eine Rolle bei der Frage, ob jemand mit dem Rauchen beginnt oder nicht.

Tabakwerbung ist reine Imagewerbung. Es wird suggeriert, dass erfolgreiche Menschen mit starker Persönlichkeit und viel Sexappeal rauchen. Alles Motive, die für Jugendliche in der Phase der Identitätsbildung interessant sind. Es wundert daher nicht, dass in einer Vielzahl von wissenschaftlichen Untersuchungen nachgewiesen werden konnte, dass Tabakwerbung nicht nur Jugendliche erreicht, sondern auch zum Einstieg in das Rauchen verführen kann. Davon sind die Tabakkonzerne ganz offensichtlich selbst überzeugt, denn sie investieren Millionenbeträge in ihr Marketing.

Wäre das Verbot der Tabakbewerbung auch eine Möglichkeit zur Prävention anderer Drogen?

Viele Wissenschaftler bezeichnen Zigaretten und Alkohol als Einstiegsdrogen. Dies tun sie, weil in Deutschland wohl niemand zunächst mit illegalen Drogen wie Kokain beginnt und erst danach zur Zigarette greift, sondern Jugendliche ihre ersten Drogenerfahrungen mit den legalen Drogen Tabak und Alkohol machen. Die Hoffnung ist daher, dass durch ein Tabakwerbeverbot weniger Jugendliche mit dem Rauchen beginnen und in der Folge auch weniger Jugendliche mit illegalen Drogen experimentieren.

Sollte dann auch Alkoholwerbung reguliert werden?

Absolut. Es ist doch nicht notwendig, dass jede Sportberichterstattung von diversen Biermarken gesponsert wird. Oder muss es sein, dass Fußballstadien nach Biermarken benannt werden? Alkohol und Sport passen ohnehin nicht gut zusammen. Der Unterschied ist aber, dass wir beim Alkohol eine andere Verabredung in unserer Gesellschaft haben. Wir wollen alle kein Komasaufen, akzeptieren aber einen moderaten Umgang. Beim Rauchen hingegen wünschen sich auch rauchende Eltern, dass ihre Kinder erst gar nicht damit beginnen.

Heute werden nicht nur Zigaretten geraucht. Gibt es durch Shisha und Co. ein Rauchen "light"?

Diesbezüglich gibt es viele Irrtümer – gerade unter Jugendlichen. Zum Beispiel gehen Jugendliche häufig davon aus, dass das Wasser in der Shisha den Rauch filtern würde. Aber das ist falsch. Der heiße Rauch wird gekühlt, damit kann der Rauch sogar tiefer inhaliert werden mit der Folge, dass die krebserregenden Stoffe länger und tiefer in die Lunge eindringen können. Die E-Zigarette stößt ebenfalls einen immensen Dampf aus.

Kann das gesund für die Lunge sein?

Wir haben zwar noch keine Langzeituntersuchungen, aber was sagt uns der gesunde Menschenverstand? Wir wissen zwar, dass E-Zigaretten weniger krebserregende Stoffe enthalten, aber zwei Drittel aller Raucher sterben gar nicht an Krebs, sondern an Lungen- und Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Diesbezüglich sind E-Zigaretten nicht besser als herkömmliche Zigaretten. In Amerika wird derzeit diskutiert, den Nikotingehalt in Zigaretten zu reduzieren. Aber dies wird dazu führen, dass Menschen den Rauch tiefer inhalieren und den Rauch auch länger in der Lunge lassen, um ihre Nikotinsucht zu befriedigen. Wir dürfen nicht vergessen, dass Nikotin ein enorm hohes Suchtpotenzial hat.

Sie würden also den Anträgen der Grünen und Linken zustimmen?

Absolut. Die Bundesregierung hat ein Werbeverbot für Tabak übrigens in der letzten Legislaturperiode bereits befürwortet. Tabakwerbung wird von Jugendlichen wahrgenommen und wirkt. Ich kann beiden Anträgen zustimmen und würde mich darüber freuen, in einer konsumbewussten Gesellschaft zu leben.

Über Professor Dr. Reiner Hanewinkel:

Reiner Hanewinkel, 56, ist promovierter Psychologe. Er ist Leiter des Instituts für Therapie- und Gesundheitsforschung. In Kiel forscht und lehrt Hanewinkel zur Suchtentwicklung sowie Prävention und Gesundheitsförderung.

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