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Europa-Experten
Was wäre wenn ...

– © Kürschner

"Europa war immer in der Krise"

Melanie hat den Historiker Guido Thiemeyer gefragt:

Welche Rolle spielt die EU in der europäischen Geschichte?

Die EU wurde durch französisch-deutsche Federführung als Reaktion auf den Zweiten Weltkrieg gegründet, um Sicherheit zu spenden und Frieden zu wahren. Militärisch ist die EU allerdings schwach, in der Wirtschaft ist sie stark. Schaut man sich die territorialen Erweiterungsschritte der Europäischen Union an, liest es sich ein wenig wie eine Erfolgsgeschichte. Die verschiedenen Länder traten aus sehr verschiedenen Motiven bei. Spanien, Griechenland und Portugal beispielsweise wollten nach dem Zusammenfall der eigenen Diktaturen die Demokratie fördern. Durch ihren Beitritt wollten sie neben wirtschaftlichen Strukturen auch politische übernehmen.

Viele kleine Länder, wie Dänemark zum Beispiel, können durch den europäischen Zusammenschluss ganz anders mit Staaten wie den USA verhandeln. Gemeinsame Prinzipien bieten zudem eine moralische Instanz, die eine Wertegemeinschaft der EU legitimieren – man denke da an den Europäischen Gerichtshof in Luxemburg.

Europa gibt vielen Staaten eine Ordnung, in der alle Mitglieder gleichberechtigt sind. Diese Ordnung ist keine Selbstverständlichkeit und historisch ein Meilenstein. Neben der Staatenordnung sind wie gesagt auch wirtschaftliche Aspekte vordergründig. Die Römischen Verträge von 1958 begründeten schließlich eine Europäische Wirtschaftsgemeinschaft (EWG). Ein gemeinsamer Markt innerhalb Europas schuf die Grundlage für wirtschaftliche Verflechtung der EU-Länder und seine stetige Ausweitung. Zudem ist die gesellschaftliche und kulturelle Bedeutung der EU elementar. Visa- und Grenzkontrollen sind für die junge Generation nicht mehr in dem Maße greifbar. Gerade Studierende profitieren von der Zusammenarbeit, zum Beispiel durch Erasmus-Semester im europäischen Ausland.

Was würde es für Europa bedeuten, wenn es die EU morgen nicht mehr gäbe?

Die Folgen für eine Auflösung der EU wären hart und würden unser alltägliches Leben stark beeinflussen. Unsere Mobilität würde stark eingeschränkt werden und für die Wirtschaft wäre es dramatisch. Vermutlich gäbe es eine neue Organisation. Denn das liegt im Sinne der Nationalstaaten: Sicherheit und wirtschaftlich kooperierende Gesellschaften. Bilaterale Verträge zwischen einzelnen Staaten wären zwar möglich, jedoch hat man durch einen europäischen Binnenmarkt eine bessere Verhandlungsposition.

Die Europäische Union hat durch ihre Ordnung Frieden geschaffen, jedoch würden nicht sofort die Panzer rollen, wenn es die EU morgen nicht mehr gäbe. Kriege wären aber wahrscheinlicher. Viele Länder profitieren von der Europäischen Union durch finanzielle Leistungen. Diese Subventionen sind jedoch auch an Forderungen geknüpft, die manchmal Unbehagen auslösen. Den baldigen Austritt Großbritanniens aus der EU bewerten einige als Krise Europas. Retroperspektiv jedoch war Europa immer in der Krise.

Über Guido Thiemeyer:

1967 in Köln geboren, studierte Guido Thiermeyer von 1988 bis 1994 Geschichte, Philosophie und Volkswirtschaftslehre in seiner Heimatstadt. Von 1998 bis 2010 war er Wissenschaftlicher Assistent und Hochschuldozent an der Universität Kassel. Außerdem arbeitet er an Universitäten in Siegen, Köln und Heidelberg. Nach einem dreijährigen Abstecher nach Frankreich, als Professeur associé d'histoire contemporaine an der Universität Cergy-Pontoise, landete er 2013 in Düsseldorf, wo er seitdem als Professor für Neuere Geschichte an der Heinrich Heine Universität arbeitet. Seine Forschungsschwerpunkte sind Internationale Geschichte Europas im 19. und 20. Jahrhundert, Geschichte der Europäischen Integration und Geschichte der internationalen Währungsbeziehungen.

– © privat

"Wir müssen es vor unseren Kindern verantworten"

Lisa hat den Finanzexperten Prof. Dr. Thomas Mayer gefragt:

Was würde es für den europäischen Währungs- und Finanzmarkt bedeuten, wenn es die EU morgen nicht mehr gäbe?

