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Die Autorin

Camilla Lindner

Camilla Lindner (24)
studiert Politikwissenschaft und Anglistik

Steuerschätzerin
"Bei uns geht es um Fakten"

24.11.2015 |

Sie jongliert mit vielen Milliarden Euro und schafft die Grundlage für die Haushaltsplanung: Kristina van Deuverden, Mitglied im Arbeitskreis Steuerschätzungen. Im Interview erzählt sie, warum sich Experten manchmal auch irren.

Eine Frau mit schulterlangen Haaren schaut in die Kamera.

Hilft mit, den kommenden Bundeshaushalt zu planen - Kristina van Deuverden vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung. – © Presse

Aus welchen Quellen fließen dem Staat Steuern zu?

Aus ganz vielen unterschiedlichen Steuerquellen. Die größten Einzelsteuern für den Staat und auch den Bundeshaushalt sind jedoch die Lohnsteuer, die jeder Arbeitnehmer von seinem Gehalt abgeben muss und die Umsatzsteuer oder Mehrwertsteuer, die beim Verbrauch von Waren oder Dienstleistungen anfällt. Die Umsatzsteuer ist in Deutschland zurzeit die größte Einnahme – sie hat ein Volumen von 209 Milliarden Euro. An zweiter Stelle steht die Lohnsteuer.

Wie können Sie diese zu erwartenden Steuern schätzen?

Eine Steuerschätzung ist eine makroökonomische Schätzung, also eine Betrachtung gesamtwirtschaftlicher Vorgänge. Sie basiert auf der wirtschaftlichen Entwicklung, die die Bundesregierung in den kommenden fünf bis sechs Jahren erwartet.

Das klingt nicht nur sehr kompliziert, das ist auch es auch, weil sehr viele Faktoren die Schätzung beeinflussen. Nehmen wir das Beispiel Lohnsteuer: Da wissen wir aufgrund dessen, wie sich der Arbeitsmarkt entwickelt und aufgrund der Beschäftigungszahlen auch, wie sich das auf die Lohnsteuer auswirkt. Auch so etwas wie die Lohnsteuer aus sogenannten Minijobs spielt da mit rein. Aus der Vergangenheit wissen wir dann, wie sich solche Entwicklungen auf die zu erwartenden Einnahmen aus der Lohnsteuer Einfluss nehmen.

Und wer macht diese Schätzungen?

Die Steuerschätzung nimmt ein Gremium von circa 35 Leuten vor. Darunter sind Vertreter des Bundesministeriums für Finanzen und des Bundesministeriums für Wirtschaft sowie Vertreter der Länder. Außerdem holt man sich Sachverstand von außerhalb dazu. Das heißt, es sitzen in der Runde auch Vertreter der Bundesbank, des Sachverständigenrats und der Wirtschaftsforschungsinstitute – dazu gehöre auch ich.

Die Methoden, mit denen die Mitglieder des Arbeitskreises ihr Schätzvorschläge erstellen, sind unterschiedlich. Diejenigen Mitglieder, die eigene Schätzvorschläge erstellen, erarbeiten diese mit eigenen Methoden und Modellen.

Wie läuft so eine Steuerschätzung ab?

Im Vorfeld der Steuerschätzung erstellen alle oben genannten Vertreter, außer die der Länder, eine eigene, komplette Kalkulation dessen, was sie erwarten würden. Und dann treffen wir uns und diskutieren jede einzelne Steuer durch. Es gibt eine Gegenüberstellung von acht Vorschlägen. Das heißt, man sieht bei jeder einzelnen Steuer, wie hoch der Betrag ist, den zum Beispiel der Bund oder die Bundesbank im Jahr 2016 erwarten. Dann werden die großen Steuerposten anhand vieler Faktoren von allen Seiten betrachtet und es wird über sie diskutiert. Das dauert manchmal sehr lange – und zwar so lange, bis sich alle auf eine gemeinsame Voraussage geeinigt haben. Diese Zahl steht dann. Das heißt, dass der Bund sie als Grundlage für den Bundeshaushalt übernimmt.

Wie lange sitzen Sie an der Steuerschätzung? Das hört sich nach einem sehr langwierigen Prozess an.

