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Die Autorin

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Genna-Luisa Thiele (20)
studiert Amerikanistik und Skandinavistik

Experte
"Große Familien sind oft arm"

30.03.2016 |

Warum gibt es im reichen Deutschland viele arme Kinder? Der Soziologe Dr. Eric Seils hat Genna-Luisa erklärt, woran es armen Kindern fehlt und welche Projekte langfristig etwas bringen.

Eric Seils, Soziologe

"Gerade Kinder von alleinerziehenden Müttern sind häufig von Armut betroffen", sagt Soziologe Eric Seils. – © privat/ Juliane Dorn

Herr Seils, wir begreifen Deutschland als ein Wohlstandsland. Warum gibt es hier Kinderarmut?

Wir verstehen unter der Armut in Europa etwas anderes als unter der Armut in den Entwicklungsländern oder jenen armen Verhältnissen, die in Europa noch vor 100 Jahren vorherrschten. In Deutschland gibt es die sogenannte relative Armut, nicht die absolute Armut.

Absolute Armut meint das Leben am Rande der Existenz. Relative Armut bedeutet, dass die Familien zu wenig Geld für ein Leben in unserer Gesellschaft haben. Konkret können Kinder aus relativ armen Familien nicht dorthin gehen, wo der Mainstream der Kinder hingeht. Sie können zum Beispiel nicht mit auf die Klassenfahrten und besuchen Schulen in armen Stadtteilen.

Durch welche Faktoren entsteht denn relative Kinderarmut?

Generell gilt: Beschäftigung ist nicht der beste, sondern für viele der einzige Schutz vor Armut. Wie hoch das Risiko ist, in Armut zu leben oder wie stark der Schutz davor, das steht und fällt mit der Höhe des Einkommens. In Gegenden mit hohen Arbeitslosenzahlen ist auch die Kinderarmut groß. Diese Zahlen kommen durch prekäre, also unsichere, Arbeitsverhältnisse und niedrige Löhne zustande.

Wo in Deutschland ist diese Armut besonders ausgeprägt?

Regionen wie Bremen, Sachsen-Anhalt und Leipzig sind am stärksten betroffen. Oberbayern, Oberpfalz und Tübingen geht es vergleichsweise am besten. Der Osten ist insgesamt mehr betroffen als der Westen, wobei im Osten die Kinderarmut sinkt, während sie in Nordrhein-Westfalen steigt.

Gibt es auch Unterschiede zwischen Großstädten wie Berlin und ländlichen Regionen?

Ja, diese Unterschiede sind durch den Arbeitsmarkt begründet, aber auch durch die Anzahl der Alleinerziehenden. In städtischen Regionen gibt es mehr Alleinerziehende, hier spielt Armut eine größere Rolle. Städte wie etwa Berlin und Bremen sind besonders betroffen. Hier ist der Arbeitsmarkt nicht allzu gut.

Wie sieht es mit sozialen Milieus aus, in welchen ist die Kinderarmut weit verbreitet?

Neben alleinerziehenden Familien haben auch Familien mit vielen Kindern ein erhöhtes Risiko unter Armut zu leiden. Hier gehören eher Einwandererfamilien und Familien mit Migrationshintergrund dazu, weil sie mehr Kinder als der Durchschnittsdeutsche haben. 30 Prozent der Kinder mit Migrationshintergrund leben in Armut. Damit machen sie die Hälfte der armen Kinder aus. Grund dafür ist auch eine schlechtere Anbindung an den Arbeitsmarkt.

Woran fehlt es im Leben eines relativ armen Kindes?

Die Einkommensarmut in Deutschland ist zwar "relativ", die Folgen aber sind real! Betroffene Haushalte haben zum Beispiel nicht für alle Haushaltsmitglieder genug Winterkleidung. Das Geld reicht nicht für die berühmte warme Mahlzeit am Tag, möglicherweise nicht einmal an jedem zweiten Tag. In ihren Wohnungen findet sich häufiger Schimmel, was auch daran liegt, dass die Wohnungen nicht stark genug beheizt werden können. Einen Umzug können sich die Familien oft nicht leisten.

Was sind die Folgen?

