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Erfahrungen Freiwilligendienste
Heimweh und Glücksmomente

17.10.2018 |

Sie waren in Mexiko, Frankreich oder Niedersachsen: Fünf Autoren berichten von ihren ganz persönlichen Erfahrungen mit dem Freiwilligendienst, von Glücksmomenten und Gegenwind. Das raten sie Interessierten.

Junge Frau hat aufgeschminkte Frankreichflagge auf der Wange

Maxi hat ihren Freiwilligendienst in Frankreich absolviert. – © privat

Ich bin...

Mein Name ist Maxi und ich habe meinen Freiwilligendienst in Frankreich geleistet.

Dort war ich

Zusammen mit der Organisation Internationale Gemeinschaftsdienste (ijgd) habe ich das perfekte Projekt für mich gefunden: in der Département-Verwaltung des Départements Territoire de Belfort (Ost-Frankreich). Dort habe ich ab September 2017 ein Jahr verbracht.

Das habe ich gemacht

Ich sollte im Bereich Internationale Kooperationen mithelfen, die Partnerschaften zum Harz-Kreis in Deutschland zu pflegen sowie mit dem Libanon und Burkina Faso. Außerdem habe ich in der Abteilung für Umwelt des Départements mitgeholfen, zum Beispiel indem ich meine Erfahrungen mit der Mülltrennung in Deutschland eingebracht habe.

Während des Jahres gab es sehr viele Tage mit unterschiedlichen Abläufen, je nachdem, an welchem Projekt ich gerade gearbeitet habe. Meistens war ich um neun Uhr im Büro und habe dort dann bis 17 Uhr gearbeitet.

Das habe ich gelernt

Ich habe unglaublich viel gelernt während des Jahres im Ausland. Es war das erste Mal für mich, dass ich so lange von Zuhause weg war, was mir im Großen und Ganzen aber gar nicht schwer gefallen ist. Ich habe sehr viel über mich selbst gelernt, da ich viel Zeit für mich hatte und entscheiden konnte, wie ich meine Zeit verbringen möchte.

Zum Beispiel habe ich angefangen, sehr gerne Fahrrad zu fahren oder generell viel Sport zu machen, was ich in Deutschland nicht gemacht habe. Das Jahr hat meinen Horizont um einiges erweitert. Ich habe sehr viele Dinge erlebt und gesehen, von denen ich vorher noch nicht einmal wusste, dass es sie gibt.

Auf meinen Seminaren habe ich viele andere Freiwillige aus allen möglichen europäischen und nicht-europäischen Ländern kennengelernt, und es war schön, Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen all den Ländern zu finden.

Freiwilligendienste eignen sich für ...

Ich glaube der Europäische Freiwilligendienst (EFD) ist für jeden etwas, der gern im Ausland leben möchte und Spaß an anderen Ländern, Kulturen und Sprachen hat. Die meisten Projekte beim EFD sind soziale Projekte, beispielsweise in Kindergärten oder Altersheimen. Aber es gibt auch Projekte mit künstlerischem oder sportlichem Aspekt.

Daran werde ich mich immer erinnern

Im Gedächtnis bleibt mir auf jeden Fall, wie mein neues Umfeld im relativ kleinen Belfort (50.000 Einwohner) auf mich reagiert hat. Bei der Bank hatte ich zum Beispiel große Probleme, weil sie gar nicht darauf eingestellt war, dass ein Nicht-Franzose dort ein Konto eröffnen möchte.

Ich habe Menschen getroffen, die sehr hilfsbereit waren und andere, die sich prinzipiell geweigert haben, mir entgegenzukommen, wenn es zum Beispiel Verständigungsprobleme gab. Für mich habe ich daraus mitgenommen, dass ich so nicht sein möchte und auch in herausfordernden Situationen stets offen und unvoreingenommen auf Menschen zugehen möchte.

Carolina auf einem Messegelände

Carolina auf dem Kirchentag in Stuttgart – © privat

Ich bin ...

Ich heiße Carolina und ich habe mein Freiwilliges Soziales Jahr in einer Kirchengemeinde in Rehburg, Niedersachsen, verbracht.

