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Die Autorin

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Luise Schneider (22)
Sprach- und Kommunikations- wissenschaften

Votez-vous? – Wählt ihr?

08.04.2014 |

Kennt ihr das Web-Tool Wahl-O-Mat, das Entscheidungshilfe bei Wahlen gibt? Zur Europawahl bringen sechs junge Franzosen dieses Projekt in ihr Heimatland. Bei Café au lait und Tarte aux pommes haben sie Luise von "Vote&Vous" erzählt und wo es noch knirscht.

Auf einen Milchkaffee

Eine Gruppe Jugendlicher sitzt in einem Café und unterhält sich.

"Vote&Vous" – "Wahl&Ihr" – so heißt das Projekt, das die sechs Franzosen in ihr Heimtland bringen wollen. Gerade sammeln sie die nötigen Statements von den Parteien ein. – © Anna Rakhmanko

Eine Gruppe Jugendlicher sitzt in einem Café und unterhält sich.

Dafür hat die Gruppe einen Verein gegründet – und zwar einen, in dem es keine Hierarchien gibt, ... – © Anna Rakhmanko

Eine Gruppe Jugendlicher sitzt in einem Café und unterhält sich.

... da können Diskussionen schon mal länger dauern. – © Anna Rakhmanko

Eine Gruppe Jugendlicher sitzt in einem Café und unterhält sich.

Je nach eigenen Interessen haben die Mitglieder ihre Schwerpunkte gesetzt. Kannitha kümmert sich um juristische Fragen. – © Anna Rakhmanko

Ein Croissant, diverse Stücke Tarte aux pommes und mehrere große Tassen Kaffee und Gläser füllen den Tisch. Gabriel, Hut und Aktentasche neben sich, nippt an seinem Cidre, Apfelwein, und grinst: "Der kommt aus der Normandie. Genau wie Antoni und ich." Er ist einer der fünf Jugendlichen aus Frankreich, mit denen ich heute verabredet bin. In einem typisch französischen Café mitten in Berlin erzählen sie von ihrem großen Vorhaben: den Wahl-O-Maten nach Frankreich bringen.

Von Deutschland nach Frankreich

Die Idee des Wahl-O-Maten ist simpel: Er ist eine Webpräsenz, die dem Nutzer eine Entscheidungshilfe bei Wahlen geben soll. Er ist ein Frage-und-Antwort-Tool, das zeigt, welche zu einer Wahl zugelassene Partei der eigenen politischen Position am nächsten steht. Dazu werden die Nutzer nach ihrer Meinung zu verschiedenen Thesen gefragt. In Deutschland konnte der Wahl-O-Mat schon häufiger vor Bundestagswahlen genutzt werden. Bei der EU-Wahl gibt es nun noch eine Besonderheit: Es soll die Möglichkeit geben, die eigenen Ergebnisse mit Parteien aus 13 weiteren EU-Ländern zu vergleichen.

39 Millionen Nutzer

Ursprünglich kommt die Idee des Wahl-O-Maten aus den Niederlanden. In Deutschland ist die Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) Entwickler und Betreiber des Wahl-O-Maten, den es hierzulande seit 2002 gibt. Mittlerweile hat er sich zu einer festen Informationsgröße im Vorfeld von Wahlen etabliert: Insgesamt wurde er über 39 Millionen Mal genutzt – zur Bundestagswahl 2013 alleine 13,3 Millionen Mal.

In Frankreich gibt es diese Web-Wahl-Hilfe bisher nicht. Daher trug die bpb die Idee eines französischen Wahl-O-Maten Ende letzten Jahres an die jungen Franzosen heran, die alle im Alter von 22 bis 26 Jahren sind. "Zu Beginn war das Projekt nur für die Europawahl gedacht", erklärt Antoni, während er sich mit überschlagenen Beinen zurücklehnt. "Dann hat es sich jedoch immer weiterentwickelt, sodass wir mittlerweile sogar einen Verein ins Leben gerufen haben."

Gemeinsame Entscheidungen

Die fünf jungen Franzosen haben sich über eine Veranstaltung kennengelernt. Sie sind nämlich allesamt Teilnehmer eines Programms des Bundestages, mit dem junge Leute aus anderen Ländern ein fünfmonatiges Praktikum im Bundestag machen. Das Projekt heißt Internationales Parlaments-Stipendium (IPS). Ein sechstes Vereinsmiglied, Daniel, lebt und arbeitet in Köln. Er hat zusammen mit Alban aus dem Verein studiert.