Es gibt einen klaren Zusammenhang zwischen Einkommensarmut und Übergewicht bei Kindern. Armut wirkt sich also auch auf die Gesundheit aus. Arme Kinder haben neben Gewichtsproblemen zum Beispiel öfter schlechte Zähne. Der Geldmangel führt oft zu Stress in der Familie, der sich wiederum in schlechteren Bildungschancen der Kinder niederschlägt.

Darüber hinaus steigt das Risiko für eine frühe Schwangerschaft bei Teenagern, wenn Kinder und Jugendliche in einer Region aufwachsen, wo viele Haushalte von Hartz IV leben.

Lässt sich diese Armutsspirale überhaupt aufhalten?

Ich möchte keinen Tsunami der Kinderarmut an die Wand malen. Es ist zum Glück nicht so, dass die Armutszahlen steigen, die Armutsspirale gibt es so gesehen also nicht. Meiner Einschätzung nach werden in Zukunft die Kinderarmutszahlen kurzfristig steigen, sobald die Flüchtlingskinder in die Statistik der relativen Armut in Deutschland aufgenommen werden.

Langfristig erwarten wir aber, dass nicht nur die Zahlen, sondern auch der Anteil sinkt, weil wir demografisch bedingt weniger Arbeitslosigkeit haben werden und somit bessere Lösungen, wenn die Arbeit und das Einkommen pro Kopf steigt. Die Kinderarmut sinkt heute schon, weil es weniger Kinder gibt. Aber das ist nicht, was wir wollen. Wir wollen, dass auch der Anteil der armen Kinder sinkt – egal wie viele es gibt.

Dieser Anteil armer Kinder stagnierte in den letzten Jahren. Wieso sinkt er nicht, wenn doch die Arbeitslosenquote sinkt?

Wir haben den Höchststand im Jahre 2004 hinter uns gelassen. Letztlich ist das eine Frage der Verteilung. Einkommensschwache Familien mit Kindern haben weniger vom Aufschwung profitiert als andere.

Gibt es für die Familien Auswege aus der Armutsfalle?

Die Kinder selbst können natürlich wenig beeinflussen, denn es sind ja ihre Eltern, die das Einkommen erwirtschaften. Wenn die Eltern eine Arbeit bekommen würden, die ausreichend bezahlt wird, dann können sie es aus eigener Kraft heraus schaffen. Aber genau beim Arbeitsmarkt liegt ja eines der größten Probleme, das können wir nicht einfach wegdefinieren.

Es kann der Familie eher helfen, wenn sie lernt, mit ihrer Situation gut umzugehen. Wenn sie einen Plan entwickelt und es schafft, negative Folgen für sich und die Kinder weitestgehend zu vermeiden. Wenn die Eltern gut über ihre Möglichkeiten informiert sind und auf ihre Situation zugeschnittene Angebote auch annehmen. Wir wissen aber, dass die allermeisten Eltern versuchen, das Beste für ihre Kinder rauszuholen – und selbst verzichten.

Welche Projekte sind diesbezüglich sinnvoll?

Der Kinderzuschlag, welcher im Zusammenhang mit Hartz IV eingeführt wurde, ist hilfreich. Ansonsten natürlich Maßnahmen wie der Mindestlohn, denn er verhindert Exzesse nach unten und verbessert das Einkommen von Haushalten mit wenig Ressourcen. Und eine Verbesserung der Kinderbetreuung, zum Beispiel mehr Kita-Plätze zu schaffen. Das gäbe gerade alleinerziehenden Müttern die Chance, eine Beschäftigung aufzunehmen, die ein Einkommen über der Armutsgrenze bietet.

Über Eric Seils:

Dr. Eric Seils ist Referatsleiter am Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institut der Hans-Böckler-Stiftung und erforscht seit Jahren die europäischen Sozialstaaten. Die Stiftung ist das ist Mitbestimmungs-, Forschungs- und Studienförderungswerk des Deutschen Gewerkschaftsbunds. Seils war einer der geladenen Experten bei der Öffentlichen Sitzung der Kinderkommission des Bundestages zum Thema.

Weitere Beiträge zu: Kinder, Armut, Kinderarmut, Bildung, Einkommen.

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