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Die Autorin

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Nicole Prehn (22)
studiert Politik- und Erziehungswissenschaften


"Wir müssen immer wachsam sein"

09.09.2014 |

Sven Volmering ist 38, Geschichtslehrer und sitzt heute für die CDU im Bundestag. Er hat oft mit seinen Großeltern über das unvorstellbare Leid gesprochen, das Menschen einander im Zweiten Weltkrieg angetan haben. Und er hat Ideen, was Schulen besser machen können.

Der Bundestagsabgeordnete Sven Volmering lehnt mit dem Rücken an einem Geländer im Paul-Löbe-Haus.

Die Großmutter von Sven Volmering hat Geschwister und Verlobten im Zweiten Weltkrieg verloren. Im Gespräch mit ihr wird Geschichte lebendig. – © DBT/H.J. Müller

Der Zweite Weltkrieg hat vor 75 Jahren begonnen. Wollen sich Schüler heute noch damit befassen?

Ja. Insgesamt gibt es ein großes Interesse. Die Frage danach, warum das alles passiert ist, spielt eine wichtige Rolle. Es gibt den Wunsch nach entsprechendem Wissen: Wie ist es dazu gekommen? Wie sind die Konsequenzen für die heutige Politik? Die Schüler brennen auf Antworten.

Wie ging es Ihnen selbst damit als Schüler?

Ich habe mich immer für Geschichte interessiert und mit meinen Eltern und Großeltern über das Thema gesprochen. Ich fand die Auseinandersetzung in der Schule damit immer spannend. Ich habe recht früh gespürt, dass Deutschland eine besondere Verantwortung hat, daran zu erinnern, damit so etwas nie wieder passiert. Das ist in meinen Augen auch ein Dauerauftrag für die gesamte junge Generation.

Und als Lehrer? Wie kann man Schüler heute für diesen schweren Stoff begeistern?

Inhaltlich ist vieles durch die Schulministerien vorgegeben. Meiner Meinung nach braucht man bei der Unterrichtsgestaltung eine Mischung aus vielen Instrumenten: Die Teilnahme an Schülerwettbewerben, etwa am Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten, ist ebenso eine gute Möglichkeit wie Gespräche mit Zeitzeugen, Projekttage oder -wochen, der Austausch mit internationalen Partnerschulen, die Analyse von Film- und Tondokumenten oder Museumsbesuche. Nur Frontalunterricht reicht nicht. Man braucht eine gute, abwechslungsreiche Mischung, um das Interesse der Schüler immer wieder neu zu wecken.

Trotzdem können viele junge Leute das Wort Nationalsozialismus kaum mehr hören. Das sei zu oft Thema und würde zu schlecht abgehandelt.

Die Kritik kenne ich. Das Thema wird neben dem Geschichtsunterricht in Religion, in Deutsch, in Politik behandelt, manchmal auch im Fremdsprachenunterricht. Es ist wichtig, dass sich die einzelnen Kollegen absprechen, damit nicht ständig das Gleiche behandelt wird und jeder seine individuellen Schwerpunkte setzen kann. Es ist sicher richtig, dass im Religionsunterricht der Nationalsozialismus unter entsprechenden Fragestellungen behandelt wird, aber man muss ja nicht noch mal die ganzen Daten aus dem Geschichtsunterricht durchgehen. Dort ist es die Aufgabe der Lehrer, sich abzustimmen. Jeder Fachlehrer soll seinen Aspekt behandeln können, ohne dass immer dasselbe gemacht wird. Spannend ist auch ein lokaler Bezug: Wie war das mit dem Nationalsozialismus hier vor Ort? Das ist viel spannender, als alles aus Büchern zu lernen.

Wieso muss man das heute noch machen?

Ich finde das Thema unabhängig von besonderen Jahrestagen immer wichtig. Sicherlich eignen die sich besonders, ein entsprechendes Thema intensiver zu behandeln. Ich bin jedoch der Auffassung, dass man die Erinnerung immer hochhalten und aus der Geschichte lernen muss. Damit man daraus lernen kann, muss man die Geschichte vernünftig kennen. Schule macht viel in diesem Bereich, könnte jedoch manchmal noch mehr leisten.

Ist der Umgang mit der Vergangenheit heute ein anderer?

Ich habe oft mit meinen Eltern und Großeltern über Geschichte gesprochen. Meine Eltern, die in den 50ern geboren sind, haben wie ich Fragen an meine Großeltern gestellt. Ich hatte das Glück, dass meine Großeltern im Gegensatz zu vielen anderen manches erzählt haben. Meine Großmutter hat ihren Verlobten und ihre Brüder im Krieg verloren. Mein Großvater musste in Afrika kämpfen und hat dort schreckliche Dinge erlebt. Er hat darüber nicht so gerne gesprochen, ebenso merkte man eine große Scham über die Verbrechen der Nazis. Die Menschen haben sich unvorstellbares Leid angetan. Meine Großeltern sind jetzt tot und es ist schade, dass dort Wissen und Erfahrungen verloren gegangen sind. Je älter ich werde, desto mehr Fragen habe ich. Das liegt aber eben auch daran, dass ich die Zeit nicht selbst miterlebt habe und es immer neue Forschungsergebnisse gibt, die zu neuen Fragen führen.

Wie, glauben Sie, wirken sich die Ereignisse des Zweiten Weltkrieges auf die heutige Politik aus?

Die Konsequenz war, dass Deutschland dank seiner Partner zu einer Demokratie geworden ist. Es ist auf einem friedlichen Weg – durch die europäische Einigung. Wir haben einen deutlichen Blick darauf, zu verhindern, dass Extremismus hier wieder Fuß fasst. Wir müssen die Demokratie verteidigen. So etwas wie die NSU-Affäre darf nicht passieren, wir müssen immer wachsam sein und auch international darauf achten, dass die Menschenrechte nicht verletzt werden.

Ist ein dritter Weltkrieg denkbar?

Deutschland und die internationale Staatengemeinschaft haben nach dem Zweiten Weltkrieg Konsequenzen gezogen – in Form von Organisationen wie den Vereinten Nationen (UNO) und der Europäischen Union. Wir sollten uns im Klaren darüber sein, dass Krieg nur das allerletzte Mittel der Politik sein darf. Deutschland ist eine Demokratie, die auf Diplomatie, Austausch und kulturelle Bildung setzt. Die weltpolitische Lage ist aber im Moment so, dass Machtpolitik wieder zunimmt. Wir müssen unsere Werte schützen, besondere Gefahren für die internationale Sicherheit im Vorfeld verhindern und somit aus der Geschichte lernen. Mit Hilfe der UNO und internationaler Zusammenarbeit müssen wir daher Brandherde löschen, bevor sie sich wie 1914 oder 1939 zerstörerisch ausbreiten.


Über Sven Volmering:

Der 38-jährige Sozialwissenschafts-, Politik und Geschichtslehrer ist seit 1992 Mitglied der CDU und seit 2013 Bundestagsabgeordneter für Bottrop, Dorsten und Gladbeck. Er ist stellvertretendes Kuratoriumsmitglied der Bundeszentrale für politische Bildung. Volmering ist verheiratet und hat eine Tochter.

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