Das wäre eine ziemliche Katastrophe. Schließlich hat uns die EU Frieden, Freiheit, Demokratie und Rechtstaatlichkeit gebracht, die es vorher in Europa so nicht gab. Ohne die EU würden wir auf die Nationen zurückfallen, was uns Wohlstand kosten würde und viel neue Streitereien in Europa bringen würde. Wir müssen daher alles tun, um die EU zu erhalten.

Manchmal ist aber weniger mehr. Um sie zu erhalten, sollten wir die EU zurückbauen. An der Zollunion und am Binnenmarkt können alle Länder Europas teilnehmen. Dazu braucht es keinen EU-Staat. Eine gemeinsame Währung, die im Wesentlichen von den privaten Banken geschaffen wird und deshalb eine staatliche Einlagenversicherung braucht, taugt aber nur für einander sehr ähnliche Staaten, die sich zu einem Bundesstaat zusammen schließen können.

Auch der grenzfreie Reiseverkehr nach dem Schengen Abkommen funktioniert nur mit Staaten, die gemeinsam ihre Außengrenzen sichern, sich auf gemeinsame Regeln für die Einreise in das Staatsgebiet einigen und ins Land kommende Flüchtlinge und Asylbewerber untereinander aufteilen können. Dazu brauchen wir ein Europa mehrerer Geschwindigkeiten. Allerdings reicht es nicht, nur davon zu reden. Es braucht auch mutige Politiker, die das durchsetzen. Wir werden es vor unseren Kindern und Enkeln einmal verantworten müssen, wenn wir es nicht schaffen, die EU zu erhalten, die wir von unseren Vätern und Müttern geerbt haben.

Was bedeutet die Europäische Union für den Banken- und Finanzsektor in Europa?

Europa ist für die meisten eins mit der europäischen Währungsunion, dem Euro. Wenige Leute wissen aber, dass die meisten Euros, die sie als Zahlungsmittel benutzen, überhaupt nicht von der Europäischen Zentralbank (EZB), sondern von den privaten Banken produziert werden. Es handelt sich dabei um das Geld auf den Girokonten, das sogenannte Giralgeld. Die Banken erzeugen das Geld, wenn sie Kredite vergeben. Erhält jemand einen Kredit, schreibt ihm die Bank das Geld einfach auf seinem Girokonto gut. Sie braucht dazu keine Spareinlagen; sie produziert das Geld selbst. Die Aufgabe der EZB ist es, die Kreditvergabe und damit die Geldproduktion zu steuern, indem sie über die Kreditzinsen die Kreditnachfrage beeinflusst.

Die andere Aufgabe der EZB ist, den Banken Geldscheine zu leihen, wenn Leute das auf der Bank liegende Giralgeld in Banknoten tauschen wollen. Große Probleme entstehen, wenn Kreditnehmer ihre Kredite nicht mehr zurückzahlen können, weil sie pleite sind. Dann wäre eigentlich auch das mit diesem Kredit geschaffene Giralgeld weg. Um dies zu vermeiden, hat man staatliche Einlagenversicherungen gegründet. Im Notfall muss also der Steuerzahler einspringen, um das Geld zu retten, wenn die Kredite futsch sind.

In der Währungsunion gibt es aber keine gemeinsame Einlagenversicherung, weil es keinen Eurostaat gibt. Zwar haben die Eurostaaten eine eigene Einlagenversicherung gebaut, aber die taugt nur, solange der jeweilige Staat nicht selbst pleitegeht. Wie das Beispiel Griechenland zeigt, kann das aber passieren. Um die Währungsunion wetterfest zu machen, müsste man also einen Eurostaat schaffen. Aber das wollen die Leute nicht.

Über Thomas Mayer:

Der ehemalige Chefvolkswirt der Deutschen Bank Gruppe und Leiter von Deutsche Bank Research Prof. Dr. Thomas Mayer (geboren 1954) wurde nach einer Karriere bei Goldman Sachs und dem Internationalen Währungsfond zu einem der größten Kritiker des internationalen Finanzsystems. Seither arbeitet er bei der Vermögensverwaltung "Flossbach von Storch" und ist Honorarprofessor der Universität Witten-Herdecke. 2014 erschien sein Buch "Die neue Ordnung des Geldes", in dem er an eine Grundsatzänderung der Währungsordnung appelliert.

– © privat

"Besser kennen und schätzen lernen"

Samuel hat Sabine Bornemann, Leiterin der nationalen Kontaktstelle für die Kulturförderung der Europäischen Union in Bonn gefragt:

Welche Bedeutung hat die Europäische Union für den kulturellen Austausch in Europa?

