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Bildung: Sechs Meinungen
WLAN, Cloud und 3D-Drucker für alle?

Ronja Kemmer

Ronja Kemmer (CDU) – © Kemmer

16.05.2018 | Die Bundesregierung will fünf Milliarden Euro in digitale Schulen stecken. Was bringt es den Schülern? Wie fit sind die Lehrer? Was können wir vom Ausland lernen? Wir haben Experten der sechs Fraktionen befragt.

Fünf Milliarden Euro will die Regierung in die Digitalisierung von Bildung stecken. Wo wäre das Geld am besten angelegt?

Wir sehen den Digitalpakt Schule als ganzheitlichen Ansatz: überall dort, wo Wissen vermittelt wird, benötigen wir eine zeitgemäße digitale Ausstattung, das heißt an allgemeinbildenden wie an beruflichen Schulen. Eigentlich sind die Länder für die Ausstattung der Schulen zuständig, als Bund wollen wir nun als Beschleuniger maßgeblich daran mitwirken, dass es in Deutschland einen großen Modernisierungsschub bei der Digitalen Bildung gibt.

Dabei geht es um gutes WLAN und die Kommunikationsinfrastruktur im Schulgebäude als "intelligentes Klassenzimmer" sowie die Unterstützung des Aufbaus einer gemeinsamen Bildungscloud. Im Gegenzug stellen die Länder den Betrieb sowie die Kommunikation der IT-Infrastrukturen sicher, integrieren die Digitale Bildung in die Lehreraus- und Fortbildung und entwickeln die Bildungs- und Lehrpläne weiter.

Was bringt das digitale Klassenzimmer den Schülern?

Es ist ein Ungleichgewicht, wenn man in der Freizeit und zur Unterhaltung alle digitalen Möglichkeiten ausschöpfen kann, in der Schule dies aber nicht erfolgt. Vor allem in den weiterführenden Schulen können Lernsoftware, Apps und Tablets das Lernen zielsicher unterstützen und Schüler von digitalen Anwendern zu Gestaltern werden. Aber sie dürfen Grundfähigkeiten wie richtig lesen, rechnen und schreiben zu können niemals ersetzen. Beides ist wichtig.

Sind die Lehrer derzeit fit für das digitale Klassenzimmer? Falls nein, wann werden sie fit sein?

Es reicht nicht, dass die Schulen technisch gut ausgestattet sind. Für die Vermittlung von digitalen Kompetenzen brauchen wir eine digitale Lehrerausbildung, sowohl bei den Inhalten wie bei der Ausstattung. Die Schüler sollen von den Lehrern ja etwas lernen und nicht umgekehrt.

Wie steht Deutschland im internationalen Vergleich beim Thema Digitalisierung in der Bildung da? Von wem können wir etwas lernen?

Vor allem kleinere Staaten haben schon länger auf Digitalisierung in vielen Lebensbereichen gesetzt. In Estland wird konsequent mit dem Tablet unterrichtet. Smartboards, Lern- und Aufgabenvideos, Programmieren und Robotik als Schulfächer, 3D-Drucker in den Schulen – die Möglichkeiten sind vielfältig. Da können wir uns noch sehr viel abschauen, auch wenn wir nicht alles bei uns genauso umsetzen wollen und müssen.

Die Welt wandelt sich rasant. Wie kann es gelingen, dass Bildungspolitiker, Schulen, Lehrpläne und Lehrer mit dem Tempo der Veränderungen mithalten können?

Mit allen Entwicklungen wird man eh nie mithalten können, das muss man auch nicht. Entscheidend ist doch vielmehr, dass man die Chancen sieht, die im digitalen und technologischen Fortschritt liegen. In einer Gesellschaft, in der die Digital Natives in den nächsten 30 bis 40 Jahren die Leistungsträger sein werden, muss es doch möglich sein, dass deren Fertigkeiten auch für die Gesellschaft besser genutzt werden können. Ja, das Leben ist heute schneller als früher – dann müssen wir auch die Rahmenbedingungen schneller anpassen.

