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Die Autorin

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Laura Heyer (27)
macht ein Volontariat bei bundestag.de und dem Parlamentsfernsehen

Frankreich-Expertin
"Unterschiede auch mal aushalten“

07.02.2018 |

Julie Hamann (29) ist Beziehungsexpertin – und zwar für die zwischen Deutschland und Frankreich. Sie arbeitet bei der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik. Laura hat sie gefragt, was dran ist an der Freundschafts-Feierei, wie sie kürzlich in Berlin und Paris stattfand.

Junge Frau schaut in die Kamera

Für Julie Hamann (29) muss der Austausch zwischen Deutschland und Frankreich tiefer gehen. Manchmal fehlt ihr die echte Debatte. – © GAPD

Viele Schüler stehen vor der Wahl, ob sie Französisch in der Schule lernen sollen. Sollte man?

Natürlich sollte man Französisch lernen! Frankreich ist unser wichtigster Nachbar und es gibt viele Menschen auf der ganzen Welt, die Französisch sprechen. Für mich ist Sprache ein ganz großer Schlüssel, um andere Länder und Kulturen zu verstehen. Es ist zwar gut, dass man sich mittlerweile überall auf Englisch verständigen kann, aber nichts ersetzt die eigentliche Sprachkenntnis. Es ist eine tolle Erfahrung, direkt mit Menschen auf Französisch in Kontakt zu kommen, zu sprechen und sich auszuprobieren.

Am 22. Januar 1963 haben Konrad Adenauer und Charles de Gaulle den Élysée-Vertrag unterzeichnet und darin die Freundschaft zwischen Deutschland und Frankreich festgeschrieben. Jetzt, 55 Jahre später, haben der Deutsche Bundestag und die französische Assemblée nationale das Jubiläum gefeiert. Ist diese Art von Erinnerung wichtig?

Die Gefahr ist groß, dass solche Feiern eine Art Ritual werden, die dann regelmäßig stattfinden mit großen Reden und Worten doch ohne große Folgen. In diesem Jahr war es anders: Beide Länder habe verstanden, dass wir in Europa gerade in einer schwierigen Phase sind. Dinge, die man vorher für selbstverständlich gehalten hat, werden nicht mehr von allen Mitgliedern der EU als selbstverständlich angesehen. Deshalb haben Deutschland und Frankreich versucht, eine lebendigere Debatte zu führen. Man will den Élysée-Vertrag weiterdenken und an die heutige Zeit anpassen.

Einige Kritiker sagen, solche Feiern seien Heuchelei und würden nichts bringen. Ist da etwas dran?

Nein, das würde ich nicht sagen. Es ist schon ein großer Fortschritt, dass man durch Abkommen überhaupt verpflichtet ist, sich zu treffen und miteinander zu reden. Oft geht so ein Austausch aber nicht genug in die Tiefe. Man spricht miteinander, man bekundet Gemeinsamkeiten, aber man geht den Dingen nicht genau auf den Grund, bei denen man sich nicht einig ist. Manchmal fehlt mir eine echte Debatte.

Was könnte eine Lösung sein?

Ein erster Schritt wäre mehr Mut – man muss Unterschiede auch mal aushalten. Sie sind in Europa und der EU an der Tagesordnung, denn das geht gar nicht anders bei so vielen Mitgliedern. Wenn Deutschland und Frankreich zeigen, dass sie zwar in manchen Bereichen unterschiedliche Meinungen haben, aber trotzdem gemeinsam einen Kompromiss finden, hilft das auch anderen weiter. Es zeigt, dass Deutschland und Frankreich keine Front gegen andere Länder bilden, sondern, dass es zwei Länder mit unterschiedlichen Sichtweisen gibt, mit denen man sich identifizieren kann.

Bundestagspräsident Dr. Wolfgang Schäuble hat in seiner Rede am 22. Januar gesagt, dass weder Deutschland, noch Frankreich, noch Europa eine Zukunft haben ohne die deutsch-französische Freundschaft. Ist das so?

Vor der deutsch-französischen Freundschaft wurde Europa ganz oft von Kriegen heimgesucht. Dabei ging es häufig um die Frage, welches der beiden Ländern die Vormachtstellung in Europa hat. Beide Länder sind groß und liegen sehr zentral. Immer wenn diese Feindschaft aufgeflammt ist, gab es große Katastrophen, wie zum Beispiel den Ersten und Zweiten Weltkrieg. Die Freundschaft zwischen Deutschland und Frankreich bildet daher die Grundlage für den Frieden in Europa. Wenn man die 55 Jahre, in denen es einen Freundschaftsvertrag gibt, mal mit der Zeit vergleicht, in der immer wieder Kriege in Europa stattgefunden haben, merkt man, das die Zeit des Friedens noch gar nicht so lange ist.

Was macht denn die deutsch-französische Freundschaft aus?

Wenn man mit dem Nachbarn eng verbunden ist, kann man keinen Krieg mehr gegeneinander führen, weil man sich damit selbst schadet – das war am Anfang die Idee hinter der Freundschaft zwischen Deutschland und Frankreich. Und das muss bei Menschen im Alltag gelebt werden. Mit dem Vertrag von 1963 wurde das deutsch-französische Jugendwerk gegründet. Das Ziel war, junge Leute zu den Treibern der Freundschaft zu machen – und genau das ist heute immer noch ganz wichtig. Es ist jetzt ganz einfach möglich, an Austauschprogrammen teilzunehmen, sich zu engagieren, im Nachbarland in die Schule zu gehen oder dort zu studieren. Bis heute gibt es schon um die 240.000 Austauschprogramme.

Spezifisch sind auch die vielen engen Städtepartnerschaften. Nach dem Krieg haben sich kleine Gemeinden und Städte in Deutschland und Frankreich zusammengetan, um sich zu versöhnen und daran alle Einwohner ganz konkret zu beteiligen.

Deutschland und Frankreich wollen nun einen neuen Vertrag schließen. Dazu wurden schon viele Punkte ausgearbeitet, zum Beispiel eine Zusammenarbeit im Bereich Digitalisierung oder Umwelt. Wie beurteilen Sie diese Vorstöße?

Der ursprüngliche Vertrag von 1963 war sehr kurz und enthielt gar nicht viele Details. Deshalb sollten wir heute ruhig mehr Bereiche mit einschließen – denn damals gab es zum Beispiel die Digitalisierung noch gar nicht. Besonders wichtig ist unter anderem das Ziel, gemeinsam gegen Jugendarbeitslosigkeit vorzugehen. In Frankreich sind sehr viele junge Menschen arbeitslos und in Deutschland suchen Firmen Auszubildende. Um dort noch einen Schritt weiter zu kommen, müssen aber noch viele Hürden abgebaut werden. Berufsabschlüsse sollten etwa gegenseitig noch leichter anerkannt werden.

Auch die Zusammenarbeit zwischen den Parlamenten soll verstärkt werden – bisher sind vor allem die Regierungen eng miteinander verbunden. Aber die Demokratie drückt sich besonders im Parlament aus. Es könnten zum Beispiel französische Abgeordnete an Sitzungen des Europaausschusses im Bundestag teilnehmen, wenn dort beide betreffende Themen besprochen werden.

Über Julie Hamann:

Julie Hamann (29) ist Expertin für die deutsch-französischen Beziehungen bei der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik. Sie hat Politikwissenschaften und Soziologie in Deutschland und Frankreich studiert und organisiert den Deutsch-Französischen Zukunftsdialog, ein Projekt für junge Menschen aus beiden Ländern.

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