Eine absolut grundlegende, wie ich finde! Die Förderprogramme der Europäischen Union unterstützen natürlich die allgemeine Politik der EU und zielen darum im Rahmen der Europa 2020 Strategie vor allem auf Wachstum und Beschäftigung. Im Kulturbereich geht es darum, den europäischen Kreativ- und Kultursektor im globalen Kontext wettbewerbsfähiger zu machen, daneben aber immer auch um den kulturellen Austausch der Mitgliedsstaaten.

Als Europäer sollen wir uns besser kennen und schätzen lernen und mit unterschiedlichen Blickwinkeln zu innovativeren und besseren gemeinsamen Ergebnissen kommen. Ein weiteres Ziel ist darum eine gemeinsame europäische Identität. Im besonderen Maße gilt dies natürlich für das EU-Kulturprogramm, derzeit "Kreatives Europa – Kultur".

Da die EU im Kulturbereich nur subsidiär, also unterstützend, fördern darf, müssen Antragsteller überzeugend darlegen, dass ihr Projekt einen europäischen Mehrwert erbringt und nur mit Partnern aus anderen europäischen Ländern sinnvoll durchführbar ist. Ein anschauliches Beispiel hierfür ist ein gefördertes Theaterprojekt der "Büchner Bühne" in Riedstadt (Hessen), welches 2012 und 2013 mit Partnern in Frankreich und Polen stattgefunden hat. Anhand Büchners Stück "Dantons Tod", das sich mit der französischen Revolution und den grundlegenden Werten Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit befasst, wollte man durch die Arbeit am Stück und Publikumsdiskussionen nach den Aufführungen in allen drei Ländern gemeinsam herausfinden, was diese Werte dort in der Vergangenheit bedeutet haben, wohin das jeweils in der Geschichte geführt hat und was diese Werte dort heute bedeuten.

Dass solch ein Vorhaben nur mit Partnern aus den betreffenden Ländern durchgeführt werden kann, ist offensichtlich. Neben konkreten Projektergebnissen gibt es bei solchen jahrelangen Austausch-Projekten nicht nur sofort messbare, wirtschaftliche Gewinne, sondern auch unzählige indirekte, langfristige Wirkungen. Es werden Freundschaften geknüpft und es entstehen weitere Kooperationen über die Landesgrenzen hinaus.

Was würde es für den europäischen Kulturbereich bedeuten, wenn es die EU nicht mehr gäbe?

Das wäre fatal! Viele europäische Kooperationen und Anregungen aus den Mitgliedsstaaten würde es dann nicht mehr geben, ganz zu schweigen von der dann verlorenen Bewegungsfreiheit innerhalb Europas. Wir alle haben uns schon so an diese Transparenz gewöhnt, dass ihr Wegfallen bestimmt manche Entwicklungen verlangsamen würde.

Die nationale Förderpolitik der Mitgliedstaaten unterscheidet sich schon heute sehr. In Deutschland haben wir eher die Tradition, zu fördern wo es nötig ist, also durchaus auch im Amateur- und Non-Profit Bereich. Das ist bei einigen europäischen Partnern anders. Wenn ich mir ansehe, wie viele Kooperationsprojekte nur realisiert werden konnten, weil es eine Förderung durch die Europäische Union gab, dann will ich mir nicht vorstellen, was wir durch ein Wegbrechen von europäischen Fördermitteln an Vielfalt verlieren würden. Das alles geschieht derzeit mit vergleichsweise wenig Geld. Das Europäische Parlament hat sich im Plenum unlängst wieder für eine budgetäre Aufstockung des EU-Kulturprogramms nach 2020 ausgesprochen.

Kultur wird zurecht als das verbindende Element in Europa gesehen. Ohne die EU könnte der kulturelle Austausch nicht in größerem Umfang stattfinden. Es ist wichtig, dass wir zum einen die kulturelle Vielfalt in Europa erhalten und uns gleichzeitig unserer gemeinsamen kulturellen Wurzeln bewusst bleiben, uns als europäische Bürger verstehen. Meiner Meinung nach ist trotz aller Besonderheiten und so mancher überholter Vorurteile auch schon ein großes Wir-Gefühl da!

Über Sabine Bornemann:

Sabine Bornemann studierte Romanistik, Kunstwissenschaften und Sinologie in Bonn, anschließend Kunst in Den Haag und war dann für die Alanus Hochschule für Kunst und Gesellschaft in Alfter und die Heinrich Böll Stiftung in Köln und Berlin tätig. Seit der Gründung 1998 leitet sie die nationale Kontaktstelle für die Kulturförderung der Europäischen Union, den "Creative Europe Desk KULTUR" bei der Kulturpoltischen Gesellschaft in Bonn.

