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Die Autorin

Sarah WIedenhöft 68x68

Sarah Wiedenhöft (24)
studiert Medienwissenschaften

Abgeordneter im Interview
"Recht steht über Ehre"

02.06.2017 |

Ehen ausnahmslos erst ab 18 Jahren: Dafür hat Fritz Felgentreu (SPD) sich im Bundestag eingesetzt. Sarah hat ihn gefragt, warum es überhaupt Ehen mit Minderjährigen gibt und wie das Gesetz durchgesetzt werden soll.

Felgentreu

Zum Heiraten zwingen geht gar nicht, meint der Bundestagsabgeordnete Fritz Felgentreu (SPD). – © Susie Knoll

Herr Felgentreu, warum gibt es überhaupt Ehen mit oder zwischen Kindern?

Es gibt verschiedene Gründe. Unter anderem spielt Armut eine Rolle oder die Absicht der Eltern, ihre Töchter durch eine Heirat auf der Flucht zu schützen.

Kinderehen werden aber vor allem in Gebieten geschlossen, in denen die Ehre der Familie über den Rechten von Mädchen und Frauen steht. In diesen Ländern müssen die Frauen Jungfrau sein, wenn sie heiraten. Ansonsten wäre die Ehre der ganzen Familie gefährdet. Wenn die Familie schon junge Kinder verheiratet, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass das Mädchen noch Jungfrau ist. Damit ist dann die Ehre der Familie geschützt. Für die Mädchen in diesen Kulturen ist das leider normal. Es ist wichtig, dass wir in Deutschland ein Zeichen setzen. Hier stehen die Rechte von Kindern über der Familienehre.

In welchen Ländern gibt es denn Kinderehen?

Vorab möchte ich betonen, dass ich immer lieber von Minderjährigenehen spreche. Die meisten Ehen werden nicht zwischen Kindern, sondern zwischen Teenagern geschlossen.

Seit der Flüchtlingskrise sind vor allem Afghanistan und Syrien in deutschen Medien im Gespräch. Kinderehen gibt es aber noch in vielen anderen Ländern, die man so gar nicht präsent hat. Zum Beispiel gibt es in den USA in der Region der Appalachen Kinderehen schon bei 12- oder 13-Jährigen.

Warum ist das Gesetz gerade jetzt Thema?

In den letzten beiden Jahren sind etwa 1.500 verheiratete Jugendliche zu uns nach Deutschland gekommen. Dadurch ist das Thema auch in den Medien präsenter geworden. Das Problem gab es aber auch schon vorher in Deutschland – vor allem bei Familien von Einwanderern. Das habe ich auch in meinem Wahlkreis in Berlin-Neukölln erlebt.

Können Sie ein konkretes Beispiel nennen?

Neulich erst habe ich mich mit einem 14-jährigen Mädchen unterhalten. Die konnte mir genau erklären, was bei so einer Hochzeit passiert. Als ich sie fragte, ob sie das möchte, antwortete sie: "Das ist bei uns eben so." Sie ist einfach mit dieser Kultur aufgewachsen, für sie ist das normal.

Es ist für mich sehr wichtig, dass wir hier in Deutschland ein klares Zeichen setzen. Der Schutz von Jugendlichen und die Rechte von Frauen und Mädchen stehen über der Ehre der Familie. Das ist wichtig. Eine Ehe zwischen Kindern beziehungsweise Jugendlichen ist nicht mit dem Jugendschutz und den Frauenrechten in Deutschland vereinbar.

Wie kommt es denn, dass die Grenze für das Heiraten ausgerechnet bei 18 Jahren gesetzt wird?

Das ist die gesellschaftlich akzeptierte Grenze in Deutschland. Mit 18 Jahren ist man volljährig. Man darf Verträge unterschreiben, einen Führerschein machen und eben auch heiraten. In diesem Alter sind manche junge Menschen sicher noch nicht reif für so eine weitreichende Entscheidung, wie es die für die Ehe ist. Andere wiederum wären es schon mit 17. Aber irgendwo muss man eine Grenze ziehen.

Gibt es Ausnahmen von dieser Grenze?

Nein, nach der jetzt beschlossenen Gesetzesänderung nicht mehr. Momentan entscheidet noch das Familiengericht, wenn einer der Ehepartner jünger als 18 Jahre ist, ob eine Hochzeit stattfinden darf oder nicht. Das wird aber nicht mehr möglich sein. Sofern ein Partner bei der Einreise nach Deutschland aber minderjährig ist und die Ehe nach dem neuen Gesetz vom Familiengericht aufgehoben werden muss, gibt es unter bestimmten Umständen Härtefallregelungen.

Welche Rolle spielt denn die Justiz bei der Umsetzung dieses Gesetzes?

Bislang ist die deutsche Justiz leider nicht immer klar in ihrem Handeln. Vor allem das Oberlandesgericht Bamberg hat aus meiner Sicht ein falsches Zeichen gesetzt. Es löste die Ehe von einer 15-Jährigen mit einem 21-jährigen Mann nicht auf. Die Ehe der beiden wurde in Syrien geschlossen. Dort sind Kinderehen dem Gesetz nach erlaubt. Hier ist es aber wichtig, dass Politik und Justiz an einem Strang ziehen, um die Rechte von Kindern und Frauen besser zu schützen. Mit dem neuen Gesetz schaffen wir Rechtsklarheit: Ehen mit Minderjährigen sind verboten, sie dürfen nicht geschlossen werden und werden grundsätzlich nicht geduldet. So stärken wir das Kindeswohl und schützen vor allem junge Frauen und Mädchen.

Über Fritz Felgentreu:

Fritz Felgentreu, geboren 1968 in Kiel, wurde 2013 für die SPD direkt in den 18. Deutschen Bundestag gewählt. Vorher studierte er unter anderem Philosophie an der Freien Universität Berlin, arbeitete dort als wissenschaftlicher Mitarbeiter und als Lehrer. Seit 25 Jahren ist er im Wahlkreis Berlin-Neukölln aktiv.

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