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Constantin Germann 68x68

Constantin Germann (16)
ist Schüler

Hilfsprojekt
"Wir machen Mut“

06.06.2017 |

Women of Hope will weltweit minderjährigen verheirateten Mädchen helfen, etwa mit Radiosendungen oder Gesprächen vor Ort. Constantin hat mit Sonja Kilian über Zwangsehen und Schäden an Körper und Seele gesprochen.

Sonja Kilian

Viele Mädchen sind körperlich noch gar nicht für eine Schwangerschaft bereit, berichtet Sonja Kilian. – © PR

"Mein Ziel ist, die Frauen dieser Welt zu ermutigen und ihnen zu sagen, dass sie nicht alleine sind", sagt Sonja Kilian mit entschlossener Stimme. Die 41-Jährige betreut das Projekt Women of Hope in Deutschland. Die christliche Organisation wird hierzulande von dem Verein ERF Medien vertreten und fördert weltweit Projekte, die Frauen in Not mit Schulungen, Gesundheits- oder Erziehungsaufklärung unterstützen.

"Du bist wertvoll"

"In erster Linie sagen wir den Mädchen und jungen Frauen, dass sie wertvoll sind, auch wenn sie körperliche Leiden haben oder ungebildet sind. Wir geben ihnen damit das Selbstbewusstsein, um ein selbstbestimmtes Leben zu führen", sagt Kilian. "Außerdem sprechen wir in den jeweiligen Ländern mit Eltern und Dorfältesten, um klarzumachen, dass von einigen althergebrachten Traditionen Abstand genommen werden muss", erklärt sie. Eine dieser Traditionen ist es, Mädchen schon sehr früh zu verheiraten, in der Regel mit wesentlich älteren Männern. Meist sei der Moment, wenn die Organisation in Erscheinung tritt, derjenige, in dem sich die ältere Generation das erste Mal darüber Gedanken macht, dass diese frühen Ehen ihren Kindern massiv schaden könnten.

Aus der Kindheit gerissen

Denn für die Mädchen birgt die frühe Heirat viele Probleme. "In einigen Ländern, zum Beispiel im Jemen oder Südsudan, gibt es kein festgelegtes Mindestheiratsalter. Die Betroffenen werden also durch eine Ehe, in der sie meist den Partner nicht selbst bestimmen können, schlagartig aus ihrer Kindheit gerissen und in ein Leben geworfen, für das sie noch gar nicht bereit sind", so Kilian.

Spuren an Körper und Seele

Aber nicht nur die psychischen Folgen seien für die jungen Mädchen ein Problem – die meist darauffolgenden Schwangerschaften hinterließen ein Leben lang Spuren, erklärt Kilian weiter. Da die Körper der Mädchen physisch noch nicht bereit für eine Schwangerschaft seien, drücke das ungeborene Kind im Mutterleib auf das Gewebe. Dadurch entstehen Unterleibsfisteln, die im Erwachsenenalter zu schwerer Inkontinenz führen können. "Hier in Deutschland sind Fisteln fast niemandem ein Begriff, doch als ich im Dezember in Tansania war und dort mit Betroffenen aus unterschiedlichen afrikanischen Ländern sprechen konnte, hat fast jede Frau bestätigt, dass sie dieses Problem nur zu gut kennt", sagt Sonja Kilian ernst.

Steigende Zahlen

1.475 ausländische verheiratete Minderjährige leben nach Angaben des Innenministeriums in Deutschland (Stand September 2016). Die meisten von ihnen sind Mädchen. Eine Kinderehe liegt dann vor, wenn einer der Ehepartner das Mindestheiratsalter noch nicht erreicht hat. Dies liegt in Deutschland bislang bei 16 Jahren, solange die Eltern ihr Einverständnis gegeben haben.

"Es lässt sich durchaus beobachten, dass die Zahlen seit letztem Jahr in die Höhe geschossen sind. Man kann sicher sagen, dass das durch die vermehrte Anzahl der Einwanderungen in Deutschland erklärbar ist, denn in Deutschland sind Kinderehen eigentlich kaum vorhanden", so Kilian. Vor allem hätte die Zahl der Ehen mit unter 14-jährigen Mädchen stark zugenommen. Diese sehr frühen Ehen hätte es vor der Migrationswelle in Deutschland kaum gegeben.

Kinderehen jetzt verboten

Ein Gesetz, das nun vom Bundestag verabschiedet wurde, soll das ändern. Demnach sind Ehen in Deutschland nur noch ab einem Alter von 18 Jahren möglich. Ehen von Kindern und Jugendlichen unter 16 Jahren werden für ungültig erklärt. Die Öffentlichkeitsarbeit für das Thema bleibe trotzdem wichtig, denn weltweit sind 700 Millionen Minderjährige verheiratet, besagen die Zahlen der Organisation "Save the Children".

"Wir veröffentlichen Artikel, in denen die Gefahren einer Kinderehe klar genannt werden", sagt Kilian. Wichtiger Teil von Women of Hope ist eine Radiosendereihe. Diese gibt es mittlerweile in über 70 Sprachen und 125 Ländern. "Wir haben in den jeweiligen Ländern Teams, bestehend aus Redakteuren und Sprechern. Diese Teams bestehen immer aus nationalen Kräften, die durch unsere Förderungen auf das Land angepasste Themen behandeln können."

Werte austauschen

Sonja Kilian, die gebürtig aus der Nähe von Freiburg im Breisgau kommt und jetzt in Wetzlar arbeitet, hat Betriebswirtschaft mit der Fachrichtung Tourismus in Ravensburg studiert. Anschließend hat sie die Touristeninformation einer Schwarzwaldgemeinde geleitet. "Schon in meiner Jugend kam ich in Kontakt mit anderen Kulturen. In meinem Heimatort gab es ein Goethe-Institut, deshalb hatten wir immer wieder Menschen aus verschiedenen Ländern zum Austausch bei uns wohnen. Man kann so viel voneinander lernen, aber auch eigene Werte weitergeben", meint Kilian.

"Mut und Selbstbewusstsein"

Voneinander lernen und seine Erfahrungen, Sitten und Werte miteinander austauschen – das ist eines der Ziele von Women of Hope. "Das gibt den unterdrückten Frauen und Mädchen, die in einer Zwangs- oder Kinderehe leben, viel Mut und Selbstbewusstsein." Die jetzt verabschiedete Gesetzesänderung befürworten Sonja Kilian und ihre Kollegen.

Die Ehe an sich beschreibt Kilian als etwas Wundervolles: "Eine glückliche Ehe zu führen, ist eines der schönsten Dinge, die es gibt." Dass sich dabei beide Partner gegenseitig unterstützen und respektieren, ist für sie Grundvoraussetzung.

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