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Die Autorin

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Victoria Gütter (26)
arbeitet als Projektmanagerin und studiert Social Media


Leben in London
Werde ich jetzt rausgeworfen?

19.09.2018 |

Im Juni 2016 entschied sich eine knappe Mehrheit der Briten für den Austritt aus der EU – und Vicky für ein Leben im Vereinigten Königreich. Was sie und andere Nicht-Briten umtreibt und wie sie die Stimmung in London wahrnimmt, lest ihr hier.

Vicky in London

"Mein London": Vicky ist kurz nach dem Referendum in die britische Hauptstadt gezogen. – © privat

Ich weiß noch genau, wie ich im Juni 2016, wenige Tage vor dem Brexit-Votum, zuversichtlich durch London lief, strahlend den Flyer der "Remain"-Befürwörter entgegennahm und ein paar Meter weiter ein "Leave"-Plakat neben dem Eingang zur U-Bahn nur belächelte. Damals war ich mit meiner Mutter nur zu Besuch übers Wochenende in der Stadt, um ihren Geburtstag zu feiern – von vorherrschender Anspannung habe ich nichts gespürt. Überhaupt musste ich schon sehr genau hinsehen, um zwischen den ganzen Europafahnen und T-Shirts mit EU-Logo die Brexit-Befürworter ausfindig zu machen. Doch mein Eindruck täuschte bekanntlich: Wenige Tage später stimmte die Mehrheit der Briten für den Austritt aus der Europäischen Union.

Lässig wie eh und je

Heute, zwei Jahre später und ein halbes Jahr vor dem 29. März 2019, also dem Tag, an dem Großbritannien offiziell aus der EU austreten wird, scheint London so lässig wie eh und je. Menschen aus aller Welt drängeln sich auf der Straße, in der U-Bahn oder bei mir im Büro. Die britische Hauptstadt scheint weiterhin der Schmelztiegel Europas zu sein – einer der Gründe, warum ich mich damals dazu entschloss, dem Brexit zum Trotz Deutschland kurz nach dem Referendum zu verlassen.

So lebhaft und bunt das Leben auf den Londoner Straßen ist, so ruhig scheint es zu werden, wenn es um politische Angelegenheiten geht. Hin und wieder sehe ich Flaggen und Schilder in den Fenstern der Wohnhäuser hängen, auf denen groß "Remain" oder "Stop Brexit" geschrieben steht. Die Menschen bleiben davor stehen, machen Bilder und teilen sie auf ihren Social-Media-Profilen – das war's dann aber auch mit dem Protest auf der Straße.

Alles halb so wild?

Derweil regt sich Widerstand im Netz: Mehr als eine dreiviertel Million Menschen haben eine Online-Petition für ein zweites Brexit-Votum unterzeichnet. In den Nachrichten oder bei den Gesprächen, die ich in Pubs führe, spielt der Brexit kaum eine Rolle. Es scheint fast so, als wäre alles nur halb so wild. Dabei sind die Folgen eines Brexit für mich schon jetzt spürbar, vor allem im Geldbeutel.

Die Ungewissheit über den Ausgang der Verhandlungen und die möglichen Auswirkungen des Brexit sorgten und sorgen für große Unsicherheiten auf dem Finanzmarkt. Seit dem Votum vor zwei Jahren hat das Britische Pfund gegenüber dem Euro um etwa 15 Prozent an Wert verloren. Was sich erstmal nach wenig anhört, macht auf mein Monatsgehalt gerechnet einen Unterschied von ein bis zwei neuen Paar Sneakers.

Werden Medikamente knapp?

Im Juni erst veröffentlichte die britische Regierung ein Schreiben, das den Inselbewohnern die Folgen eines harten Brexit ungeschönt vor Augen hielt: einige Lebensmittel, Medikamente und Kraftstoff könnten schon nach kurzer Zeit knapp werden. Sogar der Flugverkehr könnte über Nacht zum Erliegen kommen. Die Insel wäre also nicht nur geografisch völlig von der Welt abgeschnitten, sondern auch wirtschaftlich und logistisch.

