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Die Autorin

Ann-Kristin Hentschel 68x68

Ann-Kristin Hentschel (19)
studiert Politik und Psychologie

Demenz
Wenn Oma komisch wird

17.01.2018 |

Wie ist es, wenn die eigenen Großeltern einen nicht mehr erkennen, weil sie an Demenz erkrankt sind? Ann-Kristin erklärt die Vergessen-Krankheit und hat recherchiert, was die Fraktionen angesichts steigender Fallzahlen umtreibt.

Demenz

Unfreiwillig witzig sind Demenzkranke hin und wieder, einige Angehörige nehmen es mit Humor. – © dpa

"Opa? Warum sind deine ganzen Essenssachen im Bücherregal?" "Na, in der Spülmaschine war kein Platz mehr!". Tilda ist verwirrt: Was ist nur los mit ihrem Opa? Er stellt Milch in sein Bücherregal, pinkelt nachts in den Kühlschrank und manchmal hat Tilda das Gefühl, er weiß gar nicht mehr so genau welcher Tag ist. Tildas Eltern benutzen ständig Worte wie "Alzheimer" und "Demenz". Aber was soll das bedeuten? Dieser Frage geht Tilda, gespielt von Til Schweigers Tochter Emma, in dem Film "Honig im Kopf" nach.

1,6 Millionen Betroffene

Wie Tildas Opa geht es im wirklichen Leben momentan 1,6 Millionen Deutschen: Sie leiden unter der Krankheit Demenz. Jährlich kommen nahezu 300.000 Neuerkrankungen hinzu. Wissenschaftler rechnen mit einem Anwachsen der Zahl der Demenzkranken in Deutschland auf drei Millionen bis 2050. Das liegt daran, dass die Menschen immer älter werden und es daher logischerweise immer mehr alte Menschen gibt. Wer an Demenz erkrankt, ist in den meisten Fällen bereits über 60 Jahre. Demenz ist also vor allem eine "Alte-Leute-Krankheit".

Ein Dauerbrenner

Die Zahlen stammen aus einer aktuellen Veröffentlichung der Wissenschaftlichen Dienste des Bundestages, die die Abgeordnete bei ihrer politischen Arbeit im Parlament und im Wahlkreis mit Fachinformationen, Analysen und Gutachten unterstützen. Das Thema Pflegeversorgung, auch von Demenzkranken, ist dabei ein Dauerbrenner für die Parlamentarier. Nach Ansicht aller sechs Fraktionen des neuen Bundestages muss die Pflege möglichst schnell und umfassend verbessert werden, wie sich in einer Plenardebatte Ende November zeigte.

Was bedeutet "Demenz"?

Der Begriff kommt aus dem Lateinischen und bedeutet so viel wie "ohne Verstand" und bezeichnet eine Gruppe von verschiedenen Krankheitsbildern. Verlieren an Demenz Erkrankte also den Verstand? Das glauben sie zumindest manchmal, denn wichtige Funktionen des Gehirns setzen nach und nach tatsächlich aus. Die Betroffenen vergessen mehr und mehr. Doch die Krankheit beeinflusst nicht nur das Denken, das Handeln und die Fähigkeit, Dinge zu beurteilen, sondern auch die Orientierung, die Sprache und die Gefühlswelt. So kann es passieren, dass ein Mensch, der dement, ist plötzlich ganz andere Interessen hat und ganz andere Menschen mag als vor der Krankheit. Es kann sogar passieren, dass sich plötzlich die Lieblingsspeise ändert!

Honig im Kopf

Je weiter die Krankheit fortschreitet, desto mehr leidet das Gedächtnis darunter. Die Menschen werden immer vergesslicher. In "Honig im Kopf" wird es Tilda so erklärt, dass das Gehirn wie ein Bücherregal ist. Mal kippt dieses, mal ein anderes Buch um. Wenn es gut läuft, stellt sich vorrübergehend auch mal wieder ein Buch auf. Schreitet die Krankheit weiter voran, fallen immer mehr Bücher raus aus dem Regal. Die bekannteste Form der Demenz ist die Alzheimer-Krankheit. Die haben zwei Drittel aller an Demenz Erkrankten.