Dort war ich

Nach meinem Abitur 2014 habe ich ein Freiwilliges Soziales Jahr in der St. Martini Kirchengemeine in Rehburg gemacht, das ist ein kleiner Ort in Niedersachsen. Ein freiwilliges Jahr wollte ich sowieso machen, aber zu der Kirche kam ich eher durch Zufall: Einer meiner Lehrer sprach im Religionsunterricht über die freie Stelle und da ich mich schon länger in der Kirche engagiert hatte, bewarb ich mich dort. Nach einem Gespräch mit dem Pastor musste ich noch zu einem Gespräch bei der Diakonie, bevor ich die Stelle bekam.

Das habe ich gemacht

Ich arbeitete oft zu unterschiedlichen Zeiten, je nach Terminen. Regelmäßig gestaltete ich den Konfirmandenunterricht mit, half beim Kindergottesdienst, besuchte die Kirchenvorstandssitzungen, arbeitete an der Website und schrieb Artikel für den Gemeindebrief. Außerdem half ich bei den modernen Gottesdiensten und tippte beispielsweise die Songs der Kirchenband ab, damit sie dann auf eine Leinwand projiziert werden konnten.

Ich bin sehr dankbar dafür, dass auf meine eigenen Interessen eingegangen wurde, sodass ich ich zum Beispiel in einer Theatergruppe mitmachen und auch bei einem Musical mithelfen und mitspielen konnte. Außerdem kam ich viel herum. Ich war als Teamer bei einer Jugenfreizeit in Taizé in Frankreich dabei, besuchte den Kirchentag Stuttgart und begleitete eine Konfirmandenfreizeit im Harz.

Das habe ich gelernt

In dem Jahr habe ich vor allem gelernt, mich richtig zu organisieren. Durch die vielen verschiedenen Termine kam ich anfangs durcheinander und vergaß oft etwas oder kam zu spät. So lernte ich, mir alles in einen Kalender einzutragen und mir Erinnerungen zu schreiben. Diese Strukturen helfen mir bis heute in meinem Arbeitsalltag.

Zwischenmenschlich nehme ich auch einiges mit, denn die Gemeindemitglieder begegneten sich und mir mit viel Liebe und Respekt, das hat mir gezeigt, wie sich die christlichen Werte leben lassen.

Freiwilligendienste eignen sich für ...

Für ein FSJ in der Kirche muss man nicht zwingend gläubig, aber zumindest aufgeschlossen gegenüber dem Christentum sein. Ansonsten ist Flexibilität gefragt und man sollte Spaß an der Arbeit mit Menschen haben. Ein FSJ im Allgemeinen kann ich jedem ans Herz legen, der sich umorientieren, in die Berufswelt schnuppern oder etwas für die Gesellschaft tun will.

Daran werde ich mich immer erinnern

Ich werde mich immer daran erinnern, wie unsere bunte Musicaltruppe, bestehend aus Menschen jeden Alters von Teenagern bis hin zu Rentnern, nach der Premiere ausgelassen auf der Bühne tanzte. Das zeigte mir, wie offen und fröhlich diese Kirchengemeinde ist.

Gesine vor einer Allee

Gesine hat in Mexiko-Stadt nicht nur gearbeitet, sondern auch Salsa und Cumbia getanzt. – © privat

Ich bin ...

Ich heiße Gesine und habe in Mexiko-Stadt gearbeitet.

Dort war ich

Mit dem Welthaus Bielefeld e.V. war ich nach dem Abitur ab August 2017 für ein Jahr in Mexiko-Stadt zum Freiwilligendienst. Möglich war das über Weltwärts, den entwicklungspolitischen Freiwilligendienst des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung.

Das habe ich gemacht

Zuerst habe ich in der Fairtrade-Zentrale Corazón Verde gearbeitet, die handwerkliche Produkte von Frauen verkauft und Workshops für sie anbietet. Hauptsächlich habe ich im Verkauf gearbeitet, nicht wie erhofft direkt mit den Frauen. Da zudem durch eine Umstrukturierung innerhalb der Organisation wenig Zeit blieb, mich stärker einzubinden, habe ich nach langem Überlegen Anfang Mai zu einer anderen Organisation gewechselt.

Die Organisation Servicio y Asesoría para la Paz (SERAPAZ) ist im Menschenrechtsbereich tätig, vor allem als Vermittlerin bei Konflikten zwischen dem Staat und sozialen Gruppierungen. Dort habe ich in der Kommunikationsabteilung gearbeitet und war für das Erstellen einer täglichen Presseschau mit aktuellen Nachrichten verantwortlich. Zusätzlich habe ich die Verwaltung der sozialen Medien unterstützt und durfte bei Pressekonferenzen Fotos und Tonaufnahmen machen.

