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Die Autorin

Lea Seeber_68x68

Lea Seeber (24)
studiert Humanmedizin

 
 

Fakten
Bundestag eingepackt

28.12.2015 |

Was für ein Aufwand! Vor 20 Jahren hat das Künstlerpaar Christo und Jeanne-Claude das Reichstagsgebäude verhüllt. Warum das Ganze? Wer war dafür, wer dagegen? Wie viele Meter Stoff gingen dafür drauf? Und wie viele Millionen? Hier die wichtigsten Fakten.

Kletterer seilen sich mit dem Stoff zur Verhüllung vor dem Schriftzug "Dem Deutschen Volke" ab

90 Kletterer und 120 Motagearbeiter hüllten 1995 den Reichstag im Auftrag des Künstlerpaars Christo und Jeanne-Claude ein. – © DPA/Picture Alliance

Wie entstand die Projektidee?

Eine verhüllte Kunsthalle in Bern, aufeinander gestapelte Ölfässer im Hafen von Köln oder ein 85 Meter hoher, 5.600 Kubikmeter großer wurstförmiger Ballon, der zur Documenta 1967/68 über Kassel schwebte – mit ihrer "Kunst im öffentlichen Raum", die für alle Interessierten zugänglich und Teil des öffentlichen Lebens war, hatten sich Christo und seine Frau Jeanne-Claude einen Namen gemacht. Im Jahre 1971 sendete ihnen der amerikanische Journalist Michael S. Cullen eine Ansichtskarte mit dem Bild des Reichstagsgebäudes in Berlin.

Er bat die Künstler damit, eine Verhüllung dieses geschichtsträchtigen Gebäudes in Betracht zu ziehen. Zum Zeitpunkt, als die Karte eintraf, arbeiteten die beiden an der Verhüllung einiger italienischer Denkmäler und an der Installation eines 18.600 Quadratmeter großen orangefarbenen Vorhangs durch ein Tal in Colorado. Cullen schaffte es, das Interesse des Künstlerehepaares zu wecken. Es sollte jedoch noch 24 Jahre dauern, bis das Projekt realisiert werden konnte.

Wer musste dem Projekt zustimmen?

Nachdem 1971 die Idee entstanden war, fragten Christo und Jeanne-Claude immer wieder das Parlament um Erlaubnis, das damals weitestgehend ungenutzte Reichstagsgebäude verhüllen zu dürfen. Der Bau beherbergt nämlich erst seit 1999 den Deutschen Bundestag. Das im Zweiten Weltkrieg zerstörte Gebäude war in den 60er Jahren wiederaufgebaut worden. Deutschland und auch Berlin waren damals geteilt: Auf der einen Seite die Bundesrepublik Deutschland, auf der anderen Seite die Deutsche Demokratische Republik (DDR). Auch Berlin war geteilt: Mitten durch die Stadt verlief eine Mauer. Hauptstadt und Sitz des westdeutschen Parlaments war zu dieser Zeit Bonn.

Obwohl einige Politiker den Künstlern ihre Unterstützung zusicherten, darunter Alt-Bundeskanzler Willy Brandt, erhielten sie von drei Bundestagspräsidenten hintereinander eine Absage. Erst im Jahr 1991 bot die damalige Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth (CDU) ihre Unterstützung an. Sie argumentierte: "Gerade weil dieses Gebäude ein politisches Symbol von herausgehobener Bedeutung ist, in dem sich mehr als 100 Jahre Höhen und Tiefen deutscher Geschichte widerspiegeln, liegt es nahe, dem auch künstlerisch Ausdruck zu geben." Mit ihrer Befürwortung konnte der Antrag in den Bundestag zur Abstimmung eingereicht werden.

Doch damit war es noch lange nicht geschafft: Nun hieß es Klinken putzen. In den darauf folgenden zwei Jahren trafen Christo und Jeanne-Claude 352 Bundestagsabgeordnete und Entscheidungsträger, um sie persönlich von dem Projekt zu überzeugen.

Pro und Contra im Bundestag

Am 25. Februar 1994 war es dann so weit: 70 Minuten lang wurde im Bundestag in Bonn über das Kunstwerk diskutiert. Der SPD-Abgeordnete Peter Conradi eröffnete die Debatte und führte gleich mehrere Gründe an, warum das Projekt eine gute Idee sein könnte: So betonte er, dass der Akt der Verfremdung helfen könne, das Gebäude in einem neuen Licht zu sehen. Man würde es wie ein Geschenk, also etwas Wertvolles einpacken und es so mehr zu schätzen lernen.