Als ich vor zwei Jahren das Ergebnis des Referendums las, war ich zunächst nur zu minutenlangem Kopfschütteln imstande. Meine Mutter und ich konnten die Entscheidung überhaupt nicht verstehen. An meinem Vorhaben, nach London zu ziehen, änderte das Ergebnis nichts. Nur keine Zeit verschwenden, dachte ich mir damals. Je schneller ich dort wohne, arbeite und Steuern zahle, desto schwieriger könnte es vielleicht werden, mich hinauszuwerfen.

Was passiert mit mir?

Ob mein Rechnung aufgeht, wird sich noch zeigen. Zugegebenermaßen überkommt mich immer noch eine leichte Panik, wenn Eilmeldungen zum Brexit auf meinen Smartphone aufpoppen. Steht endlich fest, was mit mir, uns "Ausländern", passiert? Wieder nichts. Nach fast zwei Jahren Brexit-Verhandlungen ohne handfeste Ergebnisse, macht sich auch bei mir eine leichte Müdigkeit breit. Selbst die deutsche Botschaft in London kann nur bedingt weiterhelfen. Was also tun?

Ich arbeite als Projektmanagerin im digitalen Marketing. Bringe ich das Thema im Kreise meiner deutschen Kollegen und britischen Freunde zur Sprache, ernte ich meistens nur Schulterzucken und rollende Augen. Auch sie scheinen zermürbt von der nicht enden wollenden Ungewissheit. Jo, eine meiner britischen Freundinnen, hat sich bereits einen irischen Pass zugelegt, die irischen Wurzeln ihrer Mutter haben dies ermöglicht. Sie hofft, damit lästiges Warten bei der Passkontrolle zu umgehen, wenn sie nach Dublin zu ihrer Großmutter fliegt.

Dafür und dagegen

Jo hatte damals ohne zu Zögern für den Verbleib in der EU gestimmt: "Auch, wenn das EU-Parlament seine Schwächen hat, so ist es immer noch besser dabei zu sein, als sich alleine gegen 27 andere Staaten behaupten zu wollen." Sie selbst stammt aus der südenglischen Küstenstadt Poole, in der damals fast 60 Prozent für den Austritt aus der EU gestimmt hatten. Jos Onkel war einer von ihnen. Er wollte nicht weiter zusehen, so sein Argument, wie sein Land Millionenbeiträge an die EU zahlt, ohne – so seine Sichtweise – "etwas dafür zurückzubekommen". Zum Vergleich: Im Londoner Stadtteil Lambeth, in dem wir beide mittlerweile wohnen, lag die Anzahl der Brexit-Unterstützer bei 21,4 Prozent.

Abwarten und Tee trinken

Einige meiner deutschen Kollegen halten es ähnlich wie Jo und haben vorsichtshalber einen britischen Pass beantragt. Dies kann jeder deutsche Staatsbürger, der die letzten fünf Jahre im Vereinigten Königreich verbracht hat und nachweisen kann, dass er sich auch die letzten zwölf Monate dauerhaft im Vereinigten Königreich aufgehalten hat. Nach Angaben der britischen Regierung können Deutsche auch bis zum 31. Dezember 2020 problemlos im Vereinigten Königreich bleiben und arbeiten – danach allerdings würde ich eine Art Aufenthaltsgenehmigung benötigen, die für fünf Jahre gültig ist. Immerhin scheint mein persönlicher Alptraum, vom einen auf den nächsten Tag rausgeworfen zu werden, nichtig. Darauf erst mal eine Tasse Tee.

Wahrscheinlich keine Apokalypse

Was ich am 29. März 2019, dem Tag also, an dem Großbritannien offiziell die EU verlassen soll, machen werde, steht noch genauso in den Sternen, wie das Ende der Brexit-Verhandlungen. Aber wer weiß: Vielleicht wird es ja wie bei der Jahrtausendwende, wo auch die ganze Welt mit einer Apokalypse gerechnet hat. Vielleicht wird es einfach nur ein Tag wie jeder andere, an dem ich morgens mit dem Fahrrad auf Arbeit fahre, den Gesprächen der Passanten in den unterschiedlichsten Sprachen lausche und dabei die Aussicht auf die Tower Bridge genieße.

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