Über Ronja Kemmer:

Ronja Kemmer, 29, ist Volkwirtin. Seit 2014 sitzt sie im Bundestag. Sie ist Mitglied im Ausschuss für Bildung, Forschung und Technikfolgenabschätzung. Ihr Wahlkreis ist Ulm in Baden-Württemberg.

Marja Liisa Völlers

Marja Liisa Völlers (SPD) – © Büro Völlers

116.05.2018 | Die Bundesregierung will fünf Milliarden Euro in digitale Schulen stecken. Was bringt es den Schülern? Wie fit sind die Lehrer? Was können wir vom Ausland lernen? Wir haben Experten der sechs Fraktionen befragt.

Fünf Milliarden Euro will die Regierung in die Digitalisierung von Bildung stecken. Wo wäre das Geld am besten angelegt?

Die fünf Milliarden sind richtig gut investiertes Geld. Viel zu viel Zeit hat die ehemalige Bildungsministerin Wanka (CDU) seit der Ankündigung des Digitalpakts im Oktober 2016 verstreichen lassen. Jetzt kommt endlich Bewegung in die Sache. Unsere Schulen brauchen eine gute und stabile Infrastruktur und professionellen Support. Das Geld muss in WLAN, Schulserver, standortgebundene Endgeräte, schulübergreifende Lernplattformen sowie Online-Fortbildungsangebote für Lehrkräfte gehen.

Was bringt das digitale Klassenzimmer den Schülern?

Ganz viele Chancen! Das digitale Klassenzimmer wird die Schüler in die Lage versetzen, sich fit für das Leben in unserer digitalisierten Welt zu machen. Neben klassischen Medien wie Büchern, Heften und Tafeln kann schneller und virtuell gelernt, gespeichert und individuell vertieft werden. Im Idealfall arbeiten die Schüler dann daheim gemeinsam im Team weiter an ihren Projekten. Es geht darum, dass nicht mehr nur konsumiert wird, sondern dass die Schüler die digitale Welt verstehen, gestalten und daran teilhaben können.

Sind die Lehrer derzeit fit für das digitale Klassenzimmer? Falls nein, wann werden sie fit sein?

Das kann man so pauschal nicht beantworten. Es gibt Kollegen – ich bin vom Beruf her Lehrerin –, die richtig fit sind. Und dann gibt es natürlich auch viele, die noch "trainieren" müssen und gar nicht ahnen, welche Chancen der digitale Unterricht eröffnen kann. Wir brauchen eine fundierte Aus- und Weiterbildung der Lehrkräfte und auch ein stückweit Umdenken in der Lern- und Lehrkultur in unseren Schulen.

Ich will hier aber auch einmal betonen, wie viel Schulen und Lehrkräfte heute schon leisten. Mir gefällt es nicht, dass alle immer über die meckern, die noch nicht so weit sind. Ich hatte zum Beispiel das Glück, bis zu meinem jetzigen Job als Bundestagsabgeordnete an Schulen arbeiten zu können, die echt gut digital ausgestattet sind und an denen digital gelernt und gelehrt wird.

Wie steht Deutschland im internationalen Vergleich beim Thema Digitalisierung in der Bildung da? Von wem können wir etwas lernen?

Wir sollten besser da stehen als wir es tun. Von Estland kann man viel lernen. Das kleine baltische Land ist ein digitaler Vorreiter. Dort kann man sehen, welche Möglichkeiten die Digitalisierung mit sich bringt und wie man sie nutzen kann. Digitalisierung kann den Unterricht moderner machen und vereinfachen. Es lohnt sich immer, einen Blick nach Estland zu werfen und die Entwicklung dort genau zu verfolgen.

Die Welt wandelt sich rasant. Wie kann es gelingen, dass Bildungspolitiker, Schulen, Lehrpläne und Lehrer mit dem Tempo der Veränderungen mithalten können?

