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Constantin Germann 68x68

Constantin Germann (16)
ist Schüler

Grünen-Abgeordnete
"Mobbern Paroli bieten"

26.09.2018 |

Was kann ich tun, wenn jemand gemobbt wird? Welche Hilfsangebote gibt es? Beate Walter-Rosenheimer (Grüne) empfiehlt zum Beispiel Apps. Die Abgeordnete setzt sich im Bundestag gegen Mobbing ein. Constantin hat sie auch nach eigenen Mobbing-Erlebnissen gefragt.

Die Abgeordnete vor einem neutralen Hintergrund

Wie ein Junge in der Bahn gemobbt wurde, hat Beate Walter-Rosenheimer selbst schon einmal erlebt - und geholfen. – © Ammy Berent

Frau Walter-Rosenheimer, haben Sie schon einmal mitbekommen, wie jemand gemobbt wurde?

Ja, das habe ich und ich erinnere mich noch sehr gut an die Situation. Ich fuhr mit meiner sechs Monate alten Tochter in der S-Bahn. Ein kleiner Junge, vielleicht zehn oder elf Jahre alt, wurde von fünf größeren und auch älteren Jungen immer wieder angepöbelt. Ich habe mich in seine Richtung bewegt und versucht, mit ihm Blickkontakt aufzunehmen. Er kam dann tatsächlich auf mich zu und hat mich um Hilfe gebeten.

Wie haben Sie genau reagiert?

Zunächst habe ich mich zwischen ihn und die Gruppe gestellt und versucht, die anderen Jungen nicht mehr so an ihn ran zu lassen, ihn abzuschirmen. Die haben aber nicht wirklich von ihm abgelassen. Ich bin an der nächsten Haltestelle mit dem Jungen ausgestiegen und habe den Fahrer der Bahn angesprochen. Der hat geraten, die Bahnpolizei zu informieren.

Das wollte der Junge aber nicht. Er war verängstigt, wollte aber auch nicht, dass ich mit seinen Eltern spreche, obwohl er von den großen Jungen öfter bedroht und erpresst wurde. Mehr hat er mir nicht verraten, da war leider nichts zu machen. Der Kleine hat mir so leidgetan, aber gegen seinen Willen konnte ich nicht mehr für ihn tun, als ihn sicher in die U-Bahn zu begleiten. Dieser Vorfall hat mich noch lange sehr bedrückt und ich habe mich oft gefragt, wie es dem Jungen wohl geht und gehofft, dass er sich doch jemandem anvertraut hat.

Woran erkenne ich, dass das, was mir oder jemand anderem gerade passiert, Mobbing ist?

Diese Frage ist nicht ganz einfach zu beantworten. Die Anzeichen sind oft vielfältig und nicht immer ganz eindeutig. Denn jeder bewertet Dinge, die er wahrnimmt, etwas anders. Ich will damit sagen, dass nicht immer eine Mobbingsituation vorliegt, wenn etwas in der Kommunikation schiefläuft. Aber wichtig ist, das subjektive Erleben immer ernst zu nehmen und zu versuchen, Missverständnisse möglichst schnell aus der Welt zu schaffen.

Was genau ist Mobbing?

Wenn jemand über einen längeren Zeitraum ausgegrenzt, schikaniert, herabgewürdigt oder gar drangsaliert wird, dann liegt ganz sicher Mobbing vor. Mobbingopfer werden oft auch systematisch verunsichert, es werden Gerüchte oder Lügen über sie verbreitet, das ist dann schon Rufschädigung. Leider betrachten viele "Mobber" das noch immer als Kavaliersdelikt, das ist es aber keineswegs.

Wie verhalte ich mich richtig?

Ganz wichtig ist, dem Mobber Paroli zu bieten. Sich nicht gleich eingeschüchtert zurückziehen. Das ist natürlich, gerade wenn Kinder und Jugendliche gemobbt werden, nicht immer machbar. Deshalb sollten sie sich unbedingt Hilfe und Unterstützung suchen, bei Eltern, Lehrkräften, SchulsozialarbeiterInnen oder anderen Menschen, denen sie vertrauen.

Und wenn ich mich das nicht traue?

Es gibt auch niedrigschwellige Hilfen wie beispielsweise "Anti-Mobbing-Apps", die von Jugendlichen selbst entwickelt wurden. Hier haben die Betroffenen die Möglichkeit, sich anonym zu melden und nach Unterstützung zu fragen. Solche Initiativen finde ich sehr unterstützenswert.

