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Die Autorin

Maxi 68x68

Maxi Köhler (19)
studiert Soziologie und Politik.

Forscherin
"Frauen wählen anders als Männer"

09.01.2018 |

Wie hat das Wahlrecht für Frauen den Lauf der Geschichte beeinflusst? Wählen Frauen anders als Männer? Das wollte Maxi von Dr. Kerstin Wolff wissen. Sie ist Historikerin und Leiterin des Bereichs Forschung im Archiv der deutschen Frauenbewegung.

Kerstin Wolff

Man könne beobachten, dass die Fragen nach Gleichberechtigung wieder interessant werden. Das habe auch mit der #metoo-Debatte zu tun, meint Kerstin Wolff vom Archiv der deutschen Frauenbewegung. – © Kerstin Wolff

Frau Wolff, jahrzehntelang durften in diesem Land nur Männer wählen. Erst 1918 erhielten auch Frauen das Wahlrecht. Wäre die Welt anders, wenn nur Frauen wählen dürften?

Wahrscheinlich ja. Die eigentliche Frage ist aber: Wäre sie besser? Wenn nur ein Geschlecht wählt, dann fallen die Themen, die das andere Geschlecht beschäftigen, herunter. Grundsätzlich ist es gut, wenn so viele Menschen wie möglich wählen, um sicherstellen zu können, dass die Interessen von einer möglichst breiten Masse vertreten werden.

Wie haben Frauen im Laufe der Jahrzehnte gewählt? Hat sich ihr Wahlverhalten auffallend verändert?

Tatsächlich wählen Frauen anders als Männer. Man kann beobachten, dass bis in die 1970er-Jahre hinein die Frauen vorzugsweise konservativ gewählt haben. Seit den 70ern wählen Frauen eher die Grünen oder die SPD, also Parteien, bei denen der Wohlfahrtsstaat im Vordergrund steht. Was man auch beobachten kann, ist, dass Frauen dazu tendieren, eher weniger radikal zu wählen, zum Beispiel wählen weniger Frauen als Männer die AfD.

Wie hat das Frauenwahlrecht vor 100 Jahren den Lauf der Geschichte verändert?

Die Einführung des Frauenwahlrechts stellt vor allem erstmal den Beginn der Demokratie in Deutschland dar. Plötzlich gab es eine Interessenvertretung aller Menschen. Viele Fragen mussten politisch neu beantwortet werden, da mit den Frauen natürlich auch andere Themen in die Politik kamen. Den Artikel zur Gleichberechtigung, der 1949 im Grundgesetz festgeschrieben wurde, hätte es ohne das Frauenwahlrecht vor 100 Jahren so definitiv nicht gegeben.

Noch bis Anfang des 20. Jahrhundert wurden Frauen, die für Frauenrechte kämpften, lächerlich gemacht und nicht ernst genommen. Heute fordern viele Frauen Frauenquoten und würden sagen, dass ihr Anliegen nicht ernst genommen wird. Sehen Sie Parallelen zu damals?

Ich glaube, dass dieses Phänomen nicht spezifisch für das Thema Frauenrechte ist. Man kann dieses Muster bei allen sozialen Bewegungen beobachten, die etwas Grundlegendes verändern wollen. Zunächst werden sie ignoriert, dann belächelt und irgendwann doch übernommen. Und so ist das auch jetzt aktuell bei den Frauenquoten oder generell bei der Stärkung von Frauenrechten. Irgendwann entwickelt es sich zu einer gesellschaftlichen Frage, es bildet sich eine Bewegung und die Debatte beginnt.

Sind heute genug Frauen in der Politik vertreten?

Ganz klar nein. 10 Prozent der deutschen Rathäuser werden von einer Frau geführt und gerade einmal 30 Prozent der Abgeordneten des Deutschen Bundestages sind weiblich – das kann nicht sein. Wenn in der weltweiten Gesellschaft 51 Prozent Frauen sind, muss das auch so in den Parlamenten repräsentiert sein.

Was sollte Ihrer Meinung nach geschehen?

Da wir gesehen haben, dass freiwillig in den Parteien eher wenig passiert, könnte ich mir eine Quote auch in der Politik oder ein Paritätsgesetz gut vorstellen. Die Politik sollte meiner Meinung nach versuchen, die ganze Bandbreite der Gesellschaft abzubilden und dazu gehört nun einmal auch das Geschlecht. Aber selbst 100 Jahre nach Einführung des Frauenwahlrechts besetzen die vorderen Listenplätze bei Wahlen vor allem Männer. Das muss sich ändern.

