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Die Autorin

Schedler Anita

Anita Schedler (25)
studiert Kunstgeschichte

Erfahrungsbericht
Ein blau-weiß-roter Faden

07.02.2018 |

Ihre Begeisterung für Frankreich zieht sich wie ein blau-weiß-roter Faden durch ihr Leben: Anita studiert in Paris und hat auch dovor schon einige Zeit in unserem Nachbarland gelebt. Ihr persönlicher Bericht über den französischen Alltag, Aussöhung und l'amitié.

Eiffelturm am Ufer.

Anita studiert in Paris. Das Symbol der Stadt ist der Eiffelturm. – © DBT/Godong

Möglichst viele Deutsche sollten Französisch lernen und viele Franzosen Deutsch – dann werden die beide Nachbarländer in bester Freundschaft miteinander auskommen. Das soll der diplomatisch und etwas umständlich formulierte Satz wohl bedeuten: "Die beiden Regierungen erkennen die wesentliche Bedeutung an, die der Kenntnis der Sprache des anderen in jedem der beiden Länder für die deutsch-französische Zusammenarbeit zukommt." So steht es im Élysées-Vertrag, dem Freundschaftsvertrag zwischen Deutschland und Frankreich, den die Länder 1963 unterzeichneten.

Verben und Vokabeln

Auch bei mir war der erste Kontakt mit der französischen Kultur der Sprachunterricht an der Schule – und seitdem zieht sich meine Begeisterung für Frankreich wie ein blau-weiß-roter Faden durch mein Leben. Seit der sechsten Klasse lernte ich Französisch und bereiste bald mit meinen Klassenkameraden den Nachbarn im Westen, genauer gesagt Straßburg und Paris. Fasziniert von diesen Erfahrungen, paukte ich anschließend weiter fleißig Verben, Vokabeln und Grammatikregeln.

Lange Schultage

In der Oberstufe hieß es dann: "Schüleraustausch!". Ich kam bei einer Familie in der Nähe von Paris unter und Lucie, meine Gastschwester, half mir damals, mich einzuleben. Denn das französische Schulsystem erschien mir erst einmal etwas ungewöhnlich, vor allem die langen Schultage, die gehen nämlich nicht selten bis 17 Uhr. Die meisten Schulen in Frankreich sind nach dem Prinzip der Ganztagsschule organisiert. Nichtsdestotrotz genoss ich drei Wochen lange, laue französische Sommerabende und sogar einen kleinen Urlaub in der Bretagne.

Leben und Kultur

Es ist essentiell, die Jugend aktiv in den Prozess der Aussöhnung nach langen Jahren der Feindschaft und vielen schrecklichen Kriegen mit einzubeziehen. Das war auch den Gründungsvätern des Élysée-Vertrages bewusst. Die Jungen sollten das Leben und die Kultur des anderen Landes kennenlernen. Und so erwuchsen aus diesem Bewusstsein zahlreiche Programme und Institutionen, die sich bis heute aktiv um einen Austausch unter jungen Menschen bemühen, sei es in der Freizeit, in der Berufsausbildung oder im Studium. Ein Beispiel ist das deutsch-französische Jugendwerk.

Ab nach Paris

Mit dem Abitur in der Tasche entschied ich mich 2011 erst einmal für ein Auslandsjahr in Paris, was für mich auf vielfältigste Weise die reiche Kultur Frankreichs versammelt mit seinen prachtvollen und weltberühmten Kirchen und Museen. Ich arbeitete in einem deutsch-französischen Kindergarten und bei einer französischen Gastfamilie.

Mit meinen Gasteltern, beide Politikjournalisten, diskutierte ich viel über den damals in Frankreich stattfindenden Wahlkampf. Besonders der französische Arbeitsmarkt befand sich damals in einer desaströsen Lage: Ende März 2013 lag die Arbeitslosenquote der zweitgrößten Euro-Volkswirtschaft mit 3,23 Millionen Arbeitslosen bei 10,8 Prozent, was ein Rekordhoch bedeutete. In Deutschland lag sie damals bei nur 5,4 Prozent.

