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Gustav Beyer (25)
freier Journalist

Digitales Klassenzimmer
"Deutschland wartet einfach ab!"

25.04.2018 |

Mit den Fingern schnipsen und schon tauchen im Klassenzimmer Projektionen mit den wichtigsten Informationen auf – das ist eine der Visionen Jacob Chammons für eine digitale Schule. Gustav hat den Berliner Schulleiter gefragt, wie wir in Zukunft lernen.

Jacob Chammon

Jacob Chammon: "Ich finde lustig, dass es in Deutschland noch Unis gibt, die ihre Studenten Klausuren auf dem Papier lösen lassen." – © privat

Herr Chammon, was ist Ihrer Meinung nach das drängendste Problem im deutschen Schulsystem?

In Deutschland fehlen qualifizierte Lehrkräfte. Es gibt viele tolle Lehrer, aber nicht genug. Wir brauchen Lernbegleiter. Solche, die vor digitalen Medien und Geräten nicht zurückschrecken, sondern sie im Unterricht angemessen nutzen.

Was ist mit den Lehrern, die froh sind, dass sie die Tastatur mit zwei Fingern bedienen können?

Die sind nicht das Problem. Lehrer sind scharf drauf, Neues zu lernen. Schwierig sind die jungen Lehrer, die frisch von der Uni kommen. Sie haben ein furchtbar starres, hierarchisches Bild des Lehrers eingetrichtert bekommen. Sie wollen ganz dogmatisch alles richtig machen. Aber Digitalisierung spielt an den Unis kaum eine Rolle.

Sie selbst haben Schule als Schüler vermutlich mit Tageslichtprojektor und Hausaufgabenheft kennengelernt. Warum brauchen Schulen Smartboards und Lern-Apps?

Schüler leben ja nicht in der Schule. Außerhalb sind sie permanent mit Digitalisierung konfrontiert. Sie wachsen als Digital Natives damit auf. Schule darf das nicht ignorieren. Sie muss vermitteln, wie man damit umgeht. In wie vielen Berufen arbeiten Menschen mit digitalen Medien? In fast allen. Schule muss Basiskompetenzen vermitteln, damit sich Schüler zurechtfinden können.

Wenn Schüler alles ins Smartphone sprechen, müssen sie dann überhaupt noch Schreiben lernen?

Natürlich müssen Schüler auch weiter Lesen und Schreiben lernen. Das sind Kulturtugenden.
Aber ich finde lustig, dass es in Deutschland noch Unis gibt, die ihre Studenten Klausuren auf dem Papier lösen lassen. Aber nicht nur Unis, sondern auch Grund- und weiterführende Schulen präsentieren sich heute als Paralleluniversum. Wir müssen uns fragen: Ist das schützenswert?

Wie verbessern digitale Angebote denn das Lernen?

Erinnerst du dich noch an die Zeit, als dein Englischlehrer Hörbeispiele auf dem Kassettenrekorder abgespielt hat? Alle mussten sich gleichzeitig auf die Aufnahme konzentrieren. So funktioniert Lernen aber nicht. Schulklassen sind heterogen, alle Schüler bringen unterschiedliche Voraussetzungen und Ansprüche mit – und Smartphones, auf denen sie sich die Aufnahme nochmal in eigenem Tempo anhören können. Ich kann Sprachen lebendig werden lassen, indem ich mitten im Unterricht mit Menschen in aller Welt Skype. Der Kassettenrekorder spricht nicht mit uns.

Was macht eine digitale Schule noch aus?

In der digitalen Schule haben Lehrer und Schüler die Möglichkeit, digital zu arbeiten. Das heißt nicht: Alles ist zu 100 Prozent durchtechnisiert. Es gibt noch Bücher. Aber eben auch frei verfügbares Internet. Schüler lernen, damit umzugehen und ausgebildete Lehrer begleiten sie. Jede Schule hat zusätzlich "digitale Hausmeister". Das sind normale Lehrkräfte, die die Geräte instandhalten und ihren Kollegen helfen, wo sie können: Beim Filmeschneiden oder bei Präsentationen. Was auch gut wird: 3D-Drucker an der Schule, die werden die theoretischen Lerninhalten greifbar manchen können.

Müssen dann die Lehrpläne neu geschrieben werden?

Nicht unbedingt, eine Kompetenzorientierung ist in den meisten Lehrplänen enthalten. Sie sind also in gewissem Maß flexibel.

