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Die Autorin

Maxi Köhler

Maxi Köhler (18)
ist Abiturientin

Coach für Klassen
"Schule muss sicherer Raum sein"

26.09.2018 |

170 sogenannte Respekt Coaches helfen Schülern, eine starke Gemeinschaft ohne Angst und Häme zu bilden. Adrian de Souza Martins ist einer von ihnen. Maxi hat den 29-Jährigen gefragt, wie man Toleranz lernen kann.

Adrian des Souza Martins

Jemanden ausreden lassen, auch wenn er eine andere Meinung hat: Adrian de Souza Martins gibt Schülern Tipps, was sie zu einem toleranten Miteinander beitragen können. – © Michael Kuchinke-Hofer

Drohen und Schikanieren

"Ich glaube nicht, dass Mobbing an Schulen heute schlimmer ist als früher", sagt Adrian de Souza Martins. "Was allerdings anders ist, sind die technischen Möglichkeiten. Das Internet speichert alles und macht es für alle jederzeit zugänglich."

Adrian de Souza Martins arbeitet für den Jugendmigrationsdienst des Internationalen Bundes (IB) in Berlin-Neukölln als sogenannter Respekt Coach. Er geht in Klassen und spricht mit den Schülern über Mobbing. Jeder sechste 15-Jährige ist dort laut PISA-Studie Opfer von Drohungen, Drangsalieren, Gemeinsein, Ärgern, Angriffen oder Schikanieren.

Gegen religiöses Mobbing

Der 29-jährige Adrian hat Politikwissenschaft studiert und trägt seit April diesen Jahres den Titel "Respekt Coach". Das Projekt "Respekt Coaches/Anti-Mobbing-Profis" wird vom Bundesministerium für Familie, Frauen und Jugend (BMFSFJ) finanziert und ist Teil des Nationalen Präventionsprogramms gegen Islamistischen Extremismus. Es richtet sich nicht hauptsächlich gegen Mobbing an Schulen, sondern vor allem gegen die Entstehung von religiös begründetem Extremismus.

Adrian ist einer von 170 "Profis", die in ganz Deutschland eingesetzt werden, zwölf davon in Berlin. Sie arbeiten mit den ebenfalls vom Bundesfamilienministerium geförderten Jugendmigrationsdiensten zusammen. Das ist ein Beratungsdienst für junge Migranten im Alter von zwölf bis 27 Jahren, denen durch individuelle Angebote und professionelle Beratung geholfen wird. Der Beratungsdienst soll sie bei ihrem schulischen, beruflichen und sozialen Integrationsprozess in Deutschland unterstützen.

Angst aus Unwissenheit

Adrian fand die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen schon immer sehr inspirierend, erzählt er. Er ist immer wieder beeindruckt, was Kinder und Jugendlichen beschäftigt und welche Fragen sie ihm stellen. "Sie sind es von Zuhause oft nicht gewohnt, jede Frage stellen zu können, die ihnen in den Sinn kommt. Bei uns dürfen sie das, auch das ist Teil unserer Arbeit", sagt er.

Viele Dinge, die in Deutschland gerade geschehen, entstünden aufgrund von Angst – Diskriminierung, Ausgrenzung, Hass, sagt der 29-Jährige. Und Angst entstehe aus Unwissenheit, meint Adrian. Deshalb ist ihm bei seiner Arbeit als Respekt Coach besonders wichtig, dass es einen Raum für Dialoge und Austausch gibt. "Unsere Workshops richten sich ganz explizit nicht nur an junge Migranten, sondern an alle Schüler."

"Du machst einen Unterschied"

Um Mobbing jeglicher Art zu bekämpfen, sei es wichtig, dass jeder sich selbst in die Verantwortung nimmt, sagt Adrian. Der Satz "Ich allein kann noch nichts verändern", sei grundlegend falsch. Richtig wäre es zu sagen: "Mein Handeln macht einen Unterschied". Wenn man Mobbern keinen Raum für ihre Aktionen gebe, nehme man ihnen ganz leicht den Wind aus den Segeln. Adrian: "Mobbing bekämpft man vor allem im Klassenverband. Es ist ganz wichtig, Räume zu schaffen für Diskussionen und den anderen ausreden zu lassen, auch wenn er eine ganz andere Meinung hat als man selbst."

Gegen das einfache Weltbild

Als Respekt Coach entwickelt er zusammen mit den Schulen eine Strategie, mit der man den Schülern die Themen Vielfalt, Demokratie und Toleranz am besten vermitteln kann. Es ginge vor allem darum, die eigene Persönlichkeit zu stärken und die jungen Menschen dazu zu bringen, dass sie Unterschiede aushalten können.

"Extremistische Gruppen jeder Art haben oft ein sehr einfaches Weltbild. Das ist genau das, was junge, unsichere Menschen anzieht", sagt er. "Mit unserer Arbeit wollen wir dem etwas entgegensetzen." Jugendliche suchen sich Gruppen und bilden Gruppen, das gehöre zur Jugendkultur. "Doch wir sehen immer häufiger, dass die Gruppen religiös oder ethnisch geprägt sind. Wenn sich dann immer nur Menschen mit derselben Religion zusammentun, kann das auf Dauer für eine Schulklasse und nicht zuletzt für die Demokratie sehr schädlich sein", ergänzt der Mobbing-Experte.

Nicht repräsentiert

Konkret bietet Respekt Coach Adrian Workshops zu den Themen "Antimuslimischer Rassismus", "Frauen- und Männerbilder", "Identität und Vielfalt" und "Respekt und Toleranz" an. Ihm sei aufgefallen, dass es oft zu einer Andersbehandlung von muslimischer Kultur und Religion kommt, erzählt er. "Die Jugendlichen projizieren natürlich die politischen Diskussionen auf ihr eigenes Umfeld. Ein großer Teil der Muslime fühlt sich in dieser Diskussion aber überhaupt nicht repräsentiert, was dazu führt, dass es auch den Kindern schwerfällt, ihren Platz in der Gesellschaft oder zumindest erst einmal in der Schulgemeinschaft zu finden."

Schule als sicherer Raum

Für die Zukunft wünscht Adrian sich, dass noch mehr Schulen die Angebote der verschiedenen politischen Träger in Anspruch nehmen. "Die Schule muss ein sicherer Raum sein. Sie ist schließlich für eine lange Zeit nicht nur Lernraum, sondern auch Lebenswelt." Als langfristiges Ziel wünscht sich Adrian, dass das gute und respektvolle Klima in Schulen dann auch auf die Gesellschaft Einfluss nimmt und es keinen Bedarf mehr gibt, sich radikalen oder extremistischen Gruppen anzuschließen.

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