Die Digitalisierung unserer Gesellschaft und Wirtschaft schreitet unaufhaltsam voran. Keiner wartet auf uns, schon gar nicht der Wandel. Was heute state-of-the-art ist, ist morgen schon veraltet. Schnelles Handeln ist gefragt. Das tun wir jetzt mit dem Digitalpakt von Bund und Ländern. Es ist eine gemeinsame Kraftanstrengung gefragt, um mit den Herausforderungen Schritt halten zu können.

Über Marja-Liisa Völlers:

Marja-Liisa Völlers, 33, ist Gymnasiallehrerin. Seit 2017 sitzt sie im Bundestag und ist dort Mitglied im Bildungsausschuss. Ihr Wahlkreis ist Nienburg II – Schaumburg in Niedersachsen.

Dr. Götz Frömming

Dr. Götz Frömming (AFD) – © Frömming

16.05.2018 | Die Bundesregierung will fünf Milliarden Euro in digitale Schulen stecken. Was bringt es den Schülern? Wie fit sind die Lehrer? Was können wir vom Ausland lernen? Wir haben Experten der sechs Fraktionen befragt.

Fünf Milliarden Euro will die Regierung in die Digitalisierung von Bildung stecken. Wo wäre das Geld am besten angelegt?

Es gab in den vergangenen Jahren viele Brandbriefe von Schulleitern, es gab Demonstrationen und Petitionen von Lehrern, Schülern und Eltern. Das Thema "Digitalisierung" spielte dabei nie eine Rolle. Es gibt also offenbar viel dringendere Probleme an den Schulen als fehlende Computer oder Notebooks. Das Geld gehört deshalb in die Hände derer, die die Situation vor Ort am besten kennen. Jede Schule soll selbst entscheiden dürfen, wie und für was die Mittel eingesetzt werden. Das kann im Bereich Digitalisierung sein, muss es aber nicht.

Problematisch sind vor allem "Knebelverträge", die dazu führen, dass Länder und Kommunen zwar die Technik geschenkt bekommen, aber die hohen Folgekosten für Installation, Instandhaltung, Updates, Softwarelizenzen usw. selbst stemmen müssen. Damit greift der Bund indirekt auf Landesmittel zu und schränkt den Spielraum der Schulen für andere, vielleicht viel dringlichere Investitionen ein.

Was bringt das digitale Klassenzimmer den Schülern?

Ob das "digitale Klassenzimmer" den Schülern etwas bringt, hängt nicht allein vom Vorhandensein elektronischer Hilfsmittel ab, sondern vor allem von der Art und Weise ihrer Nutzung. Ein Vortrag ist nicht automatisch besser, wenn zur Vorbereitung das Internet genutzt wurde oder die Präsentation sich zum Beispiel auf mit Power-Point erstellte Folien stützt. Das digitale Hilfsmittel muss Mittel zum Zweck sein. Wenn es zum Selbstzweck wird, verkehrt sich ein möglicher Lernzuwachs ins Gegenteil. Ein Lernen in der Cloud kann den klassischen Unterricht niemals ersetzen, sondern allenfalls punktuell ergänzen.

Wissenschaftliche Studien, wie zuletzt die OECD-Studie "Students, Computers and Learning", zeigen, dass der Nutzen einer verstärkten Investition in digitale Medien begrenzt ist: "Die verstärkte Nutzung digitaler Medien führt offensichtlich nicht per se zu besseren Schülerleistungen. Vielmehr kommt es auf die Lehrperson an.

Sind die Lehrer derzeit fit für das digitale Klassenzimmer? Falls nein, wann werden sie fit sein?

Viele Lehrer sind für den Umgang mit den neuen Medien und digitalen Geräten schlechter qualifiziert als ihre Schüler. Das wird sich in der Breite auch nicht ändern, da bei vielen Lehrern die Bereitschaft fehlt, sich in diesem Bereich fortzubilden. Es sind umfangreiche Fortbildungen nötig, für die Lehrer freigestellt werden müssten. Bei der derzeitigen Personaldecke an unseren Schulen ist das utopisch.