Ist wahrscheinlich auch eine Frage der Finanzierung...

In Deutschland ist jetzt die Zeit reif, in die Tasche zu greifen. Die Regierung muss in Bildung investieren − und zwar in Milliardenhöhe. Als Erstes muss WLAN an allen Schulen frei zur Verfügung stehen. Dann können Schüler mit ihren eigenen Geräten ins Netz. Lehrer müssen weitergebildet werden, Studenten besser ausgebildet. Ein Euro für die Hardware und einer für die Soft Skills, um die Lehrer fit zu machen. Deutschland wartet einfach ab. Das geht nicht! Wollen wir abgehängt werden?

Manche sind skeptisch: Was passiert mit den Daten der Schüler?

Ich bin Däne und bis ich nach Deutschland gekommen bin, kannte ich das Wort Datenschutz nicht. Datenschutz ist so ein deutsches Ding – aber ich sehe das positiv. Natürlich soll eine Klassenarbeit nicht öffentlich in der Cloud gespeichert werden, das sind sensible Daten. Aber: Manche Eltern wehren sich vehement gegen freies WLAN, weil ihre Kinder dann der Strahlung ausgesetzt sind. Zu Hause arbeiten sie selbst im Internet und drücken ihren Kindern ein Tablet in die Hand, um Zeit für sich zu gewinnen. Vor allem Eltern sollten sich mit ihrer eigenen Haltung im Umgang mit Medien differenzierter auseinandersetzen.

Verliert der Staat nicht die Kontrolle, wenn Datensätze von Firmen verwaltet werden?

In Dänemark bietet der Staat selbst seit Ewigkeiten Vergleichsarbeiten online an. Das klappt schon. Die Internet-Konzerne kommen dem Staat teilweise entgegen: Manche haben sämtliche Server in Deutschland stehen, die dem deutschen Datenschutzgesetz unterliegen.

Wie sollte Schule in zehn Jahren aussehen?

Ich habe eine Vision: Ich strecke meine Hand aus und vor meinen Augen beamt genau das hoch, was ich sehen möchte. Etwas realistischer ist, dass Lehrer eine größere Auswahl an Medien nutzen. Schüler lernen mit Büchern. Sie heften Arbeitsblätter klassisch ab. Sie können aber auch Präsentationen ansprechend gestalten, Arbeitsergebnisse in der Cloud teilen und Sprachen von Muttersprachlern via Skype authentisch lernen.

Woher kommt Ihr Ehrgeiz, Digitalisierung an Schulen populär zu machen?

Ich war in Dänemark Lehrer, als dort die Digitalisierung angefangen hat. Das waren Zustände wie im wilden Westen: Alle haben einfach mal ausprobiert, was sie mit digitalen Geräten anstellen können. Uns hat niemand gezeigt, wie das geht. Meine Soft Skills habe ich mir autodidaktisch angeeignet. Ich bin kein Techniker. Meine Aufgabe als Lehrer ist es, gute Ideen und Lerninhalte zu entwickeln. Wenn ich technisch nicht weiterweiß, frage ich meine Schüler oder Kollegen oder lasse es gleich jemand anders machen. Die Lehrer sollen Mut haben und sich auf Pädagogik und Didaktik fokussieren – mit der Technik können die Schüler helfen. Ich finde es sehr wichtig, dass Deutschland sich auch auf diesen Weg begibt.

Warum?

Die Schulen müssen die Kinder und Jugendliche auf die Welt vorbereiten. Dazu gehören auch digitale Kompetenzen – und eine digitale Mündigkeit. Deswegen sollen neue Medien auch eine große Rolle in den Schulen spielen. Es ist mit der Digitalisierung wie auf der Autobahn: Es geht ganz schön schnell zu. Deshalb ist es wichtig, den Sicherheitsgurt anzulegen, Risiken abzuschätzen und achtsam zu sein. Aber es ist auch gefährlich, auf der Autobahn zu langsam zu fahren!

Über Jacob Chammon:

Jacob Chammon, 37, ist Schulleiter der Deutsch-Skandinavischen Gemeinschaftsschule in Berlin, einer Ganztagsschule der Montessori Stiftung Berlin, in der sich Schüler eigene Ziele stecken und ihre Erfolge nachvollziehen können. Chammon legt Wert darauf, Smartphones und digitale Medien in seinen Unterricht zu integrieren und spricht dazu auch auf unterschiedlichen Veranstaltungen.

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