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Die Autorin

Ann-Kristin Hentschel 68x68

Ann-Kristin Hentschel (19)
studiert Politik und Psychologie

Deutschland/Frankreich
Hand aufs Herz, mon ami!

07.02.2018 |

Deutschland und Frankreich, das Dreamteam im Herzen Europas, feiert 55. Jahrestag. Die gute Beziehung begann mit einem Schriftstück. Ann-Kristin skizziert die wechselhafte Geschichte und hat herausgefunden, was die beiden Länder jetzt planen.

Häkelflagge

Wollen den Faden nicht verlieren: Deutschland und Frankreich. – © picture alliance / ZUMA Press

Croissants beim Bäcker, Crêpes auf dem Jahrmarkt, Mousse au Chocolat zum Nachtisch. Diese französischen Köstlichkeiten lieben wir Deutschen! Doch nicht nur kulinarisch ist die französische Kultur bei uns angekommen: Rund 20 Prozent aller deutschen Schüler lernen Französisch in der Schule und mehr als 5.000 deutsche Studierende fahren im Rahmen des Programms Erasmus+ jedes Jahr für ein Auslandssemester nach Frankreich. Innerhalb der EU sind Deutschland und Frankreich einander so nahe, wie keine anderen zwei Länder. Wenn es darum geht, die Gemeinschaft voranzubringen, ziehen sie meist an einem Strang.

Vom Feind zum Freund

Die deutsch-französische Freundschaft ist tief verwurzelt, die beiden Länder im Herzen Europas gehören offenbar irgendwie zusammen. Das ist sogar in einem Vertrag festgelegt: dem Elysée-Vertrag, dem Freundschaftsvertrag von 1963. Blickt man allerdings einige Jahrzehnte zurück, stellt man fest: Die Beziehung war lange Zeit alles andere als freundschaftlich. Wie kam es also zur l’amitié franco-allemande?

Die Geschichte beginnt vor etwa 1.000 Jahren mit Karl dem Großen, dem Kaiser des Frankenreiches. Das Frankenreich gibt es heute nicht mehr, denn nach dem Tod von Karl dem Großen stritten sich seine Söhne und Enkel um die Macht und einigten sich schließlich darauf, das Reich aufzuteilen. Aus diesen Teilreichen entstanden zunächst das West- und das Ostfrankrenreich, später dann Deutschland und Frankreich.

Damit ging der Streit los

Die Aufteilung in die Teilreiche war der Beginn vieler kriegerischer Auseinandersetzungen. So versuchte Napoleon I, Kaiser von Frankreich, nach Ende der französischen Revolution (1789) seine Macht in Europa zu vergrößern und es kam zu den sogenannten "Koalitionskriegen". 1870/71 fühlte sich erneut ein Napoleon, diesmal allerdings der dritte (III), von Otto von Bismarck, Ministerpräsident des Königreichs Preußen, so sehr provoziert, dass er einen Krieg begann. Preußen gewann, schloss sich nach dem Krieg mit anderen Staaten zusammen und verkündete das Deutsche Kaiserreich. Ausgerufen haben Bismarck und seine Kollegen das neue Reich im Schloss von Versailles unweit von Paris, als kleinen Seitenhieb auf die Franzosen.

Erbitterte Kämpfe

Auch wenn Frankreich das ärgerte, herrschte zunächst Frieden zwischen den beiden Ländern, bis 1914 der Erste Weltkrieg begann. Im Ersten Weltkrieg standen sich Frankreich und Deutschland feindlich gegenüber. Es schien, als würde sich die aufgestaute Wut gegenüber einander plötzlich entladen. Die beiden bekämpften sich erbittert. Fünf Jahre später war alles vorbei. Der Verlierer diesmal: Deutschland.

Frankreich gewann mit Hilfe seiner Verbündeten und gab Deutschland die Schuld am Krieg. Um Deutschland dafür bezahlen zu lassen wurde ein Vertrag aufgesetzt: der "Vertrag von Versailles" – wieder im Schloss von Versailles. In dem Vertrag, der von vielen weiteren Ländern unterschrieben wurde, waren Maßnahmen festgelegt, um den Frieden zu wahren, aber auch um Deutschland zu bestrafen. So war Deutschland nach Ende des Kriegs zum Teil noch von den Franzosen besetzt und musste hohe Reparationszahlungen leisten (zur Behebung von Kriegsschäden und zur Wiedergutmachung).

Nie wieder!

