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Die Autorin

Lisa Pausch

Lisa Pausch (23)
studiert Staatswissenschaften

Freiwilligendienste
Mehr Bewerber als Plätze

17.10.2018 |

Zehntausende junge Menschen leisten alljährlich Freiwilligendienste. Gute Sache, sagen alle Fraktionen. Lisa hat sich schlau gemacht: Wo gibt es Plätze, wo Probleme und wie wollen die Abgeordneten sie lösen?

Junger Mann im Watt.

Das Wattenmeer ist der Einsatzort dieses Freiwilligendienstleistenden: Elias klärt Touristen über Wattvögel auf. – © dpa

Ob im Kindergarten, einem Pflegeheim, beim Sportverein oder im Museum, ob bei einem Tierschutzverein, einem Staatsorchester oder in einer Kirchengemeinde – fast 60.000 Jugendliche und junge Erwachsene leisteten 2017 einen Jugendfreiwilligendienst in Deutschland – so die Zahlen des Familienministeriums.

Mehr als 3.500 junge Menschen gehen alljährlich mit dem Freiwilligendienst weltwärts ins Ausland, die meisten davon nach Südamerika, Afrika und Asien. Das Programm gehört zum Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung.

Der Antrag

Die Grünen fordern nun in einem Antrag, Freiwilligendienste zu stärken und mehr Plätze für Engagierte zu schaffen. Sie leisteten einen wichtigen Beitrag für den gesellschaftlichen Zusammenhalt und verdienten dafür mehr Anerkennung, sagt Anna Christmann. Selina hat die Grünen-Politikerin für mitmischen.de interviewt.

Was ist ein Freiwilligendienst?

Ein Freiwilligendienst ist

• eine freiwillige,
• meist von Institutionen, Vereinen oder sozialen Projekten organisierte,
• öffentlich wirksame
• und nachhaltige Tätigkeit,
• die unbezahlt,
• oft in Vollzeit,
• über mehrere Monate geleistet wird.

Im Gegensatz zu kommerziellen Anbietern, die oftmals gegen Geld kurze Freiwilligendienste im Ausland anbieten, zahlen die staatlich geförderten Programme wie der Bundesfreiwilligendienst oder weltwärts den Freiwilligen ein Taschengeld oder sogar einen geringfügigen Lohn.

Ein Freiwilligendienst ist jedoch mehr als Arbeit auf Taschengeldbasis. Freiwillige sollen einen Beitrag für die Gesellschaft leisten und können sich dabei in einem sozialen, kulturellen oder ökologischen Berufsfeld ausprobieren. Im Ausland lernen sie eine andere Welt kennen.

Welche Dienste gibt es?

Wer in Deutschland bleiben möchte, hat die Möglichkeit einen Jugendfreiwilligendienst zu machen. Dazu zählt das Freiwillige Soziale Jahr (FSJ), etwa auf einer Pflegestation oder in einem Sportverein und das Freiwillige Ökologische Jahr (FÖJ), das beispielsweise an Umweltbildungsstätten, beim Tierschutzverein oder auf einem Bauernhof absolviert werden kann. Ein Jugendfreiwilligendienst dauert mindestens sechs und höchstens 18 Monate, im Regelfall jedoch ein Jahr mit Beginn im September.

Wer kann sich bewerben?

Bewerben können sich alle jungen Menschen unabhängig von ihrem Schulabschluss, sofern sie nicht mehr schulpflichtig sind und in den meisten Fällen bis zum Dienstende das 27. Lebensjahr noch nicht vollendet haben. Das gilt – unter bestimmten Voraussetzungen – auch für junge Ausländer, die hierzulande leben.

Wer über 27 ist ...

Für Menschen jeden Alters gibt es außerdem den Bundesfreiwilligendienst. Wer älter als 27 Jahre ist, kann den auch in Teilzeit neben dem Beruf oder der Ausbildung absolvieren. Mit einem Sonderprogramm bietet die Regierung spezielle Stellen in der Flüchtlingshilfe an und fördert zudem das Engagement von asylsuchenden Personen.

Und wenn ich ins Ausland will?

Der Internationale Jugendfreiwilligendienst (IJFD) bietet sich für diejenigen an, die ins Ausland wollen. Hier gibt es Einsatzstellen auf der ganzen Welt. Das gleiche gilt für den internationalen Kultur-Freiwilligendienst der Deutschen UNESCO-Kommission kulturweit. Mit dem entwicklungspolitischen Freiwilligendienst weltwärts reisen junge Menschen ausschließlich in Entwicklungs- und Schwellenländer des Südens. Der Europäische Freiwilligendienst EFD konzentriert sich mit sozialen, kulturellen oder ökologischen Projekten auf die Länder der EU.

Wer ins Ausland geht, bekommt neben dem Taschengeld auch eine Unterkunft, Verpflegung und Arbeitskleidung gestellt sowie Reisekosten erstattet. Um die Versicherung und das Visum kümmert sich oftmals die Entsendeorganisation, zur Vorbereitung gibt es mehrtägige Seminare und am Ende ein Zertifikat.

Immer beliebter

Freiwilligendienste werden immer beliebter, die Bewerberzahlen steigen. Mehr als die Hälfte der Bewerbungen auf Jugendfreiwilligendienste erhielten eine Absage, heißt es dem Antrag der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen, der kürzlich dem Bundestag vorgelegt wurde. Die Bundesregierung müsse ihre Ankündigung im Koalitionsvertrag mit Leben füllen, die Freiwilligendienste stärken und 100.000 neue Stellen schaffen.

