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Die Autorin

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Marie Illner (21)
studiert Medienwissenschaften und Anglistik

Expertin
"Davon profitieren alle"

11.10.2016 |

Gut, dass auch schwangere Schülerinnen und Studentinnen besser geschützt werden sollen, findet Ökonomin Marianne Weg. Welche Änderungen am Gesetzentwurf sie den Abgeordneten dennoch empfohlen hat, erklärt sie im Interview mit Marie.

Marianne Weg

Psychische Belastungen am Arbeitsplatz müssen ebenfalls in die Regelungen für Mutterschutz mit einbezogen werden, so Diplomökonomin Marianne Weg. – © Marianne Weg

Frau Weg, seit mehr als 60 Jahren ist das Mutterschutzgesetz in Kraft. Unsere Gesellschaft hat sich seitdem gewandelt. Auf welche Veränderungen muss eine Reform besonders reagieren?

Die modernen Arbeitszeitstrukturen und Arbeitsformen, technologischer Fortschritt und neue Berufe bedeuten veränderte Belastungen am Arbeitsplatz, vor allem in punkto Stress und psychische Belastungen. Also neue Risiken, aber auch neue Möglichkeiten, Erwerbsarbeit den Bedürfnissen von schwangeren Frauen und jungen Müttern anzupassen.

Außerdem haben sich die klassischen Rollenbilder verändert: Frauen wollen Familie und Beruf vereinbaren und nicht "nach Hause geschickt werden", sobald sich ein Baby ankündigt. Die Rechtslage muss darauf antworten.

Ein Gesetzentwurf der Bundesregierung sieht vor, dass auch Studentinnen und Schülerinnen von den Schutzregelungen profitieren. Warum ist die Ausweitung auf diese Personengruppe notwendig?

Schülerinnen und Studentinnen brauchen gleichwertigen Mutterschutz, denn sie befinden sich häufig in Belastungssituationen, die kaum anders sind als die von erwerbstätigen Frauen. Zu bestimmten Studiengängen gehören beispielsweise Arbeiten im Labor oder Pflichtpraktika in Betrieben. Man stelle sich vor, im Schul-Labor arbeiten eine schwangere Lehrerin und eine schwangere Schülerin zusammen und für beide funktioniert bisher der Mutterschutz nach unterschiedlichen Regelungen.

Außerdem spielen psychische Belastungen durch Prüfungstermine und -druck eine wichtige Rolle. Das neue Mutterschutzgesetz verpflichtet Schulen und Hochschulen zu "proaktiven" Lösungskonzepten, damit schwangere und stillende Schülerinnen und Studentinnen ihren Bildungsweg ohne Sollbruchstelle fortführen können.

In der öffentlichen Anhörung des Familienausschusses forderten Sie, psychische Belastungen naturwissenschaftlich-technischen Gefährdungen gleichzustellen. Was meinen Sie damit?

Mittlerweile wird allgemein anerkannt, dass nicht nur physische Aspekte wie zum Beispiel schweres Heben und Tragen die Gesundheit belasten, sondern auch psychische Aspekte wie Stress durch Arbeitshetze und unrealistische Leistungsvorgaben, verärgerte oder potenziell gewalttätige Kunden, sexistische Verhaltensweisen oder Mobbing am Arbeitsplatz. Hier ist eine Gefährdungsbeurteilung genauso notwendig wie für das Arbeiten mit Gefahrstoffen. Psychische Belastungen am Arbeitsplatz treffen schwangere und stillende Frauen in einer besonders verletzlichen Lebenssituation.

Viel diskutiert wurde im Bundestag die Begrifflichkeit "unverantwortbare Gefährdung". Wenn Arbeitgeber zur Situation am Arbeitsplatz eine solche Feststellung treffen, dürfen sie die werdende Mutter nicht weiter beschäftigen. Was bedeutet das?

Diesen Begriff und die darauf aufbauende Vorgehensweise gibt es im Arbeitsschutzgesetz, dem "Grundgesetz" des betrieblichen Arbeitsschutzes, nicht – das Mutterschutzgesetz sollte ihn nicht erfinden. Für die Betriebe wäre er unpraktikabel: Wie soll ein Arbeitgeber oder eine Fachkraft für Arbeitssicherheit im konkreten Fall das Gefährdungsausmaß für Mutter und Kind abwägen und entscheiden: Ist es verantwortbar oder unverantwortbar, die Frau an diesem Arbeitsplatz weiter zu beschäftigen?

Der Ausschuss für Mutterschutz soll zwar eine konkretisierende Verordnung erlassen. Nach allen Erfahrungen dauert es aber bis zum Beschluss solch einer Verordnung nicht Monate, sondern Jahre. Bis dahin würde das neue Mutterschutzgesetz in der Luft hängen. Wenn diese vage Formulierung bleibt, werden Betriebe, um auf der sicheren Seite zu sein, Frauen vorsorglich nicht weiterbeschäftigen. Durch den Begriff "unverantwortbare Gefährdung" würden wir den aussperrenden Arbeitsschutz zementieren statt ihn abzuschaffen.

Selbstbestimmung der Frau und Mitsprache bei der Gestaltung der Arbeitszeit sind zentrale Ziele der Gesetzesausweitung. Was muss außerhalb des gesetzlichen Rahmens in der Gesellschaft passieren, um diese Ziele zu realisieren?

In den Betrieben muss eine grundsätzlich positive Einstellung gegenüber der Tatsache, dass Frauen Mütter und Männer Väter werden, gelebt werden. Dazu gehört an erster Stelle ein diskriminierungsfreier und wertschätzender Umgang mit der Frau, wenn sie schwanger wird. Über schwangerschaftsgerechte Arbeitsbedingungen nachzudenken und sie im konkreten Fall sicherzustellen, das ist kein Anschlag auf Arbeitgeber und Vorgesetzte – im Gegenteil: Wenn Betriebe über das Wohlbefinden und die Gesundheit ihrer Mitarbeiterinnen in einer besonderen Lebenslage, wie es die zeitlich begrenzte Situation einer Schwangerschaft und frühen Mutterschaft ist, nachdenken und Lösungen entwickeln, profitieren von einer solchen Haltung alle Beschäftigten – das Unternehmensimage im Übrigen auch.

Über Marianne Weg:

Die Diplomökonomin Marianne Weg (68) ist Mitglied der Kommission Arbeits-, Gleichstellungs- und Wirtschaftsrecht des Deutschen Juristinnenbundes e.V. Berlin und war jahrzehntelang Abteilungsleiterin im hessischen Sozialministerium. Schwerpunktmäßig befasst sie sich mit geschlechtergerechtem Arbeits- und Gesundheitsschutz sowie Gleichstellungspolitik.

Weitere Beiträge zu: Familie, Kinder, Recht, Studium.

Kommentare

 

op schrieb am 05.07.2018 09:26

es ist gut wenn studenten schwanger sind, weil dann weniger studieren

 

 

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