Wie die Krankheit sich entwickelt

Wenn ab und an mal ein Buch umkippt, das Gehirn also ab und an Streiche spielt, spricht man vom frühen Stadium der Demenz. Da vergisst der Betroffene gelegentlich mal etwas, ihm fallen Worte einfach nicht mehr ein und er ist ab und an ein wenig verwirrt. Das ist an und für sich erst einmal nicht schlimm. Doch der Betroffene spürt, dass etwas nicht stimmt, dass sein Gedächtnis immer schlechter wird. Das ist kein schönes Gefühl und macht oftmals Angst und unzufrieden.

Bücher fallen aus dem Regal

Fallen dann immer mehr Bücher im Regal um, schreitet die Krankheit also voran, werden die Beeinträchtigungen schlimmer. Die Orientierung verschlechtert sich, Betroffene irren manchmal umher und vergessen selbst einfachste Dinge. Zum Beispiel den Herd nach dem Kochen auszumachen oder bei der Badewanne den Wasserhahn zuzudrehen. Das kann natürlich gefährlich werden. Daher ist es wichtig, sich um Demente zu kümmern – als Familie bei sich zu Hause oder in einem Pflegeheim.

Demenzkranke können seit etwa einem Jahr fast alle Leistungen der Pflegeversicherung in Anspruch nehmen. So hat es der Bundestag mit der 2015-er-Pflegereform beschlossen. Jetzt beobachten die Pflegeexperten der Fraktionen, wie sich die neue Regelung auswirkt und diskutieren, ob nachjustiert werden muss.

Die Persönlichkeit verschwindet

Tildas Opa erkennt Tilda am Ende nicht mehr. Er fragt sie, wer sie denn nur sei und warum sie ihn Opa nennt – zum Schluss fallen alle Bücher aus dem Regal. Im schweren Stadium erkennen Betroffene oft nicht mal ihre engsten Freunde und Verwandten. Sie reden weniger und wissen oft gar nicht mehr, wo sie sind. Auch essen können sie nicht mehr allein und sogar um auf die Toilette zu gehen brauchen sie Hilfe. Persönlichkeitsmerkmale verschwinden: Der Mensch, den Familie und Freunde einst geschätzt und geliebt haben, ist nicht mehr da. Der Opa, die Oma als Persönlichkeit ist verschwunden.

Was kann man tun?

Eine Rückkehr aus dem Vergessen ist bisher nicht möglich, denn Demenz ist unheilbar. Das liegt vor allem daran, dass Wissenschaftler sich nicht sicher sind, wie die Krankheit genau entsteht. Auch in Deutschland wird jedoch mit Unterstützung vom Bund fleißig geforscht und nach Heilmitteln gesucht. Heute können Ärzte bereits Medikamente einsetzen, die den Betroffenen helfen, länger und besser im Alltag klarzukommen. Auch Musik- und Kunsttherapie und Gedächtnisspiele können gezielt eingesetzt werden, um das Vergessen aufzuhalten.

Mindestens genauso wichtig wie die medizinische Behandlung ist jedoch der Umgang mit Freunden und Verwandten. Für die Angehörigen ist es meistens schwer mit anzusehen, wie der Freund, die Freundin, der Opa, die Mama langsam seine Persönlichkeit verliert. Doch ist es wichtig ihnen dennoch das Gefühl zu geben, geliebt und gebraucht zu werden.

Besuchen, spielen, sprechen

Emotionale Zuwendung tut uns allen gut, auch Menschen mit Demenz. Diese Zuwendung kann man übrigens nicht nur Familienangehörigen oder Freunden spenden. In Pflegeheimen besteht häufig die Möglichkeit, für Demenzpatienten Patenschaften zu übernehmen. Dabei besucht man einen Betroffenen regelmäßig, spricht mit ihm, spielt vielleicht etwas und ist einfach da, spendet Verständnis und Trost.

In den Pflegeheimen steht das Personal vor großen Herausforderungen, nicht zuletzt auch, weil immer mehr Menschen mit Demenz dort wohnen. Die Arbeitsbedingungen in der Altenpflege waren deshalb auch Thema eines Antrags der Fraktion Die Linke. Sie fordert ein Sofortprogramm gegen den Pflegenotstand in den Heimen, unter anderem will die Linke dort mehr Personal und mehr Lohn für selbiges. Im Januar zogen die Grünen mit einem eigenen Antrag nach, auch sie fordern ein Sofortprogram für mehr Personal in Pflegeheimen. Am 18. Januar wird diese Vorlage erstmalig im Plenum beraten.

Kommentare

 

Susanne schrieb am 20.01.2018 15:16

gut geschrieben

 

 

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