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Die Autorin

Ein dunkelhaariges Mädchen schaut in die Kamera

Juliane Fiegler (24)
studiert Gender Studies

Schmerz-Patientin
"75 Gramm für 1.200 Euro"

27.09.2016 |

Claudia Russo darf Cannabis in der Apotheke kaufen. Dass die Krankenkassen die Kosten dafür nicht übernehmen, treibt die 44-Jährige in finanzielle Not. Seit ihrer Jugend leidet die Berlinerin an manchen Tagen unerträgliche Schmerzen. Juliane hat sie Zuhause besucht.

Eine Frau sitzt auf einer Couch.

Viele Deko-Artikel in Claudia Russos Wohnung haben etwas mit der Cannabis-Pflanze zu tun. – © Juliane Fiegler

Eine Wohnung am Stadtrand von Berlin: Sauber und aufgeräumt, liebevoll eingerichtet und dekoriert. Es riecht nicht annähernd nach Gras – und auch nicht nach Katze, obwohl Claudia Russo zwei davon hat. Auffällig ist nur, dass die meisten ihrer Deko-Artikel in irgendeiner Art und Weise die Hanf-Pflanze darstellen: Kissen, Poster, Kuscheltiere – in jeder Ecke der Wohnung ist das Hanfblatt irgendwo abgebildet. Ein Kuscheltier in der Form eines Hanfblatts sticht besonders ins Auge: "Das habe ich aus einem Jute-Beutel selber genäht", erzählt sie und lacht. "Weil ich es so schade finde, dass es keine Plüschtiere in Hanf-Pflanzen-Form gibt."

An guten Tagen fährt sie in die Stadt

Ihr elektrischer Rollstuhl steht im Badezimmer, ein weiterer in dem Wohnzimmer mit Kochnische. Sie bewegt sich mit Krücken durch die Wohnung. Eine häusliche Krankenpflege hilft ihr, schwere Einkäufe nach Hause zu bekommen. An guten Tagen, sagt sie, fährt sie auch mal in die Berliner Innenstadt.

Die Hanfpflanze spielt im Leben der 44-Jährigen eine wichtige Rolle. Seit 2014 hat sie eine sogenannte Ausnahmegenehmigung zur medizinischen Verwendung von Cannabis. Über ein Jahr habe sie nach einem Arzt gesucht, der diese Ausnahmeregelung bei der Bundesopiumstelle für sie beantragt hat. Jetzt kann sie 75 Gramm pro Monat in der Apotheke kaufen. 75 Gramm kosten in der Apotheke allerdings fast 1.200 Euro. Viel Geld für Claudia Russo, die mit ihren zahlreichen Krankheiten arbeitsunfähig ist und von Frührente lebt. Ihr Musikstudio habe sie bereits zu Geld gemacht. "Um einigermaßen erträglich leben zu können, kann ich nun mein liebstes Hobby nicht mehr ausüben", sagt sie.

Manchmal unterträgliche Schmerzen

Es sind gleich mehrere Krankheitsbilder, die ihr jeden Tag aufs neue mal aushaltbare, mal unerträgliche Schmerzen bereiten. "Schmerzen habe ich, seitdem ich 13 bin, damals dachte ich, ich hab's mit dem Ischias-Nerv. Aber dann hat sich herausgestellt, dass ich Morbus Scheuermann habe. Dazu habe ich eine Spondylose, Osteochondrose, Poly-Arthrose, mein Kreuzbein ist gebrochen und mir fault von innen der linke Arm ab", erzählt sie und ergänzt: "Ein Arzt von mir vermutet auch, dass ich Multiple Sklerose haben könnte, aber das ist bisher nicht diagnostiziert. Manchmal habe ich auch Parkinson-ähnliche Anfälle."

Spondylose, Morbus Scheuermann, Ostechondrose – das sind Knochen- und Wirbelerkrankungen, die alle einzeln mit Schmerzen verbunden sind und erst recht in der Kombination. Ihr Wunsch: "Einfach nur mal eine Stunde ohne Schmerzen." Aber das ist für Claudia Russo fast utopisch.

"Schmerzmittel haben mich krank gemacht"

Stattdessen versucht sie, die Schmerzen weg zu atmen, weg zu malen und so wenig pharmazeutische Medikamente wie nur möglich zu nehmen. "Die haben mich ja auch mit krank gemacht", sagt sie. Im Laufe ihres Lebens habe sie schon zahlreiche Opiate genommen. Viele davon seien mit starken Nebenwirkungen verbunden gewesen, hätten beispielsweise ihre Leber angegriffen. Im Zusammenhang mit einer Chemotherapie wegen einer chronisch bedingten irreparablen Leberentzündung habe sie dann Cannabis als eine Möglichkeit entdeckt, ihren Schmerzen Linderung zu verschaffen.