Wie steht Deutschland im internationalen Vergleich beim Thema Digitalisierung in der Bildung da? Von wem können wir etwas lernen?

Nur wenige Schulen in Deutschland sind bisher so ausgestattet, wie es für einen modernen Unterricht wünschenswert wäre. Die permanente Nutzung von Computern, Tablets, Internet und Smart-Board ist dafür nicht notwendig, ja sogar kontraproduktiv, sie muss aber ohne große Hürden möglich sein, wenn der Lehrer dies aus didaktischen Erwägungen für sinnvoll hält.

Lernen können wir von Ländern wie Estland, den USA oder Australien. Vor allem sollten wir nicht die Fehler dieser Länder wiederholen. In Australien wurden 2016 die für 2,4 Milliarden Dollar angeschafften Laptops an den Schulen wieder eingesammelt. Die Schüler hatten damit alles Mögliche gemacht – nur nicht ihre schulischen Leistungen verbessert. Ähnliche Berichte erreichten uns auch aus den USA.

Die Welt wandelt sich rasant. Wie kann es gelingen, dass Bildungspolitiker, Schulen, Lehrpläne und Lehrer mit dem Tempo der Veränderungen mithalten können?

Es ist ein Irrtum, zu glauben, die Schule könne und müsse alle neuen technischen Trends und Moden aufgreifen. Ihr Kerngeschäft ist seit 2000 Jahren das gleiche. Es geht vor allem darum, zu vermitteln, wie man seinen Kopf anstrengt – wie man reflektiert, analysiert, interpretiert und Lösungen für Probleme entwickelt. Solche Denkübungen lassen sich auch mit traditionellen Techniken bewerkstelligen.

Entscheidend ist das Dreieck, das Lehrer, Schüler und Lerngegenstand bilden. Ob und welche technischen Hilfsmittel dazwischen geschaltet werden, muss bei jüngeren Schülern allein vom Lehrer, bei älteren auch zunehmend von diesen selbst entschieden werden. Keinesfalls darf dieser Prozess zentral durch irgendeine nationale Bildungssoftware oder ähnliches gesteuert werden. Schüler und Lehrer dürfen nicht zu unmündigen Datensklaven gemacht werden.

Über Dr. Götz Frömming:

Dr. Götz Frömming, 50, ist Gymnasiallehrer. Seit 2017 sitzt er im Bundestag. Er ist Obmann im Ausschuss für Bildung, Forschung und Technikfolgenabschätzung. Sein Wahlkreis ist Berlin.

Thomas Sattelberger

Thomas Sattelberger (FDP) – © Thomas Sattelberger

116.05.2018 | Die Bundesregierung will fünf Milliarden Euro in digitale Schulen stecken. Was bringt es den Schülern? Wie fit sind die Lehrer? Was können wir vom Ausland lernen? Wir haben Experten der sechs Fraktionen befragt.

Fünf Milliarden Euro will die Regierung in die Digitalisierung von Bildung stecken. Wo wäre das Geld am besten angelegt?

Fünf Milliarden Euro können allenfalls ein Anfang sein. Wir brauchen nicht nur Reparaturbetrieb für lange Versäumtes, sondern einen viel größeren Wurf. Grundvoraussetzung für digitalen Unterricht sind digital fitte Lehrerinnen und Lehrer. Schon heute herrscht in technisch-naturwissenschaftlichen Feldern Lehrermangel. Deshalb muss ein Großteil des Geldes in die Gewinnung von motivierten Lehramtsstudierenden fließen. Und dann in ausgezeichnete Aus- und Fortbildung – mit den didaktisch besten Konzepten digitalen Lernens.