Ja, das ist es auch: Die Steuerschätzung läuft über drei Tage. Aber wir sind alle natürlich vorbereitet. Ich zum Beispiel sitze eine Woche zuvor im Institut und rechne alles einmal komplett durch. Das heißt, ich weiß schon im Voraus, welche Punkte ich dort besprechen muss. Und die meisten von uns sitzen schon viele Jahre im Arbeitskreis Steuerschätzungen und haben Erfahrung. Das hilft natürlich, die Dinge schneller durchzuführen.

Kann man sich die Situation am Tisch wie in der Politik vorstellen? Also dass auch mal hitzig diskutiert wird?

Nein, wir diskutieren nicht so wie in der Politik. Bei uns geht es um Fakten, nicht darum, das nächste Mal wiedergewählt zu werden. Die Steuerschätzung geschieht außerdem hinter verschlossener Tür, deshalb setzt sich am Ende der beste Vorschlag durch. Trotzdem ist es nicht der Fall, dass da ein Haufen Nerds schweigend zusammen sitzt. Auch wir führen zum Teil sehr kontroverse Diskussionen.

Können sich die Steuerschätzer auch mal irren?

Ja, natürlich. Aber wir sind nicht für alles verantwortlich. Da gibt es erstmal die wirtschaftliche Entwicklung. Wenn die ganz anders ist, sind es auch die Einnahmen. Dann haben wir in jeder Prognose auch die Auswirkungen von Rechtsänderungen zu berücksichtigen. Die werden vom Bundesfinanzministerium vorgegeben. Auch hier muss die Erwartung nicht in jedem Fall mit der Wirklichkeit übereinstimmen. Und dann bleibt natürlich ein Restfehler, wenn mein Modell oder mein Urteil nicht stimmt.

Der Haushalt für das Jahr 2016 sieht wieder eine "schwarze Null" vor, also den Verzicht auf neue Schulden. Ist das aus Ihrer Sicht realistisch?

Beim öffentlichen Haushalt geht es immer um Ein- und Ausgaben. Auf der Ausgabenseite habe ich zurzeit das Problem, dass ich die jetzige Situation in Deutschland abschätzen muss. Also wie viele Menschen kommen überhaupt nach Deutschland, wie viele bleiben, wie ist die Altersstruktur und noch mehr solcher Fragen. Wir müssen also auch abschätzen, wie sich die aktuelle Migrationssituation auf die öffentlichen Finanzen auswirkt. Im Zusammenhang mit den Zahlen, die im Raum stehen, ist der vom Finanzminister geschätzte, ausgeglichene öffentliche Haushalt für 2016 relativ plausibel. Ich persönlich glaube aber, dass wir uns die Zuwanderungszahlen nochmals genau anschauen müssen.

Ist ein ausgeglichener Haushalt, also die "schwarze Null" denn immer das Ziel?

Das kommt darauf an, wie ich das bewerte. Die schwarze Null ist kein Ziel an sich – da habe ich immer schon eine andere Auffassung vertreten als Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble. Grundsätzlich: Bei einer ausgeglichenen Finanzpolitik steuere ich einen Haushalt an, der in der mittleren Frist ausgeglichen ist. Das heißt, bei einer guten Konjunktur habe ich ein Plus, bei einer schlechten ein Minus im Haushalt. Zurzeit kommt hinzu: Die Zuwanderung konnte niemand vorhersehen. Deshalb haben wir im Moment eine Situation, die eine Herausforderung darstellt. Meiner Ansicht nach ist es hier durchaus gerechtfertigt, dass wir ein Defizit machen. Denn natürlich kosten die Unterbringung der geflüchteten Menschen und so weiter am Anfang öffentliches Geld, das hauptsächlich auf die Kommunen zukommt. Darum hat der Bund ja auch Transferzahlungen an die Kommunen zugesagt. Er selbst muss dann erst später direkt Ausgaben einplanen.

Müssen die Bürger aufgrund der hohen Zuwanderung mit Steuererhöhungen rechnen?

Das ist im Moment zwar eine fragile Situation. Aber auf der Grundlage der jetzigen Daten sehe ich das nicht, nein.

Über Kristina van Deuverden:

Kristina van Deuverden ist wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Abteilung Konjunkturpolitik am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung und sitzt seit 1998 im Arbeitskreis Steuerschätzung. Sie hat Volkswirtschaftslehre an der Georg-August-Universität in Göttingen studiert und ihren Master of Economics an der Universität des Saarlandes absolviert.

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