Zusätzlich zu den neuen Stellen fordert die Fraktion, Menschen aus allen gesellschaftlichen Gruppen einen Freiwilligendienst zu ermöglichen. Für "Menschen mit zusätzlichem Unterstützungsbedarf aufgrund einer Behinderung oder einem Fluchthintergrund" müssten zusätzliche Gelder an Einsatzstellen fließen.

Dienst für Minderjährige

Weitere Forderungen der Grünen: Beraten werden sollte auch über einen Dienst für Minderjährige, über eine Anerkennung des Freiwilligendienstes in Ausbildung oder Studium, darüber, ob ehemalige Freiwillige bei Auslandssemestern und -praktika bevorzugt werden könnten, und inwiefern Rabatte bei öffentlichen Verkehrsmitteln, Kultur- oder Freizeiteinrichtungen auch über ein Jahr nach Ende des Dienstes gelten könnten. Alle Freiwilligen unter 27 Jahre sollen als Dank für ihr Engagement ein kostenloses Interrailticket für eine Rundreise durch Europa bekommen, fordern die Grünen.

Union und SPD: Stellen kommen

Am 27. September sollte der Antrag der Grünen beraten werden. Da die Tagesordnung an jenem Tag sehr lang und es bereits kurz vor Mitternacht war, als dieser Punkt an die Reihe kam, wurden die Reden nicht mehr gehalten, sondern gingen zu Protokoll. Das heißt, die Redner gaben ihre Manuskripte ab, so dass alle anderen Abgeordneten die Texte in den Tagen darauf lesen konnten.

Silvia Breher (Union) beruft sich in ihrem Text auf den Koalitionsvertrag zwischen Union und SPD. Sie begrüßt die dort formulierten Ansätze, zum Beispiel die angekündigten 100.000 zusätzlichen Stellen, ausdrücklich und setzt darauf, Anregungen von Experten in die Debatte einfließen zu lassen.

Rückendeckung erhält sie aus Reihen der SPD unter anderem von Martin Rabanus. Er schreibt: Die Koalition bringe die Freiwilligendienste voran. Und: "Ganz ehrlich: Den Antrag der Grünen braucht die Koalition dafür nicht."

AfD: Programm für Soziales

Für die AfD würdigt Martin Reichardt die "wertvolle Arbeit" der Freiwilligen. Der Idee der Grünen, die Dienste zu stärken, findet er gut. "Der Antrag der Grünen geht aber, wie so oft, an der Lebenswirklichkeit der Menschen vorbei", ergänzt er. Statt der Mittel für das auslaufende Sonderprogramm "Bundesfreiwilligendienst mit Flüchtlingsbezug" sollte es lieber einen "Bundesfreiwilligendienst für soziale Gerechtigkeit" geben, der Jugendliche aus sozial schwachen Familien unterstützt, fordert er unter anderem.

FDP: Muss freiwillig bleiben

Matthias Seestern-Pauly (FDP) kommentiert einen Vorschlag der Union. In der Sommerpause hatte CDU-Generalsekeretärin Annegret Kramp-Karrenbauer mit ihrem Vorschlag einer allgemeinen Dienstpflicht für junge Männer und Frauen für Wirbel gesorgt. Der FDP-Politiker möchte, dass der Dienst für die Gesellschaft auf jeden Fall freiwillig bleibt, "denn mit Zwang und Verordnung ist keine freie, keine selbstbewusste Bürgergesellschaft – mithin kein liberaler und demokratischer Staat – zu machen." Er erinnert daran, dass sich auch die FDP für die Abschaffung der Wehrpflicht eingesetzt hat.

Linke: Erst Experten anhören

Katrin Werner (Linke) zeigt sich verwundert angesichts des Grünen-Antrags. Man habe sich im Ausschuss bereits darauf verständigt, Experten anzuhören. Mit ihrer Initiative seien die Grünen nun vorgeprescht.

Was sagen Experten?

Der Bundestag hat den Antrag inzwischen zur Beratung an den Unterausschuss "Bürgerschaftliches Engagement" übergeben. Hier besprechen nun Abgeordnete aller Fraktionen das Thema. In einer Anhörung, die bereits einen Tag vorher, am 26. September, im Bundestag stattgefunden hatte, sprachen sich die geladenen Sachverständigen einstimmig für die Förderung der Freiwilligendienste aus. So hält Julia Schlicht, Referentin Bundesfreiwilligendienst vom Paritätischen Gesamtverband, einen kurzfristigen Zuschuss von 50 Millionen Euro für einen geeigneten ersten Schritt.

Die Bundessprecherin Freiwilliges Ökologisches Jahr, Laura Rupenow, unterstrich die Forderung nach neuen Einsatzstellen. Zuletzt hätten sich für ein Ökologisches Jahr 12.000 Interessenten auf 3.000 Stellen beworben. Diese ungenutzten Potenziale bei den abgelehnten Bewerbern könne man heben.

Videos anschauen

Ausführlich könnt ihr euch die Diskussion der Experten hier im Video anschauen. Genauso übrigens die Expertenanhörung zu internationalen Freiwilligendiensten, die am 17. Oktober um 17 Uhr stattfindet. Entweder live, oder in die Mediathek.

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