Außerdem IT-Ausstattung: Wir brauchen an jeder Schule Hochgeschwindigkeits-WLAN sowie Clouds für Unterrichtsmaterial. Bei all dem sollten wir bei den Grund- und Berufsschulen beginnen – sie leiden am meisten Not – und nach und nach alle weiterführenden Schulen ausstatten. Die Lebensperspektiven vieler Menschen hängen entscheidend davon ab, wie gut wir sie auf die digitale Ära vorbereiten.

Was bringt das digitale Klassenzimmer den Schülern?

Der Umgang mit dem Digitalen wird im 21. Jahrhundert so wichtig wie Lesen, Schreiben, Rechnen im 20. Jahrhundert. Wer im digitalen Klassenzimmer lernt, lernt für die eigene Zukunft in digitaler Arbeitswelt wie im digitalen Alltag. Künstliche Intelligenz wird uns künftig immer mehr Aufgaben abnehmen. Je mehr wir darüber wissen, je besser wir damit umzugehen verstehen, desto weniger müssen wir die digitale Zukunft fürchten, desto mehr können wir ihre Chancen ergreifen. Doch genau so wichtig wie "digital" sind kooperationsfähige, kritisch denkende und kreative junge Persönlichkeiten.

Sind die Lehrer derzeit fit für das digitale Klassenzimmer? Falls nein, wann werden sie fit sein?

Digital fit sind hierzulande noch zu wenige Lehrerinnen und Lehrer. Und zu wenige engagieren sich in ihrer Weiterbildung. Wie schnell uns hier Verbesserungen gelingen, hängt davon ab, wie viel Mühe, Energie und Ausdauer wir investieren. Was wir brauchen: Zügige Maßnahmen, denn andere Länder sind hier viel weiter als Deutschland. Künftige Lehrer müssen wir ab sofort im Studium intensiv digital schulen; Informatik hier Pflichtfach werden. Bereits tätige Lehrer und Schuldienst-Quereinsteiger müssen wir umfassend digital weiterbilden.

Wie steht Deutschland im internationalen Vergleich beim Thema Digitalisierung in der Bildung da? Von wem können wir etwas lernen?

Was die technische Ausstattung in Schulen und die Fähigkeiten von Schülern angeht, digitale Medien kritisch zu nutzen und technisch zu verstehen, sind andere Länder viel weiter als wir. Zu diesen Ländern zählen zum Beispiel in Europa Dänemark, die Niederlande, Österreich und die Schweiz. Auch von Singapur, Israel und dem Silicon Valley kann Deutschland viel lernen. Wir liegen leider derzeit allenfalls im Mittelfeld. Unsere Volkswirtschaft ruht sich auf den Lorbeeren des 20. Jahrhunderts aus. Das ist brandgefährlich.

Die Welt wandelt sich rasant. Wie kann es gelingen, dass Bildungspolitiker, Schulen, Lehrpläne, Lehrer usw. mit dem Tempo der Veränderungen mithalten können?

Wenn wir nur versuchen mitzuhalten, werden wir ewig Getriebene bleiben. Wir müssen die Zeichen der Zeit erkennen, die Herausforderungen analysieren und dann rasch handeln. Die beste Hilfe: Hilfe zur Selbsthilfe. Schulen werden Schüler künftig umfassender auf berufliche Herausforderungen vorbereiten müssen: auf den Umgang mit Eigenverantwortung, auf Quereinstiege, auf Innovation. Lehrer, denen dies nachweislich besonders gut gelingt, sollten wir spürbar belohnen: finanziell und durch stärkere gesellschaftliche Wertschätzung. Dazu brauchen wir starke Schulen mit Freiraum und Ressourcen, die nicht am Gängelband von Bürokratie hängen.


Über Thomas Sattelberger:

Thomas Sattelberger, 68, ist Diplom-Betriebswirt. Seit 2017 sitzt er im Bundestag. Er ist Mitglied im Ausschuss für Bildung, Forschung und Technikfolgenabschätzung. Sein Wahlkreis ist München-Süd in Bayern.