Die Armut und Unzufriedenheit der Deutschen stieg und bot Nährboden für Propaganda. Der Aufstieg des Nationalsozialisten Adolf Hitler begann. Und als Hitler an die Macht kam, zogen die Deutschen unter ihm erneut in den Krieg. Wieder ein Weltkrieg, wieder mit Frankreich als einer der Feinde. Dieser Krieg sollte besonders schlimm werden, besonders brutal. Er forderte 60-70 Millionen Tote.

Als er zu Ende war, waren sich alle einig: So etwas darf nie wieder passieren. Zwar brauchten die Nachbarländer einige Zeit, um den Groll zu überwinden, denn der Schock des Krieges saß tief, die Trauer um die Opfer war groß. Doch einige Jahre später war es dann soweit: Deutschland und Frankreich näherten sich an, sie redeten miteinander. Genauer gesagt der damalige Bundeskanzler Konrad Adenauer (CDU) und der französische Präsident Charles de Gaulle. Die beiden verstanden sich so gut, dass sie beschlossen, die deutsch-französische Freundschaft in einem Vertrag festzuhalten: dem Elysée-Vertrag.

Was steht im Vertrag?

Unterschrieben wurde der Vertrag am 22. Januar 1963, also vor ziemlich genau 55 Jahren. Er beinhaltet nicht nur, dass die beiden Länder in Zukunft in Frieden miteinander leben wollen, sondern auch viele andere Punkte. So ist zum Beispiel festgelegt, dass sich Regierungsvorsitzende beider Länder in regelmäßigen Abständen treffen und sich austauschen. Zudem hat man sich darauf geeinigt, sich in außenpolitischen Fragen, wenn es also zum Beispiel um die Verteidigung oder um Europa geht, abzusprechen. Auch die Kultur- und Jugendpolitik sind wichtige Punkte im Elysée-Vertrag.

Der Plan geht auf

Wie man an den zahlreichen Austauschprogrammen, den fleißig Französisch-lernenden Schülern und der engen Zusammenarbeit der ehemals verfeindeten Länder sehen kann, funktioniert der Plan offensichtlich, die Feindschaft in Freundschaft zu verwandeln. Der Elysée-Vertrag ist ein Erfolgsmodell.

Und dennoch: 55 Jahre sind eine ganz schön lange Zeit. Längst sind neue Generationen am Werk und andere Themen relevant. Die Zeiten ändern sich und so vermutlich auch bald der Vertrag. Schon lange war eine Neufassung geplant. Jetzt, mit Präsident Emmanuel Macron aus Frankreich, der den Zusammenhalt in Europa ohnehin stärken möchte, und Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) aus Deutschland wird das Ganze konkreter.

Bei den Gesprächen zeigte sich eins: Deutschland und Frankreich haben gemeisname Ideen, aber auch unterschiedliche Vorstellungen für die Zukunft Europas. In welche Richtung könnte es gehen? "Ein erster Schritt wäre mehr Mut – man muss Unterschiede auch mal aushalten", sagt Julie Hamann von der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik. "Wenn Deutschland und Frankreich zeigen, dass sie zwar in manchen Bereichen unterschiedliche Meinungen haben, aber trotzdem gemeinsam einen Kompromiss finden, hilft das auch anderen weiter." (Interview)

Gemeinsames Abi?

Am Jahrestag zur Unterzeichnung des Elysée-Vertrags sprach auch Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble (CDU) aktuelle Themen wie Terrorismus, Klimaschutz und Migration an, in denen eine engere Kooperation gefördert werden soll. Auch die kulturelle Verknüpfung und die Bildungszusammenarbeit solle intensiviert werden. Geplant sind zum Beispiel mehr zweisprachige Schulklassen, in denen ein französisches und ein deutsches Abitur erworben werden können.

"Gemeinsam!" – mit diesem Wort beendete Schäuble seine Rede. Gemeinsam stellen sich Deutschland und Frankreich neuen Herausforderungen und gemeinsam schaffen sie damit in Europa einen Zusammenhalt, der über Crêpes und Croissants weit hinausgeht. Gleich nach der Debatte im Bundestag am 22. Januar, bei der CDU/CSU, SPD, FDP und Grüne in einem sogenannten Entschließungsantrag von den Regierungen der beiden Länder fordern, "einen neuen Élysée-Vertrag zu erarbeiten", machte sich Schäuble dann auf den Weg zur französischen Nationalversammlung, dort wurde in bewährter Einigkeit ein wortgleicher Antrag verabschiedet. Und der deutsche Parlamentspräsident sprach zu den französischen Abgeordneten – auf Französisch.

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