Auf dem Papier sind Frauen heute voll gleichberechtigt. Wie sieht die Realität aus?

Artikel 3 unseres Grundgesetzes besagt, dass Männer und Frauen gleichberechtigt sind. Natürlich haben wir vor allem auch einen juristischen Anspruch, den umzusetzen. Man kann aber beobachten, dass sich die Gesellschaft nicht in dem Sinne verändert hat und das Geschlecht sogar wieder eine stärkere Rolle einnimmt.

Wo zum Beispiel?

Ein gutes Beispiel ist hier der Arbeitsmarkt: Noch immer gibt es ganz unterschiedliche Vorstellungen von Berufen zwischen Männern und Frauen. Frauen entscheiden sich tendenziell eher für soziale Berufe anstatt für das Studium zur Ingenieurin, obwohl soziale Berufe um einiges schlechter bezahlt sind als eine Stelle als Ingenieurin. Dabei verbietet den Frauen ja niemand, sich für einen technischen oder naturwissenschaftlichen Beruf einzusetzen. Es ist nur einfach die kulturelle Praxis.

Gilt das, was sie beschreiben, heute auch für Ostdeutschland? In der ehemaligen DDR arbeiteten ja mehr Frauen in technischen und naturwissenschaftlichen Berufen als im Westen.

Das ist ein interessanter Einwurf. Hier würde sich die Frage anschließen, welchen sozialen Stellenwert der Beruf der Ingenieurin in der DDR hatte. Wurde er gut bezahlt? War er gesellschaftlich hoch angesehen? Welche reinen Männerberufe gab es in der DDR und wie wurden diese bezahlt? Es geht also nicht um einen speziellen Beruf, sondern um die Verortung dieser Berufe im Koordinatenkreuz von geschlechtlichen Zuschreibungen und deren Auswirkungen.

Und warum wählen heute Frauen eher seltener technische oder naturwissenschaftliche Berufe?

Noch immer existieren die typischen Rollenbilder in den Köpfen unserer Gesellschaft und es ist sehr schwer, da individuell entgegenzusteuern. Seit einiger Zeit gibt es Projekte, um mehr Frauen in MINT-Berufe zu bekommen, also in den Bereichen Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik. Bisher sind diese Versuche kläglich gescheitert. Man braucht bei der Gleichstellung einen sehr langen Atem, auch weil man die strukturelle Benachteiligung juristisch nicht nachweisen kann. Sie ist einfach da.

Wo steht die Frauenbewegung heute und wie unterscheidet sie sich von der Alice-Schwarzer-Generation, die für den Feminismus der 70er steht?

Man kann beobachten, dass die Fragen nach Gleichberechtigung wieder interessant werden. Das hat auch mit der #metoo-Debatte zu tun, die vor gut einem Jahr für großes Aufsehen gesorgt hat. Im Gegensatz zur Alice-Schwarzer-Generation findet die heutige Frauenbewegung nicht mehr so stark im öffentlichen Raum statt, also es gibt beispielsweise keine großen Frauendemonstrationen. Es gibt allerdings eine sehr große Solidarisierung von Frauen, die eher digital stattfindet, Frauen vernetzen und unterstützen sich gegenseitig im Internet.

Haben sich die Themen verändert?

Leider nein, die Themen haben sich im Vergleich zu den 70ern eigentlich überhaupt nicht verändert haben. Das ist für mich bitter. Heute wird im Grunde das Gleiche gefordert wie damals, sexuelle Selbstbestimmung oder die Forderung nach körperlicher Unversehrtheit, also dem Aufzeigen körperlicher Grenzen. Ich befürchte, dass auch diese Frauenbewegung das nicht grundlegend ändern kann. Die gesamte Gesellschaft sollte sich dieser Themen annehmen.

Über Dr. Kerstin Wolff:

Dr. Kerstin Wolff, 51, hat an der Universität Kassel Geschichte, Politikwissenschaft und Kunstgeschichte studiert. Sie arbeitet seit 1999 bei der Stiftung Archiv der deutschen Frauenbewegung. Sie forscht und publiziert zur Geschichte der Frauenbewegung in Deutschland.

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