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Enkel berichten
"Schiffe im Seniorenheim"

Sven Piotrowski

Sven, 17: Opa wusste nicht mehr, wie man geht. – © privat

17.01.2018 | "Honig im Kopf" – dies ist nicht nur ein Kinofilm über die Krankheit Demenz, sondern für viele Realität. Aber wie fühlt sich das an, wenn ein Verwandter erkrankt? Vier mitmischen-Autoren haben eigene Erfahrungen mit ihren Großeltern.

Irgendwann vergaß er, wie man geht

Wenn ich nun sieben Jahre zurückdenke, wird mir erst bewusst, wann diese Krankheit in das Leben meines Opas getreten ist. Zuerst waren es nur die kleinen Dinge, die er vergessen hat, wie zum Beispiel den Liter Milch mitzubringen. Im weiteren Verlauf der Krankheit setzten dann immer mehr Beschwerden ein. So wurden die Gespräche mit ihm mühsamer, da er ziemlich abwesend wirkte. Von Monat zu Monat wurde es auch immer schwieriger, ihn alleine zu lassen, bis er dann eine 24-Stunden-Betretung brauchte.

Oma fehlt

Als wir die Krankheit einigermaßen im Griff glaubten, änderte sich alles ganz plötzlich im Dezember 2016, als meine Oma verstarb. Eine Pflegekraft unterstützte uns nun. Jedoch war mein Opa nun sehr unruhig und suchte ständig nach seiner verstorbenen Frau. Seine Gefühle konnte er nicht mehr in Worte fassen. Erst in dieser Zeit wurde uns bewusst wie anstrengend es für meine Oma gewesen sein musste, meinen Opa zu pflegen.

Nicht durchdrehen

Um als Angehöriger nicht ganz durchzudrehen, braucht man Menschen, die einen entlasten. Zum einen den Nachbarn, der rüberkommt, um auf meinen Opa aufzupassen oder jemanden, der einfach mal mit einem wegfährt, um ein bisschen Distanz von dieser Krankheit zu bekommen. Aber auch Vorträge sind sehr hilfreich, da sie den Angehörigen vermitteln, wie man mit einem Demenzkranken umgehen muss. Wichtig bei Demenz ist es, das Lachen nicht zu vergessen. Gründe dafür gibt es oft: So stimmte mein Opa Heiligabend 2016 anstatt eines Weihnachtsliedes ein Karnevalslied an. Ein anderes Mal wollte er Geld die Toilette runterspülen oder unsere Schuhe verstecken.

Das war erschütternd

Ein Ereignis erschütterte mich zwei Wochen vor seinem Tod, als er die Treppe zu seinem Haus hochging und plötzlich zusammenbrach, da er vergessen hatte, wie man geht. In den letzten zwei Wochen seines Lebens baute er immer mehr ab, bis er dann im Juni 2017 in unserem Beisein friedlich starb.

Demenz ist eine grausame Krankheit, jedoch vermittelte mein Opa immer das Gefühl, dass man keine Angst vor dieser Krankheit haben muss.

Johannes Schwarz

Johannes, 21: Auch mit der Krankheit muss Würde möglich sein. – © privat

17.01.2018 | "Honig im Kopf" – dies ist nicht nur ein Kinofilm über die Krankheit Demenz, sondern für viele Realität. Aber wie fühlt sich das an, wenn ein Verwandter erkrankt? Vier mitmischen-Autoren haben eigene Erfahrungen mit ihren Großeltern.

Mit Ernsthaftigkeit, Gefühl und Humor

Früher als Kind besuchte ich meine Oma immer in den Ferien, es war jedes Mal eine schöne und erholsame Zeit bei ihr. Wir hatten viel Freude und spielten oft Quartett. Doch das ist einige Zeit her. Wenn ich meine Oma heute besuche, begrüßt sie mich herzlich, jedoch zum Beispiel mit dem Namen meines Onkels, im weiterem Gespräch wiederholt sie sich und drückt sich anders aus als es früher der Fall war.

Es kam schleichend

Zwischen meinen Kindheitserinnerungen und denen von heute liegen knapp 15 Jahre. Meine Oma, geboren 1940, ist dement. Die Krankheit kam schleichend und wird nun immer stärker. Am Anfang vergaß sie nur Namen, doch nun kann es vorkommen, dass sie im Gespräch keinerlei Zusammenhänge mehr nachvollziehen kann und sich oft wiederholt. Dass sie dann mitunter zehnmal das gleiche fragt, muss man manchmal aushalten, aber ich versuche sie immer mit Würde zu behandeln, sodass sie Sicherheit bekommt. Diese benötigt sie manchmal, da sie in "klaren" Momenten selbst bemerkt, dass etwas mit ihr nicht mehr stimmt.

Ohne Hilfe geht es nicht mehr

Meine Familie kümmert sich so gut es geht um sie, gerade auch in medizinischen Belangen und im Haushalt, denn sie wohnt noch alleine in ihrem Haus. Da sie sich vor wenigen Monaten einen Lendenwirbel brach, war es wegen ihrer Demenz auch unausweichlich, eine Vollmacht auszustellen, damit mein Vater für sie das Gespräch mit dem Arzt führen konnte. Seither erhält meine Oma auch praktische Hilfe, in dem "Essen auf Rädern" ihr jeden Tag eine Mahlzeit bringt.