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Anke Domscheit-Berg (DIE LINKE) – © DIE LINKE Brandenburg

16.05.2018 | Die Bundesregierung will fünf Milliarden Euro in digitale Schulen stecken. Was bringt es den Schülern? Wie fit sind die Lehrer? Was können wir vom Ausland lernen? Wir haben Experten der sechs Fraktionen befragt.

Fünf Milliarden Euro will die Regierung in die Digitalisierung von Bildung stecken. Wo wäre das Geld am besten angelegt?

In dieser Wahlperiode sollen 3,5 Milliarden Euro für den digitalen Bildungspakt fließen, das ist viel zu wenig, um den Bedarf dafür zu decken. Das Budget muss deutlich erhöht werden, damit es nicht nur für schnelles WLAN an Schulen reicht, sondern auch für die Ausstattung mit elektronischen Geräten, die Entwicklung neuer Lerninhalte, sowie die Einstellung und Qualifizierung von Lehrkräften und IT-Betreuern für die Schultechnik.

Am sinnvollsten investiert man dabei in Open Source Software und Hardware und in die Entwicklung von Open Educational Ressources – also Open Source Bildungsmaterial. "Open" heißt, dass man es frei verwenden und verändern kann. Der Einsatz offener Software und Hardware schafft außerdem Unabhängigkeit von Monopolisten wie Microsoft.

Was bringt das digitale Klassenzimmer den Schülern?

Ein Whiteboard allein oder ein Computer ohne Internet und neue Lerninhalte bringt genauso wenig wie eine Vollausstattung ohne passendes Lehrpersonal. Hat man aber alles das, kann der Unterricht Kinder und Jugendliche besser auf die sich verändernde digitale Gesellschaft vorbereiten. Wer Programmieren lernt, lernt um Beispiel nicht nur die Sprache der neuen Zeit zu verstehen, sondern auch, wie man ein Problem in seine Einzelteile zerlegt, Lösungen dafür findet, diese Lösungen zusammensetzt, testet, verbessert und dann in der Praxis anwendet. Die Kompetenzen, die man dabei erwirbt, kann man überall brauchen, nicht nur beim Programmieren.

Darüber hinaus wird man besser in die Lage versetzt, mit Technologie nicht nur umzugehen, sondern sie auch zu gestalten und kreativ zu nutzen. Das reicht von Privatsphäreeinstellungen am Smartphone bis zur Herstellung eigener Produkte (von Spielzeug bis Ersatzteil) an einem 3D-Drucker.

Sind die Lehrer derzeit fit für das digitale Klassenzimmer? Falls nein, wann werden sie fit sein?

Es gibt nicht genügend Lehrkräfte gerade im IT-Bereich, viele sind nicht ausreichend geschult und außerdem müssen sie oft nebenbei die IT-Technik der Schule betreuen. Das kostet viel Zeit und ist eigentlich ein anderer Job (IT-Administrator). Die notwendige, großangelegte Ausbildungs- und Qualifizierungsinitiative für Lehrkräfte und die Entwicklung neuer Lehrinhalte werden Jahre dauern. Kaum eine Schule hat eigene IT-Administratoren eingestellt, um ihre IT-Lehrkräfte für pädagogische Arbeit zu entlasten.

Bisher stehen aber nicht mal die Mittel für diese Maßnahmen zur Verfügung, daher kann man leider auch nicht sagen, wann überall in Deutschland die Lehrkräfte fit sein werden. In manchen Bundesländern gibt es Informatik nicht mal als Pflichtfach. Man hält es dort offenbar nicht für wichtig genug. Das ist sehr bedauerlich. Viele Lehrkräfte bilden sich privat und in Eigeninitiative weiter, da hat man als Schülerin oder Schüler dann entweder Glück – oder leider nicht. Wir möchten, dass alle die gleichen Chancen auf gute Bildung haben.

Wie steht Deutschland im internationalen Vergleich beim Thema Digitalisierung in der Bildung da? Von wem können wir etwas lernen?