Flaggen und Wein

Der Sieg François Hollandes schließlich wurde als Hoffnung begriffen und in Paris auf dem Place de la Bastille mit Flaggen und viel Wein ausgiebig gefeiert. So viel öffentliche und kollektive Begeisterung kenne ich aus Deutschland nur vom Gewinn einer Fußballweltmeisterschaft.

Durch meine Arbeit in dem Kindergarten bekam ich nicht zuletzt auch einen spannenden Einblick in das alltägliche binationale Familienleben. Für die Kleinen war es völlig normal, in beiden Kulturen gleichzeitig aufzuwachsen. Solche internationalen Lehrinstitutionen gibt es in Frankreich und Deutschland. Dabei wird eine deutsch-französische Ausbildung über alle Stufen hinweg angeboten, von der Kindergartenbetreuung bis zum deutsch-französischen Universitätsabschluss. Im Schuljahr 2014/15 waren beispielsweise rund 7.000 Schüler in deutsch-französischen oder französischen Schulen in Deutschland eingeschrieben.

Art-Nouveau-Stil

Wenn Politiker von der deutsch-französischen Beziehung sprechen, dann fällt oft auch der Begriff der Verantwortung, die man aufgrund der Vergangenheit hat. Auch während meiner Zeit in Frankreich waren die Narben der konfliktreichen Vergangenheit noch erfahrbar. Seit zwei Jahren studiere ich nun in Paris Kunstgeschichte. Ein kleiner Ausflug in mein Studienfach: Nach dem deutsch-französischen Krieg von 1870/71 annektierte das deutsche Kaiserreich die Regionen Elsass und Lothringen. In diese Phase fällt auch die Blütezeit des Art-Nouveau-Stils. Die Ausdrucksformen, die dieser Stil in den nun verfeindeten Grenzgebieten fand, hatte nicht selten eine sehr politische Botschaft. Noch heute sind diese Spuren im Stadtbild von Nancy oder Straßburg erkennbar.

Mit Leidenschaft

Von den Vorurteilen, die in dieser bewegten Vergangenheit geprägt wurden, spüre ich hingegen nicht mehr viel. Das ein oder andere Klischee über den jeweiligen Landesnachbarn hält sich vielleicht, aber diese stellen im Zusammenleben keine unüberwindbaren Grenzen mehr dar. Ganz im Gegenteil, in der Umfrage "Frankreich, Deutschland und Sie?" (von ARD, Deutschlandradio, ARTE und Radio France ) gaben 73 Prozent der französischen Befragten an, Deutschland leidenschaftlich bis sehr zu mögen. Auf deutscher Seite waren es gar 81 Prozent.

Vive l’amitié!

Während der Feierlichkeiten zum 55. Jubiläum des Élysées-Vertrages im Januar diesen Jahres beschrieb der französische Parlamentspräsident François de Rugy die Beziehung der beiden Länder so: "Frankreich und Deutschland sind nicht mehr nur ein Paar. Unsere beiden Länder sind eine Familie." Damit wurde ein Niveau an gegenseitigem Vertrauen und Respekt erreicht, das man sich 1963 wohl erhofft hatte, dessen Eintreten aber aufgrund der gemeinsamen, von grauenvollen Konflikten geprägten Vergangenheit, berechtigterweise fraglich war.

Dies war nur möglich, da viele Persönlichkeiten auf politischer Ebene immer wieder diesen Bund erneuert und mit einer Basis ausgestattet haben. Es funktionierte aber vor allem, weil die Menschen, die Bürger der beiden Länder, dieses Angebot der Aussöhnung annahmen und mit Leben und persönlichen Geschichten füllten, von denen meine nur eine von vielen ist. So wurde aus der Freundschaft auf Rezept in den letzten 55 Jahren eine enge Partnerschaft fürs Leben.

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