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Die Autorin

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Laura Heyer (27)
macht ein Volontariat bei bundestag.de und dem Parlamentsfernsehen

Kryptowährungen
Dickes B – fette Kohle?

26.06.2018 |

Sind Bitcoin und Co. das Geld der Zukunft? Sogar im Koalitionsvertrag ist von Kryptowährungen die Rede und deutsche Rapper singen davon. Darum geht es.

Bitcoin-Kneipe

Die Berliner Kneipe Room 77: Hier gibt's Nahrhaftes gegen Kryptowährung. – © picture alliance/Jens Kalaene/dpa-Zentralbild/dpa

Burger gegen Bitcoin

Donnerstagabend in Berlin Kreuzberg. An der Tür des Room 77 hängen Tafeln mit dem Menü des Tages, es gibt Burger, angeblich die besten der Stadt. Neben der bunten Kreideschrift in Rot, Grün und Blau steht ein dickes, neonrot leuchtendes B: B wie Bitcoin.

Hier findet heute der Bitcoin-Stammtisch statt, ein Treffpunkt für Leute, die an eine neue Zukunft des Geldes glauben. Jeff ist einer der Organisatoren. "Am Anfang waren wir drei oder vier Leute", erzählt er. "Heute sind es meistens 50 bis 80 Teilnehmer." Die Kneipe in Kreuzberg war der erste Ort weltweit, an dem man mit der Kryptowährung Bitcoin bezahlen konnte. Ein echter Burger gegen virtuelles Geld.

Keine Banken mehr

Aktuell gibt es über 1.600 sogenannter Kryptowährungen. Sie sind ein digitales Zahlungsmittel, das auf dem Prinzip der Kryptografie, also der Verschlüsselung beruht. Genau wie klassische Währungen sind sie eine Art Tauschmittel. Mit ihnen kann man Dienstleistungen oder Waren austauschen. Doch das Neue an Bitcoin und Co. ist nicht, dass sie digital sind. Bei Bezahldiensten wie Paypal kann man auch schon online bezahlen. Das Besondere an Kryptowährungen ist ihr System: Sie benötigen keinen Staat und keine Banken, die das Geld kontrollieren. Die neuen Währungen funktionieren dezentral – alle Teilnehmer kontrollieren sich selbst und das System, und zwar mit Hilfe von Rechnern.

Geld des Internets

"Einfach gesagt ist Bitcoin das Geld des Internets und das Internet des Geldes", sagt Jeff. Der 34-Jährige verdient heute sein Geld mit Bitcoin. Er hat ein Unternehmen gegründet, das neue Technologien basierend auf Bitcoin entwickelt.

2017 gab es einen richtigen Medienhype um die neue Währung. Die Kurse an der Börse schossen in die Höhe, zeitweilig war ein Bitcoin 20.000 Dollar wert. Aktuell bekommt man einen Bitcoin für knapp 5.000 Euro. Auf eine kleine Anfrage der AfD-Fraktion hat sich sogar die Bundesregierung zum Einfluss von Bitcoin auf den Finanzmarkt geäußert. Und jetzt rappen Sido und Kool Savas in "Wir hodln" über Bitcoin. Der Titel ist abgeleitet vom englischen Verb "to hold" und meint das Halten von Bitcoin.

Die Einführung von Bitcoin hat eine Debatte über das bisherige System von Banken und Geld angestoßen. So der Stand: Geld ist ein Zahlungsmittel, das es als Münzen, Papierscheine oder bloße Zahlen im Online-Banking gibt. Man kann damit Dinge kaufen, aber Geld hat keinen Wert an sich. Man kann es nicht essen oder damit zur Schule fahren.

Nur mit Schiedsrichter

Aber warum nutzen es dann alle? Weil sie darauf vertrauen, dass alle es nutzen. Damit das aber auch wirklich klappt, braucht es eine Art Schiedsgericht, eine Institution, der alle vertrauen. Das sind in heutigen Gesellschaften meistens der Staat und die Banken. Sie verwalten das Geld, können neue Scheine und Münzen ausgeben und sorgen dafür, dass Geld vom Käufer zum Verkäufer kommt oder umgekehrt. Dieses System des Geldes hat sich über Jahrhunderte entwickelt. In den westlichen Staaten wird es zudem mit vielen Regeln kontrolliert und ist damit sicher.

"Der Finanzsektor allgemein ist aus guten Gründen stark reguliert", erklärt Dr. Martin Diehl, Leiter der Abteilung Payments-Systems-Analysis der Deutschen Bundesbank. "Zum einen muss der Staat durch Regulierung und Aufsicht die Verbraucher schützen. Zum anderen können Probleme bei einzelnen Finanzinstituten Auswirkungen auf das ganze Finanzsystem und die reale Wirtschaft haben."

Demokratisches Geld

Bitcoin und andere Kryptowährungen wollen dieses zentrale System jedoch ablösen. Die Nutzer sollen nicht mehr von einer Institution abhängig sein, sondern gemeinsam kontrollieren, was mit ihrem Geld passiert. Kryptowährungen sind also dezentral.