Den Menschen von früher im Kopf behalten

Oftmals kommt es durch die Demenz zu irritierenden Situationen. Wenn sie mal wieder jemanden falsch anspricht, sie Dinge sagt, die sie früher wohl nur gedacht hätte oder wenn sie durch ihren Drang nach Nähe und Sicherheit keine Distanz lässt. Ich finde, dass wir dies nicht ignorieren dürfen, sondern dafür sorgen müssen, dass sie ihre Würde behalten kann.

Ich finde aber auch, dass wir – wenn es nicht verletzend ist – dieser Krankheit mit Humor begegnen dürfen und lachen können, nicht über sie, sondern mit ihr. Meine Oma ist trotz ihrer Demenz meine Oma und so möchte ich sie auch behandeln und sie nicht alleine lassen. Zudem versuche ich, die Erinnerungen an sie vor der Krankheit nicht zu löschen, sondern den Menschen, der sie damals war, in das Heute zu integrieren.

Allgemein denke ich, dass die Demenz einer geliebten Person für alle Beteiligten eine schwere Situation ist, die man aber bewältigen kann, wenn man mit Ernsthaftigkeit, Gefühl und etwas Humor damit umgeht.

Lilith Diringer

Lilith, 17: Manche Charakterzüge werden ausgeprägter. – © privat

17.01.2018 | "Honig im Kopf" – dies ist nicht nur ein Kinofilm über die Krankheit Demenz, sondern für viele Realität. Aber wie fühlt sich das an, wenn ein Verwandter erkrankt? Vier mitmischen-Autoren haben eigene Erfahrungen mit ihren Großeltern.

Schiffe im Seniorenheim

Ich komme gerade aus Berlin zurück, als mir mein Vater mitteilt, dass Oma im Krankenhaus liegt, zur Beobachtung. Sie habe am Mittag Schiffe in ihrer Wohnung gesehen. Schiffe? Bei dem Versuch, mit ihrem Rollstuhl auf eines dieser Boote aufzufahren, sei sie gestürzt. Im ersten Moment klingt diese Geschichte noch amüsant. Schiffe im dritten Stock eines Seniorenheims mittags um zwei Uhr.

Sie vergisst Namen

Die Ärzte können nicht wirklich deuten, was es ist. Vielleicht ein harmloser Flüssigkeitsmangel. Doch bei dieser Begebenheit handelt es sich nicht um einen Einzelfall. In letzter Zeit fallen meiner Oma selbst die Namen ihrer engsten Verwandten nicht mehr ein und sie kann Ereignisse nicht richtig einordnen.

Zwischen dem normalen Alterungsprozess und einer Demenz liegt ein schmaler Grad. Ärzte tun sich mit der Diagnose oft schwer – so war es auch bei meiner Großmutter – sie wird bald 90 Jahre alt. Was ist da normal und was Krankheit? Viele ältere Menschen klagen über Vergesslichkeit, auch ohne an Demenz erkrankt zu sein.

Schwierige Besuche

Schlimm finde ich es persönlich nicht, wenn meine Oma etwas länger braucht, um auf eine Jahreszahl zu kommen. Dann wartet man oder hilft ihr auf die Sprünge. Nerviger ist, dass sie immer wieder die gleichen Geschichten erzählt. Beginnt sie mit einem Satz, kann ich schon die gesamte folgende Stunde vorwegnehmen. Dies lässt die Besuche bei ihr immer weniger attraktiv werden.

Schlimm für meinen Vater

Besonders schlimm aber muss es für meinen Vater sein, der die Situationen, über die sie berichtet, selbst erlebt hat und oftmals berichtigen muss. Ob meine Oma tatsächlich noch so fit ist, dass sie die Geschichten vielleicht sogar bewusst zu ihren Gunsten verändern kann, oder ob sie einfach den Rest vergessen hat? Das ist einer der schwierigsten Aspekte. Man weiß nie, ob sich die betroffene Person aufgrund der Krankheit auf eine bestimmte Art und Weise verhält oder weil sie einem eins auswischen möchte. Denn eine gewisse Boshaftigkeit hatte meine Oma schon immer – und es heißt nicht umsonst, dass sich durch die Demenz einige Charakterzüge verstärken.

Ob es mich erwischt?

Dennoch: Man sollte die Dinge positiv sehen. Meine Oma gehört noch nicht zu den ganz schlimmen Fällen, die aggressiv werden, nicht mehr alleine essen können und so weiter. Dieses Stadium hat sie (noch) nicht erreicht, und wir hoffen, dass es auch nie soweit kommen wird.

Auch für mich bleibt zu hoffen, dass es mich nie erwischt – oder, dass die Medizin dann einige Schritte weiter sein wird, sodass ich etwas gegen die Krankheit einnehmen kann. Denn die Vorstellung ist schrecklich, mir selbst anzumerken, wie ich immer mehr Details vergesse.

Meine größte Sorge

Abschließend möchte ich meine eigentlich größte Sorge mit euch teilen: Am schlimmsten fände ich es, wenn meine eigenen Eltern irgendwann so dement würden, dass sie mich langweilen, mich enttäuschen, mir auf die Nerven gehen – wenn sie mir fremd werden. Wenn sich die Besuche bei ihnen hin zu einer Pflichtveranstaltung wandeln würden und sie dem Bild, das ich Jahrzehntelang von ihnen hatte, überhaupt nicht mehr entsprechen.

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