Anfang Juli haben Sie gemeinsam mit mehreren Bundestagsabgeordneten der Grünen Fraktion eine Kleine Anfrage zu Mobbing an Schulen an die Bundesregierung gestellt. Gab es einen Anlass dafür?

Den einen konkreten Anlass gab es nicht. Es waren eigentlich verschiedene Auslöser. Als Psychologin erreichen mich immer wieder Berichte von Kollegen, beispielsweise von der Ludwig-Maximilians-Universität in München, in denen zunehmendes Mobbing an Schulen thematisiert wird.

Es schreiben mir auch viele Menschen über dieses Thema oder sprechen mit mir in der Bürgersprechstunde darüber und schildern ihre Sorgen. Das deckt sich mit der Berichterstattung in den Medien: In den letzten Monaten wurde dort über teilweise sehr erschütternde Fälle von Mobbing an Kindern und Jugendlichen berichtet.

Ein weiterer Grund war natürlich das Projekt "Anti-Mobbing-Profis", mit dem die Familienministerin gegen Mobbing an Schulen vorgehen möchte. Die 170 "Profis" können aber bei weitem nicht alle Schulen "bedienen", sodass dieses Programm allenfalls ein Tropfen auf dem heißen Stein sein kann.

Die Bundesregierung verweist in ihrer Antwort immer wieder darauf, dass die Bundesländer bei Bildungsthemen zuständig seien. Weshalb haben Sie dennoch die Bundesregierung gefragt?

Weil ich Bundestagsabgeordnete bin und in meinem Amt versuche, alles zu machen, was möglich ist. Natürlich ist Bildungspolitik Angelegenheit der Länder. Aber einen gewissen Gestaltungsspielraum gibt es ja schon, wie man ja am "Anti-Mobbing-Programm" des BMFSFJ sieht. Durch die Kleine Anfrage versuchen wir uns möglichst genaue Informationen zu verschaffen und einen Prozess auch in den Ländern in Gang zu bringen.

Was kann die Bundesregierung sonst noch konkret tun?

Das Anti-Mobbing-Konzept des Familienministeriums ist schon einmal ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung. Trotzdem bin ich der Meinung, dass das bei weitem noch nicht reicht. Denn dieses Anti-Mobbing-Programm richtet sich in der Hauptsache gegen religiöses Mobbing, das natürlich bekämpft werden muss, aber nicht die einzige Form des Mobbings ist.

Außerdem sind 170 Anti-Mobbing-Profis an 168 Standorten eben bei weitem nicht ausreichend. Die Bundesregierung könnte das Programm einfach ausweiten und mehr Geld dafür in die Hand nehmen. Darüber hinaus sollte mehr Geld in die Schulsozialarbeit investiert werden, um Ansprechpartner für die Kinder vor Ort an den Schulen zu haben.

Auch im Bereich des Cybermobbings muss von den Schulen einerseits mehr Aufklärung erfolgen, andererseits müssen die Schulen dringend technisch aufgerüstet werden, um Kindern und Jugendlichen zu zeigen, wie man sich richtig und sicher im Netz verhält.

Die PISA-Studie 2015 der OECD ergab, dass damals jeder sechste 15-Jährige von Mobbing betroffen war. Warum ist die Zahl so hoch?

In den letzten Jahren wurde immer mehr an Aufklärungsarbeit im Bereich Mobbing geleistet. Dadurch, dass die betreffenden Personen aufgeklärter sind, werden mehr Fälle als Mobbing eingestuft und gemeldet. Eine Rolle spielt sicherlich auch das Internet. Hier ist die Hemmschwelle für Mobbing, für aggressive Äußerungen, für Bashing und Abwertung anderer Meinungen offenbar deutlich geringer.

Grundsätzlich beobachte ich, besonders nach den Ereignissen in Chemnitz, dass die Hemmschwelle, Gewalt anzuwenden, in unserer Gesellschaft erheblich gesunken ist. So eben auch beim Mobbing, das ja schließlich nichts anderes als psychische und körperliche Gewalt ist. Und diese Entwicklung bereitet mir wirklich Sorgen.

Über Beate Walter-Rosenheimer:

Beate Walter-Rosenheimer, Diplom-Psychologin, ist seit 2012 Mitglied der Grünen-Fraktion im Bundestag. Wahlkreis der 53-Jährigen ist Fürstenfeldbruck in Bayern. Sie ist Mitglied im Ausschuss für Familie, Senioren, Frauen und Jugend sowie im Ausschuss für Bildung, Forschung und Technikfolgenabschätzung.

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