Das Gespräch wird kurz unterbrochen durch Benjamin, der etwas verspätet kommt. "Jaja, der hatte noch einen Termin", sagt Alban und klopft seinem Kollegen grinsend auf die Wange. Das Fahrrad wird abgestellt und Benjamin steigt in akzentfreiem Deutsch direkt ins Gespräch ein: "Die größte Herausforderung war die Finanzierung. Wir brauchten einen institutionellen Partner, der uns Mittel zur Verfügung stellt. Mit dem Deutsch-Französischen Jugendwerk hatten wir alle schon Erfahrungen gemacht. Wir haben es dann angeschrieben und sie waren sofort von der Idee begeistert."

"Haste mal ne Münze?"

Ein zweites Mal wird das Gespräch unterbrochen. Diesmal von einem Mann, der die Gruppe um eine Münze bittet. Wieder ist Alban zur Stelle: "Na klar habe ich eine Münze! Bestimmt sogar zwei." Anschließend berichtet er vom weiteren Vorgehen der Gruppe: "Das wichtigste beim Wahl-O-Maten sind die Fragen. Und die werden nicht von irgendwelchen Professoren oder Wissenschaftlern entwickelt. Stattdessen haben wir zwölf Jugendliche zu einem Workshop nach Paris eingeladen, um gemeinsam über die Fragen zu debattieren. Momentan sind wir nun dabei, die Fragen an die französischen Parteien zu schicken."

Noch sind die Fragen und Thesen ein Geheimnis – solange bis der Wahl-O-Mat veröffentlicht wird. Bis dahin sollen die Parteien die ersten sein, die sie lesen, äußern sich die fünf geheimnisvoll. An 20 französische Parteien, die an der Europawahl teilnehmen, haben Alban, Gabriel und Co. die Thesen bisher geschickt.

Den Nerv treffen

Und was, wenn die Parteien nicht antworten? "Die Sorge besteht schon", gesteht Antoni und Alban ergänzt: "Aber das Projekt ist ja auch in ihrem Interesse. Die Sozialistische Partei, das rechte Lager und die Rechtsextremen – sie alle brauchen diese Wahl." Vor allem Letztere sind in Frankreich auf dem Vormarsch, wie die kürzlich stattgefundenen Kommunalwahlen belegen. Ihre europakritische Haltung scheint den Nerv vieler Franzosen zu treffen, weshalb ihnen auch für die Europawahl 2014 Erfolge vorhergesagt werden.

Das Ziel der sechs ist es jedoch keinesfalls, Menschen zur Wahl einer bestimmten Partei zu bewegen. Es geht ihnen ausschließlich darum, die Bürger zu informieren und ihr Interesse für Politik und Demokratie zu wecken. Kannitha fasst zusammen: "Informationen sind eine wichtige Voraussetzung dafür, dass Menschen frei entscheiden können, wen sie wählen möchten."

Jung, gleichberechtigt, ohne Chef

Das Wort "Demokratie" nehmen die fünf jungen Vereinsgründer auch für ihre eigene Organisation sehr ernst. "Da wir an einem demokratischen Projekt arbeiten, wollten wir auch einen sehr demokratischen Verein. Daher gibt es keinen Präsidenten", erzählt Gabriel, "wir leiten den Verein alle sechs gleichberechtigt und treffen alle Entscheidungen gemeinsam."

Dementsprechend werden auch die meisten Aufgaben gemeinsam besprochen. Zusätzlich hat jedes Mitglied sein Spezialgebiet. "Wir sind zum Beispiel die, die Bescheid sagen, wenn etwas juristisch nicht in Ordnung ist", sagt Gabriel mit Blick auf Kannitha, die ergänzt: "Wir sind die juristische Abteilung".

Ende April geht "Vote&Vous" (Wahl&Ihr"), wie das Projekt heißt, nun an den Start. Zeitgleich mit seinem deutschen Vorbild. Das kannten die Macher des französischen Wahl-O-Maten übrigens schon lange vor Beginn ihres eigenen Projekts. "Wir hatten alle immer schon im Kopf: Schade, dass es das nicht in Frankreich gibt", erzählt Alban und Gabriel pflichtet ihm bei: "Den Wahl-O-Mat jetzt selbst zu machen, das ist schon ein Traum."

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