Das habe ich gelernt

Über die Arbeit habe ich viel über gesellschaftliche und politische Zusammenhänge und Probleme in Mexiko gelernt und Einblicke in die Funktionsweise von Nichtregierungsorganisationen bekommen. Das war spannend und hat mir geholfen zu entscheiden, mich auch im Studium weiter mit diesen Themen zu beschäftigen.

In Mexiko-Stadt gab es viele Kunst- und Kulturangebote. Mir hat es beispielsweise die lateinamerikanische Musik angetan und so war ich mit Freunden öfter Cumbia und Salsa tanzen.

Freiwilligendienste eignen sich für ...

Der Freiwilligendienst ist eine Chance, Einblicke in Situationen zu erhalten, die vorher im (Schul-)alltag meist keine Rolle spielten. Er bietet die Möglichkeit, eine andere Kultur kennenzulernen und den eigenen Blick auf die Welt zu erweitern. Wer daran interessiert ist, dem kann ich einen Freiwilligendienst nur empfehlen.

Obwohl die meisten Teilnehmer Abiturienten sind, lohnt sich der Dienst auch für Studierende und Auszubildende. Oft sind Vorkenntnisse in einem Themenbereich und vor allem Sprachkenntnisse hilfreich, um interessante Aufgaben zu bekommen.

Daran werde ich mich immer erinnern

Erinnern werde ich mich an die erste Pressekonferenz, bei der ich fotografiert habe. Neben der Tätigkeit war es auch inhaltlich spannend, denn die Konferenz wurde von den Eltern der 43 verschwundenen Studenten in Ayotzinapa 2014 gegeben.

Mehrere junge Männer arbeiten in einem Gewächshaus

Maximilian war in Brasilien und hat morgens mit einer der Klassen im Schulgarten gearbeitet. – © privat

Ich bin ...

Ich heiße Maximilian habe meinen Dienst bei einer Ökoschule in Brasilien gemacht.

Dort war ich

Ich habe ab August 2017 ein Jahr Freiwilligendienst an der Ökoschule "Thomas à Kempis" in der Gemeinde Pedro II im Nordosten Brasiliens gemacht. Organisiert hat das der Verein Sofia Bistum Trier e.V.. Der Nordosten von Brasilien ist durch heißes und niederschlagsarmes Klima geprägt. Ein Großteil der Menschen lebt von kleinbäuerlicher Landwirtschaft. Mein Aufenthaltsort lag im Gebirge Ibiapaba im Bundesstaat Piauí.

Das habe ich gemacht

Morgens machte ich mich vom Haus meiner Gastfamilie aus auf den Weg zur Schule. Durch die gepflasterten Straßen ging ich über den Kirchplatz und am Krankenhaus vorbei zur Bushaltestelle im Stadtzentrum. Dort stieg ich zu den Schülern in den Schulbus.

In den ersten Stunden morgens kümmerte ich mich gemeinsam mit den anderen Landwirtschaftslehrern und jeweils einer Klasse um den Schulgarten. In der Ganztagsschule lernen die Kinder und Jugendlichen neben normalen Fächern wie Mathe und Geografie auch Methoden ökologischer Landwirtschaft, beispielsweise wassersparenden Gemüseanbau und Tierhaltung.

Ich half regelmäßig bei den Hausaufgaben, gab Vertretungsstunden in Englisch, half den anderen Lehrern im Unterricht und spielte mit den Kindern in der Mittagspause. Ab und zu half ich im Sekretariat oder verbrachte einen Tag in der Schulküche. Jeder Tag war anders und brachte neue Eindrücke und Erlebnisse.

Das habe ich gelernt

Schnell und pausenlos redeten die Lehrer und Kinder an meinem ersten Tag in der Schule auf mich ein. Alles ging sehr schnell. Mir blieb wenig übrig als viel zu lächeln und zu nicken. Ich kannte nur ein paar Wörter Portugiesisch. Die größte Herausforderung war in den ersten Monaten, die Sprache zu lernen.

Es dauerte, bis ich mich in der neuen Umgebung und Kultur zurechtfand. Meine Gastfamilie und meine Kollegen halfen mir dabei sehr.

Freiwilligendienste eignen sich für...

Wer sich für entwicklungspolitische und wirtschaftliche Themen interessiert sowie an interkulturellem Austausch interessiert ist, für den könnte ein Freiwilligendienst das Richtige sein. Wichtig ist es, sich ein ganzes Jahr Zeit dafür zu nehmen und sich immer wieder kritisch zu hinterfragen.