Deutschland ist in der Bildung wie bei vielen anderen Themen, die mit Digitalisierung zu tun haben, weit hinter anderen Ländern zurück, bei der elektronischen Verwaltung genauso wie beim schnellen Internet. Lernen könnten wir von vielen europäischen Ländern. In den Niederlanden wird mehr als ein Drittel der Unterrichtszeit mit digitalen Medien gestaltet, alle Schulen haben Internet und für Lehrkräfte gibt es ein Bildungsprogramm für Medienkompetenz und Digitalisierung.

In Finnland verzichten einige Schulen ganz auf Schulbücher aus Papier und arbeiten mit elektronischen Lehrmaterialen, wie E-Books, Animationen, Videos, Simulationen und Multimedia-Präsentationen. Seit über 10 Jahren gibt es in Norwegen eine Online-Plattform mit offenen, digitalen Lehrmitteln und in einer ganzen Reihe von Ländern lernen Kinder schon in der Grundschule Programmieren. Es gibt wirklich noch viel nachzuholen für uns.

Die Welt wandelt sich rasant. Wie kann es gelingen, dass Bildungspolitiker, Schulen, Lehrpläne und Lehrer mit dem Tempo der Veränderungen mithalten können?

Zuerst braucht es mehr Geld für Bildung, das dann (wie oben schon beschrieben) klug ausgegeben werden muss, so dass gute Bildung für alle Kinder möglich ist, die sie zur Gestaltung der Zukunft auch befähigt. Dafür braucht es in der Bundespolitik andere Schwerpunkte (zum Beispiel weniger Ausgaben für Rüstung), aber es muss auch das Grundgesetz geändert werden, denn Länder und Kommunen können diese Mammutaufgabe nicht allein finanzieren und nach geltendem Recht darf die Bundesregierung nur sehr begrenzt Geld dafür bereitstellen. Für diese Grundgesetzänderung (Aufhebung des sogenannten Kooperationsverbotes) gibt es endlich eine Mehrheit im Bundestag, so dass es leichter wird, digitale Bildung bundesweit zu fördern.

Weil alles das Zeit braucht, Veränderung aber sofort nötig ist, sollten sich Schulen auch nach außen öffnen. Eine Nachmittags-AG können auch qualifizierte Dritte anbieten, Lernen kann auch an anderen Orten als nur in der Schule stattfinden. Projektwochen lassen sich auch in Kooperation mit Makerspaces durchführen, das sind offene Werkstätten, wo man beispielweise Elektronik löten, 3D-Drucker nutzen oder kleine Dinge lasern kann.

Über Anke Domscheit-Berg:

Anke Domscheit-Berg, 50, ist Publizistin. Sie ist Obfrau im Ausschuss Digitale Agenda und seit 2017 im Bundestag. Ihr Wahlkreis ist Brandenburg an der Havel - Potsdam-Mittelmark I - Havelland III - Teltow-Fläming I.

Margit Stumpp

Margit Stumpp (Bündnis 90/Die Grünen – © Deutscher Bundestag/Thomas Koehler

16.05.2018 | Die Bundesregierung will fünf Milliarden Euro in digitale Schulen stecken. Was bringt es den Schülern? Wie fit sind die Lehrer? Was können wir vom Ausland lernen? Wir haben Experten der sechs Fraktionen befragt.

Fünf Milliarden Euro will die Regierung in die Digitalisierung von Bildung stecken. Wo wäre das Geld am besten angelegt?

Auch wenn sich fünf Milliarden Euro erst einmal nach viel Geld anhören, bleibt am Ende für jede der gut 33.000 Schulen gar nicht so viel übrig. Das heißt, es wird kein Geld dafür zur Verfügung stehen, Tablets oder Laptops zu kaufen. Das ist wirklich schade und sollte geändert werden.