Cannabis im Kuchen, heißer Milch und Saucen

Sie habe sich selbst Öl daraus gekocht und es in allem Möglichen verwendet: In Kuchen, Plätzchen, mit Honig in heißer Milch, in Saucen und auch in Butter. Ihre Leberwerte seien inzwischen wieder besser und ihre Krankenkasse verschreibe ihr deshalb kein Cannabis mehr. Stattdessen bezahle sie ihr lieber Opiate – starke Schmerzmittel. "Als ich kürzlich eins der Testpräparate genommen habe – ein Antiepileptika welches angeblich auch auf Nervenschmerzen wirken soll – war zwei Tage später meine Lippe taub und mein Bewegungsapparat verändert. So was will ich nicht", sagt sie.

Umzug in die Niederlande?

Aktuell ist Claudia Russo deshalb auf der Suche nach einem Arzt, der sich dazu bereit erklärt, sie bei ihrem Cannabis-Konsum zu beobachten. Denn ohne Begleitarzt unterstützt sie auch die Krankenkasse nicht. So lange bleibt ihr nur der teure Besuch in der Apotheke – oder der Schwarzmarkt. Dort kostet Cannabis etwa die Hälfte. Das Problem: "Auf dem Schwarzmarkt bekomme ich nicht die cannabinoide Zusammensetzung, dich ich für meinen Körper brauche. Man weiß auf der Straße einfach nicht, was genau man kriegt oder ob es gestreckt ist. Manches macht auch nur breit und hilft den Knochenschmerzen gar nicht", erklärt Claudia Russo. Auch mit dem Gedanken in ein anderes Land zu ziehen, habe sie sich bereits auseinandergesetzt. Die Niederlande zum Beispiel sind eines der führenden Länder beim Verkauf von Cannabis in Apotheken. Seit 2003 ist die Therapie mit medizinischem Marihuana dort erlaubt. Auch der heimische Anbau von Pflanzen ist dort möglich – ein wesentlicher Unterschied zu Deutschland, an dem auch der Gesetzentwurf des Bundesregierung nichts ändern wird, den Experten im September im Bundestag diskutiert haben.

Es sei einerseits die Angst vor Verständigungsproblemen, die sie davon abhalte, aus Deutschland wegzuziehen. Und noch einen anderen Grund nennt Claudia Russo: "Ich will kein Medikamentenflüchtling sein, nur weil die deutschen Krankenkassen ein Problem damit haben, die Kosten für Cannabis zu übernehmen." Lieber setze sie sich dafür ein, das auch in Deutschland annehmbare Verhältnisse herrschen.

Kommentare

 

Balu alias Andreas schrieb am 30.09.2016 22:14

Ich bin und war nun ca 12 Jahre bei einem Neurolögen ,Suchtmediziener und Verkehrsmedizien ! Habe mich Jahre lang gut aufgehoben gefühlt , Ich bin im, L-Polamidon Programm um meine Suchterkrankung behandeln zu lassen ! Ein großes Problem zu meiner Opiatabhänigkeit ist mein böser Beigebrauchg an Benzodiazepinen ! Ich versuchte lange mit Phsychotherapie Einzelgesprächen usw diese Böse Sucht einigermaßen in Kontrolle zu bringen und nicht mich von den Medikamenten behandelt lassen ! Der Punkt mein Doc schließt nun in Kürze und Ich machte einen Rückblick dieser ziemlich lockeren Handhabung vor allem was die Kombination der Medikamente angeht stelle leider fest das der jenige der vor 12 Jahren in Behandlung ging (ICH) nicht mehr der selbe bin ,fühle mich wie gefangen im eigenem Körper war immer fit und aktiv jedoch der ist schon lang gegangen ! Fühle mich Überrannt von der Pharma Industrie ,habe bestimmt an die 15-20 verschiedene Neuroleptiker bekommen und ausprobiert . Mit übelsten Nebenwirkungen immer das neuste vom neusten Preislich gesehn der Hammer, und nu steh ich da mit meinem leid , Doc geht in Rente und ich am Ende , das Einzigste was mir hilft ist Cannabis ,Antrag ist gestellt und gute Prognose einer Ausnahme Genehmigung ist gegeben . Doch da ist das nächste Problem , die Kosten Drum bitte ich die Obrichkeit gebt das Hanf frei anstatt Medikamenten Patente Auszustellen auf den Markt zu bringen ,sich ne goldene Nase verdienen und trotz starker Nebenwirkung auf den Markt zu bringen ! Ich hoffe das sich baldig was im Krankheitsystem was zu ändern und den Menschen ein erträgliches Miteinander zu gestatten PS : denk an Dich

 

 

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