Als weitere wichtige Eigenschaften gelten Anonymität und Demokratie. Damit nicht jeder direkt sehen kann, was der andere besitzt, sind die Daten aller Teilnehmer verschlüsselt. Durch diese sogenannte Kryptografie wird auch geregelt, dass man nur mit dem richtigen Zugangsschlüssel Geld überweisen oder bekommen kann – deshalb der Name Kryptowährung. Wie stark diese Verschlüsselung ist, unterscheidet sich aber von Währung zu Währung. Die Kontrolle und auch die Weiterentwicklung der Währung und ihrer technischen Feinheiten übernehmen die Nutzer selbst. In Foren tauschen sie sich über neue Vorschläge aus und setzen um, wofür die meisten stimmen – ein bisschen wie in einer Demokratie. "Bitcoin hat eine Alternative zum Zentralbankgeld geschaffen. Die Menschen machen sich nun Gedanken über das Thema und haben Wahlmöglichkeiten", findet Jeff.

Kritischer Experte

Dr. Martin Diehl sieht das ein wenig anders: "Verglichen mit dem Euro sind die Krypto-Token extrem instabil. Ihr Wert verändert sich häufig im Laufe eines Tages ganz erheblich. Zudem sind die Kosten ihrer Nutzung unverhältnismäßig hoch. Deshalb eignen sich Bitcoin und andere Krypto-Token nicht als Geld", sagt der Experte. Zudem haftet niemand, wenn es eine Krise gibt oder jemand seine Bitcoins verliert. Bisher ist das die Bank oder der Staat. "Hinzu kommt, dass wir auch andere Bankdienstleistungen außer dem Zahlungsverkehr benötigen, etwa Einlagengeschäft und Kreditvergabe", sagt Dr. Martin Diehl.

Wer hat die Verantwortung?

Um sicher zu gehen, dass alles fair zugeht nutzen Kryptowährungen das Prinzip der Blockchain. Sonst könnte jeder einfach so viel Geld für sich kopieren wie er will, oder jemand anderem etwas stehlen. Beim Blockchain-Prinzip werden alle Handlungen in einem Datenverzeichnis gespeichert. Dort sind sie immer für alle nachvollziehbar und können nicht mehr verändert werden.

Die Aufgaben übernehmen jedoch nicht Menschen, sondern Computer und zwar in Millisekunden. Die geprüften Überweisungen werden in sogenannten Blocks gespeichert. Sie sind wie digitale Listen, in denen steht, wer wie viel von wem bekommen hat. Ist eine Liste, ein Block, voll, überprüfen alle anderen Rechner diesen Block. Dann wird er an die schon geprüften Blocks der letzten Tage und Wochen drangehängt – ähnlich wie eine zweite Seite in einer Exceltabelle. So entsteht mit der Zeit eine lange Kette: die Blockchain. Sie zeichnet lückenlos alle Transaktionen im Netzwerk auf und kann nicht mehr verändert werden.

Wie in der Goldmine

Damit sich die Mitarbeit in der Blockchain aber lohnt, bekommen diejenigen, die neue Blöcke prüfen, dafür eine Belohnung – zum Beispiel Bitcoin. Deshalb nennt man sie "Miner" (von mining = engl. schürfen, wie bei der Suche nach Gold). Sie sorgen also dafür, dass die Blockchain sicher ist und erschaffen oder schürfen gleichzeitig neues Geld. Je mehr Miner es gibt, desto schneller und sicherer wird das Netzwerk.

Strom von 700 000 Windrädern

Jeder, der einen Computer hat, kann theoretisch Miner sein. Es gibt jedoch eine kleine Hürde: Damit nicht ständig alle neue Bitcoin bekommen, müssen die Miner Rätsel lösen, um einen Block zu bestätigen und an die Blockchain zu hängen. Diese Rätsel sind komplexe Rechenaufgaben, die die Computer im Netzwerk mit ihrer Rechenleistung lösen. Und das braucht Strom: Experten schätzen, dass das Schürfen von Bitcoin im Jahr 2018 so viel Strom verbrauchen könnte wie 700 000 Windkrafträder durchschnittlich in einem Jahr produzieren.

14 Überweisungen pro Sekunde

Zurzeit sind circa 1,8 Millionen Rechner am Netzwerk von Bitcoin beteiligt. In einer Sekunde werden dabei 14 Transaktionen, also Überweisungen von Geld, verzeichnet. Beim Kreditkartenanbieter Visa sind es 56.000 in der Sekunde. "Wir stehen immer noch ganz am Anfang", sagt Jeff. "Die Einführung des Internets, wie wir es heute kennen, hat auch 50 Jahre gedauert." Bis zur sinnvollen und einfachen Nutzung von Kryptowährungen wie Bitcoin im Alltag sei es noch ein weiter Schritt.

"Von Interesse für das Bankenwesen dürfte die Technik hinter Bitcoin, die so genannte Blockchain sein", sagt Dr. Martin Diehl von der Bundesbank. Damit könnten Prozesse schneller und effizienter geregelt werden. Zurzeit forschen die Banken daran, wie sie die Bitcoin Technologie nutzen können.

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