Wichtig ist, dass jede Schule an das schnelle Breitband-Netz angeschlossen wird. Die Beschaffung von digitalen Lehrmitteln, mit denen Lehrkräfte gut arbeiten können und die dazugehörende Qualifizierung der Lehrenden sind fundamental. WLAN-Hotspots und Schulserver mit entsprechender Software für kooperatives Arbeiten unterstützen die Fähigkeiten, die unsere Kinder in der zunehmend digitalisierten Gesellschaft brauchen.

Was bringt das digitale Klassenzimmer den Schülern?

Das digitale Klassenzimmer kann das Lernen abwechslungsreicher und spannender machen sowie technische Fertigkeiten vermitteln. Kinder und Jugendliche bewegen sich oft schon viel und gekonnt in virtuellen Räumen und auf digitalen Plattformen. Mit diesem Wissen werden dann auch interaktive digitale Lerninhalte interessant. Wichtig ist dabei, dass der Lernstoff in Vordergrund steht und nicht die Technik zur Vermittlung. Digitale Technik ist inzwischen selbstverständlicher Bestandteil unseres Alltags und sollte es damit auch in der Schule sein, auch damit die jungen Menschen einen selbstbestimmten und kritischen Umgang damit lernen.

Sind die Lehrer derzeit fit für das digitale Klassenzimmer? Falls nein, wann werden sie fit sein?

Viele Lehrer sind fit und beherrschen digitale Inhalte und Geräte. Digitalisierung in den Schulen findet ja schon seit vielen Jahren statt. Dennoch gibt es auch Lehrende, die noch Nachholbedarf haben. Die Bundesländer haben versprochen, sich darum zu kümmern, dass alle Lehrkräfte in die Lage versetzt werden, mit dem digitalen Klassenzimmer umzugehen. Jede Lehrerin und jeder Lehrer sollte die Möglichkeit bekommen, sich entsprechend fortbilden zu können. Dazu gehört neben der erweiterten Methodik auch die entsprechende Didaktik.

Wie steht Deutschland im internationalen Vergleich beim Thema Digitalisierung in der Bildung da? Von wem können wir etwas lernen?

Deutschland ist im Rückstand was die Digitalisierung in der Schule angeht. Lernen können wir zum Beispiel von Finnland: Dort müssen sich nicht die Lehrer um die Netzwerke, Server und Tablets kümmern, sondern das machen eigens angestellte Techniker. Auch in Sachen digitale Ausstattung und Lernmaterial sind sie uns weit voraus. Hier muss Deutschland ganz schön zulegen, um nicht weiter ins Hintertreffen zu geraten.

Die Welt wandelt sich rasant. Wie kann es gelingen, dass Bildungspolitiker, Schulen, Lehrpläne und Lehrer mit dem Tempo der Veränderungen mithalten können?

Die rasante Veränderung muss sich auch in den Schulen widerspiegeln. Zum einen müssen die Lehrpläne entsprechend angepasst werden. Zum anderen müssen die Lehrer so fortgebildet werden, dass auch sie immer auf dem neusten Stand sind. Es ist aber auch notwendig, in die Ausstattung von Schulen dauerhaft zu investieren. Angesichts der Kosten für digitale Infrastruktur und der ständig notwendigen Aktualisierung ist das eine dauerhafte finanzielle Herausforderung. Vor diesem Hintergrund sind die fünf Milliarden des Digitalpakts über den Zeitraum von vier Jahren nicht mehr als eine verhältnismäßig kleine Anschubfinanzierung. Deshalb streiten wir als grüne Bundestagsfraktion auch dafür, dass der Bund hier deutlich mehr Geld und dieses dauerhaft und verlässlich zur Verfügung stellt.

Über Margit Stumpp:

Margit Stumpp, 55, ist Diplom-Ingenieurin. Seit 2017 sitzt sie im Bundestag. Sie ist Mitglied in den Ausschüssen für Kultur und Medien sowie für Bildung. Ihr Wahlkreis ist Aalen - Heidenheim in Baden-Württemberg.

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