– © privat

"Europäischer Bildungsmarkt ist essentiell"

Dr. Hanns Sylvester ist Direktor der Nationalen Agentur für EU-Hochschulzusammenarbeit. Marie hat ihn gefragt:

Welche Bedeutung hat die Europäische Union für den Bildungsmarkt?

Eine Große! Die Freizügigkeit der Personenmobilität in der EU fördert, dass man als Arbeitnehmer in einem anderen Mitgliedsstaat der EU arbeiten kann. Diese Freizügigkeit in der Wahl des Arbeitsortes führt natürlich dazu, dass man sich über die Abschlüsse und Ausbildungen Gedanken machen muss und dieser freie Bildungsmarkt ist für unsere jetzige Form, wie wir in Europa zusammenleben und zusammenarbeiten, essentiell.

Durch den Bologna-Prozess, mit der Bildung der gestuften Studiengänge und der Einführung des Credit-Transfer Systems, kann ein Student sagen: "Ich möchte im Bachelor-Studium während eines Semesters ähnliche oder gleiche Studieninhalte in einem anderen Land und kulturellen Umfeld erlernen." Die Absolventen haben am Studiumsende dadurch vergleichbare Abschlüsse, sodass ein Arbeitgeber, wenn sich ein junger Mensch bewirbt, weiß, was der ausländische Abschluss bedeutet. Der Bologna-Prozess ist die Theorie. Austauschprogramme wie Erasmus sind die Erfüllung dieses theoretischen Konstruktes mit den lebendigen Begegnung der Beteiligten.

Vielen ist das Austauschprogramm Erasmus aus dem Hochschulbereich bekannt, aber wir sollten sehen, dass wir uns nicht nur in diesem Bereich bewegen. Schon heute findet unter dem Dach von "ErasmusPlus" und in parallelen Programmen ein Bildungsaustausch im Berufsbildungssektor, in der Erwachsenenbildung, im Schulsektor und auch im Jugendsektor statt.

Schulen können mit ihren Schulklassen etwa an den Austauschen in Form von Schulpartnerschaften teilhaben. Der administrative Aufwand für die Beantragung solcher Förderungen ist für eine Schule jedoch sehr hoch. Hochschulen haben zum Beispiel ein International Office – über solche Einrichtungen verfügen die Schulen nicht. Das Programm findet aber überall guten Anklang. Im Hochschulbereich übersteigt die Nachfrage sogar die Fördermöglichkeiten.

Was würde es für Europas Bildung bedeuten, wenn es die EU morgen nicht mehr gäbe?

Ein Auseinanderbrechen der EU würde sicherlich für die individuelle Mobilität große Schwierigkeiten bedeuten. Denn wenn wir annehmen, dass beim Wegfall der europäischen Regelung, die es heute gibt, die Freizügigkeit der Personenmobilität eingeschränkt wird, dann kommt es zu neuen Hürden. Solche Hürden könnten zum Beispiel die Form von notwendigen Visa haben. Wenn man sich vorstellt, man müsste für ein Studium in den Niederlanden, Italien, oder Frankreich ein Visum beantragen, sieht man, dass dies den Prozess ganz gewaltig verlangsamen würde.

Wenn die EU auseinanderbrechen würde, wäre die Mobilität also eingeschränkt und es wäre für die Studierenden ein erhebliches Hemmnis, wenn sie bestimmten Einreisebedingungen für bestimmte Länder folgen müssten. Vieles ist aber spekulativ. Wir wissen heute noch gar nicht, wie sich etwa die britische Regierung verhalten wird und zu welchem Verhandlungsergebnis man dort kommen wird. Wir haben auch für die Europäische Freihandelszone EFTA mit Ländern wie Norwegen und weiteren eine individuelle Lösung gefunden, wie sie an der EU teilhaben können. In der Schweiz gibt es zum Beispiel eine Stiftung, über die die Schweizer am Erasmusaustausch teilnehmen können.

Über Hanns Sylvester:

Dr. Hanns Sylvester studierte Geologie in Hamburg und Münster. Bis zum Jahr 1994 arbeitete er als Universitätsprofessor in Chile und war danach in verschiedenen Positionen tätig, zunächst bei der Deutschen Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit (GIZ), dann beim Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) in Bonn. Nachdem er von 2009 bis 2013 als Direktor der Außenstelle Mexico-City arbeitete, wurde er 2014 Direktor der Nationalen Agentur für EU-Hochschulzusammenarbeit.

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