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Der Autor

Philipp Westphal 68x68

Philipp Westphal (18)
ist Schüler

Demenz-Experte
"Werden die Krankheit nicht los"

17.01.2018 |

Demenz ist eine komplexe Krankheit. Prof. Dr. Gerd Kempermann forscht dazu am Deutschen Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE) in Dresden. Philipp hat ihn gefragt, was Anzeichen für das große Vergessen sind und ob Demenz erblich ist.

Prof. Dr. Gerd Kempermann ist Experte, wenn es ums Vergessen geht. – © CRTD

Herr Kempermann, wie erkennt man eine Demenz?

Die Patienten oder ihre Angehörigen stellen fest, dass irgendetwas nicht stimmt. Meist, aber nicht immer, sind es Merkfähigkeitsstörungen, Orientierungsstörungen oder Wortfindungsstörungen.

Was sind dann die nächsten Schritte?

Zunächst einmal kann der Hausarzt bei auffälligen Störungen einen kleinen Test namens "Mini-Mental" durchführen. Danach kann man im Krankenhaus zu einer Gedächtnissprechstunde gehen, in der man aufwändigere Tests durchführen kann. Diese lassen dann genauere Diagnosen zu. Heutzutage gibt es verschiedene Tests und Untersuchungen, um Demenzen festzustellen. Meist wird außerdem noch mithilfe eines Kernspintomographen ein Bild vom Gehirn gemacht. Zudem gibt es auch Bluttests und Untersuchungen des Nervenwassers, welche aber nicht bei jedem Patienten angewandt werden.

Was passiert im Gehirn bei einer Demenz?

Eine Demenzerkrankung kann unterschiedliche Ursachen haben, da es verschiedene Typen gibt. Sehr bekannt sind die Alzheimer-Erkrankung und vaskuläre Demenz, aber es gibt noch sehr viele andere Formen. Alle degenerativen Erkrankungen des Gehirns, also Erkrankungen, bei denen sich etwas zurückbildet, das schon da war, haben eines gemeinsam: Der Körper kann ein Eiweiß nicht mehr abbauen, welches die Nervenzellen dann in irgendeiner, meist noch ungeklärten Weise, schädigt. Dieses Eiweiß, bei der Alzheimerkrankheit das sogenannte Beta-Amyloid, stört dann beispielsweise den Austausch von Impulsen im Gehirn. Bei weit fortgeschrittenen Erkrankungen ist dann ein Verlust von Nervenzellen zu beobachten.

Wie wird dazu geforscht?

Zum einen arbeiten wir daran, die Vorhersagen zu verbessern, um die Vorbeugung zu verbessern, und zum anderen an der Behandlung selbst. Dazu stellen wir uns grundsätzliche Fragen wie: Was sind die Auslöser? Wie ist der Ablauf der Krankheit? Welche Mechanismen im Körper sind betroffen? Für die Frühdiagnostik suchen wir nach sogenannten Biomarkern. Das sind Hinweise im Blut, den Gehirnflüssigkeiten und auch im Verhalten des Menschen. Einen großen Durchbruch in der Behandlung gibt es bis heute nicht. Allerdings haben wir in den letzten 50 Jahren viel über die Krankheit gelernt. Der technische Fortschritt ist für uns natürlich sehr wichtig: Durch Computer können wir vielmehr Daten sammeln und auswerten.

Sie sprachen von Geneffekten: Ist Demenz denn vererbbar?

Ob in einer Familie ein erhöhtes Risiko für eine Demenz besteht, wenn ein naher Angehöriger erkrankt ist, kann man so einfach nicht beurteilen. Da muss man genauer hinsehen. Etwa vier Prozent der Patienten mit einer Alzheimerdemenz haben eine erbliche Form der Krankheit, bei der man die Geneffekte direkt untersuchen kann. Bei den restlichen Patienten spielen sehr viele Gene eine Rolle. Die neurodegenerativen Erkrankungen sind auch genetisch extrem komplex. Das macht sie so schwierig zu untersuchen. Und das ist auch einer der Gründe dafür, dass wir bis heute keine gute Therapie haben. Alzheimer ist übrigens nicht ansteckend, auch wenn das immer wieder durch die Medien geistert.

Wie könnte man die Forschung schneller vorantreiben?

Die Bundesregierung tut schon eine Menge, um die Demenzforschung voranzutreiben. Aber gemessen an der Größe des Problems ist der Einsatz noch immer nicht groß genug. Das sind politische Prioritäten. Die Gründung des Deutsches Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE) war aber ein richtiger Schritt und ein starkes Signal in die richtige Richtung.

Da Demenz vor allem im Alter auftritt und die Gesellschaft weiter altert, werden wir in Zukunft einen höheren Anteil an Demenzkranken haben. Die wissenschaftlichen Probleme sind breit und nur in sehr großen, gemeinsamen Anstrengungen zu lösen. Die Wissenschaft ist international sehr stark vernetzt. Hier sind die EU und international tätige Verbände gefragt. Zusätzlich positiv wäre ein stärkerer Einsatz durch die Wirtschaft. Die großen Pharmafirmen haben sich aber fast alle weitgehend aus der Forschung zu neurodegenerativen Erkrankungen zurückgezogen.

Wie kann man sich vor Demenz schützen?

Beispielsweise wissen wir jetzt, dass die Förderung unseres Gehirns durch das Lernen von Dingen und auch körperliche Bewegung vorbeugend wirken – sozusagen nach dem Motto "Use it or lose it". Wir werden die Alzheimerdemenz nicht los, aber wenn ich den Patienten ihre Erkrankung nicht nehmen kann, dann möchten wir wenigsten die Lebensqualität erhöhen.

Förderlich ist, wie bereits gesagt, die Nutzung des Gehirns. Also das Erlernen neuer Sachen – eine Sprache zum Beispiel. Aber auch körperliche Bewegung spielt eine große Rolle. Natürlich ist es außerdem gut, wenn man nicht raucht und alles in Maßen macht. Sogar Alkohol kann in Maßen gut sein. Ein Alkoholmissbrauch dagegen ist für eine Demenz eher förderlich. Was die Ernährung betrifft, kann man nicht sagen, dass man nicht an Demenz erkrankt, wenn man sich gut ernährt. Es wird aber unwahrscheinlicher an einer Demenz zu erkranken.

Kurz gesagt: Ein einzelner Faktor führt nicht zur Demenz. Es ist viel mehr das Zusammenspiel von vielen einzelnen Faktoren. Deshalb kommt es eben auch vor, dass einige Menschen schon sehr früh an Demenz erkranken und andere gar nicht.

Über Prof. Dr. Gerd Kempermann:

Gerd Kempermann wurde 1965 in Köln geboren und studierte an der Universität Freiburg Medizin. 1993 promovierte er dort und erlangte 2002 die Habilitation. Er ist Sprecher des Deutschen Zentrums für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE) Dresden und seit 2007 Professor für Genomik der Regeneration am Zentrum für regenerative Therapie (CRTD) an der Technischen Universität Dresden. Zuvor arbeitete er in La Jolla, USA, und Regensburg und leitete eine Forschungsgruppe am Max Delbrück Zentrum für Molekulare Medizin in Berlin-Buch.

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