Eine passende Entsendeorganisation muss jeder selbst finden. Der Verein Sofia Bistum Trier e.V. hat mich gut auf das Jahr vorbreitet und begleitet.

Daran werde ich mich immer erinnern

Die Erfahrungen haben mich nachhaltig zum Denken angeregt und begleiten mich noch heute. Ich denke oft an Brasilien zurück, besonders an die vielen Freundschaften, die ich dort schließen konnte, an die schönen, traurigen und witzigen Momente. Ich weiß, dass ich noch oft zurückkehren kann und dort immer ein Platz für mich sein wird.

Sophia mit einem Kind auf den Schultern und mehreren neben sich

Sophia hat in einem indischen Slum Englischunterricht gegeben. – © privat

Ich bin ...

Ich heiße Sophia und habe einige Wochen in einem indischen Slum Englisch unterrichtet.

Dort war ich

Im Februar 2013 ging es für mich sieben Wochen nach Indien. Fünf der sieben Wochen habe ich in Nordgoa, in einem kleinen Dorf namens Assonora, Englischunterricht in einem Slum gegeben. Die Zeit dort unten wurde von einer deutschen Agentur (MULTIKULTUR) und ihrer indischen Partnerorganisation Green Lion organisiert.

Nach meinem Abitur 2012 stand für mich fest, dass ich unbedingt ins Ausland wollte, um mich sozial zu engagieren. Mich zog es nach Asien. Freiwilligendienst gab es dort leider nicht, nur Freiwilligenarbeit. Ein entscheidender Unterschied zwischen beiden ist die Finanzierung. Freiwilligenarbeit muss selbst gezahlt werden.

Das habe ich gemacht

Nach einer einwöchigen Einführung mit Koch-, Sprach- und Religionsunterricht sowie Ausflügen in die Umgebung ging es für mich vier Wochen in ein Slum-Projekt. Der Slum befand sich nur fünf Fahrminuten vom Freiwilligenhaus entfernt. Das Projekt fand immer am Nachmittag statt.

Im Projekt waren etwa 40 Kinder im Alter zwischen zwei und 15 Jahren und fünf bis sieben Freiwillige. Die Kids wurden in verschiedenen Gruppen aufgeteilt, meine Gruppe bestand aus nur vier Kindern. Keines von ihnen konnte Englisch oder hat je eine Schule von Innen gesehen. Meine Aufgabe war es, ihnen das englische Alphabet beizubringen. Rekha (12 Jahre) konnte ich ihren Namen und die Zahlen von eins bis zehn beibringen, da sie schnell und gut im Auffassen war. Das hat mich besonders stolz gemacht.

Nach dem Unterricht gab es für die Kinder eine kleine Pause mit Keksen und Limo und danach haben wir mit ihnen Spiele aus ihrem und unseren Heimatländern gespielt. Die Freizeit vor und nach dem Projekt sowie an den Wochenenden standen uns Freiwilligen zur freien Verfügung. Neben Strand- und Kinoausflügen blieb auch Zeit für zwei größere Wochenendtrips nach Hampi und nach Mumbai.

Das habe ich gelernt

Trotz der Armut in Indien sind mir jeden Tag so viel Menschlichkeit und Glück begegnet. Kekse, Limo oder auch ein Fußball sind für uns eine Selbstverständlichkeit – für Kinder in Indien aber purer Luxus. Ich hab kleine Alltagsdinge schätzen gelernt und weiß wie es ist, ohne sie leben zu müssen. Auch ein wertvolle Lektion, die ich mitnehme: Bildung ist der Weg zu allem.

Freiwilligendienste eignen sich für ...

... jeden, der nach der Schule oder dem Studium erstmal Pause machen will, sich weiterentwickeln und sich sozial engagieren will. In meinen Augen sollte Freiwilligenarbeit kein Alter kennen – egal ob Jung oder Alt, jeder hat das Recht (und die Pflicht), Gutes zu tun.

Daran werde ich mich immer erinnern

Durch meine Freiwilligenarbeit konnte ich mich selbst weiterentwickeln und habe so viele wunderbare Eindrücke von Indien sammeln dürfen: Essen, Kultur, Landestradition. Aber am meisten bleiben mir die strahlenden Kinderaugen in Erinnerung, denen ich mit wenig Aufwand soviel geben konnte.

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