Außerdem rufe die zeitliche Begrenzung auf zwei Wochen die Vergänglichkeit der Dinge ins Bewusstsein. Gleichzeitig würde etwas Besonderes geschaffen werden, was noch in vielen Jahren in Bildern, Erinnerungen und Worten durch die Welt gehen würde. (Dieser Text ist der Beweis.)

Conradi leitete sogar Parallelen zur Politik ab: Auch hier müsse man immer mal wieder etwas Neues probieren und große Visionen verfolgen. Nicht unerwähnt blieb auch das schlagende Argument, dass die Verhüllung den Steuerzahler nichts kosten würde.

Die Gegner des Kunstprojektes beriefen sich vorrangig auf die Altehrwürdigkeit des Gebäudes: Christos Verhüllung greife die Würde des Reichstagsgebäudes an und damit auch alles, wofür es stehe. Sie waren besorgt, dass die Verhüllung nicht etwa die Bedeutung des Gebäudes hervorheben, sondern im Gegenteil und im wortwörtlichen Sinne verschleiern würde.

Mit 292 Dafür-Stimmen und 223 Gegenstimmen fiel die Entscheidung letztlich knapp zugunsten der Reichstagsverhüllung aus.

1994: Debatte zur Verhüllung

© DBT

Wie viel Material wurde verbraucht?

Ungefähr 100.000 Quadratmeter Polypropylen-Stoff wurden um den Reichstag drapiert und mit 15.600 Metern blauem Seil befestigt. Der Kunstfaserstoff wurde extra für das Projekt gewebt, um sowohl die richtigen Maße als auch das perfekte Gleichgewicht zwischen Wetterbeständigkeit und Flexibilität herzustellen. Zusätzlich wurde Aluminium auf den Stoff gesprüht, um ihm einen silbrigen Schimmer zu verleihen. Die Farbe des Himmels konnte so durch die Reflexion das Erscheinungsbild der Verhüllung verändern.

Weil laut Christo und Jeanne-Claude schon der Aufbauprozess Teil des Kunstwerks war und "menschlich" bleiben sollte, verzichteten sie weitestgehend auf Kräne. Stattdessen wurden für den Aufbau 90 professionelle Kletterer und 120 Montagearbeiter eingestellt.

Um die Form des Reichstagsgebäudes zu betonen und gleichzeitig kostbare Details zu schützen, wurden Metallkäfige um die Türme und Statuen des Reichstagsdaches installiert. Der Stoff wurde in Bahnen an Metallstangen am Dach befestigt und dann die Fassade heruntergerollt. Die Kletterer seilten sich zeitgleich ab, arrangierten den Faltenwurf und befestigten Sicherheitsseile als Schutz gegen plötzlich aufkommende Windstöße. Insgesamt dauerte der Aufbau etwa zwei Monate.

Wie viel hat die Verhüllung gekostet?

Etwa 13 Millionen Dollar kostete es, die Stoffe eigens für das Projekt anfertigen zu lassen und um den Reichstag zu wickeln. Diese Summe bezahlten die Künstler komplett aus eigener Tasche, weder die Stadt Berlin noch private Stiftungen oder die Steuerzahler mussten etwas dazu geben. Das Geld verdienten sie durch den Verkauf von Zeichnungen und Projektskizzen. Christo und Jeanne-Claude war es immer wichtig, Kunst zu schaffen, die ohne Eintrittsgelder betrachtet werden kann.

Warum das Ganze?

Für Christo und Jeanne-Claude war der Reichstag ein Zeichen der Demokratie, das zu Zeiten der Berliner Mauer sowohl von Ost- als auch von Westdeutschland aus zu sehen war. Die Verhüllung betonte die Grundfigur des Gebäudes und sollte so auch die symbolische Bedeutung des Gebäudes hervorheben. Den Künstlern war der Aspekt des Vergänglichen wichtig, was sich in der Verwendung des empfindlichen Materials "Stoff" äußerte. Weil der Wind den Faltenwurf verändern konnte und der Himmel die Farbwirkung des Stoffes beeinflusste, wurde der verhüllte Reichstag zudem eine Schnittstelle zwischen Kunst und Natur.

Was wurde noch verhüllt?

Der Reichstag war nicht das erste Verhüllungsprojekt der beiden Künstler. Zuvor verhüllten sie beispielsweise die Kunsthalle in Bern und die älteste Brücke von Paris, den Pont Neuf. 1968 musste sogar ein ganzer australischer Küstenstreifen hinter den Vorhang.

Ihre Liebe zu Stoffen lebten Christo und Jeanne-Claude auch in anderen Kunstwerken aus. So stellten sie in Kalifornien einen 40 Kilometer langen Stoffzaun auf (Running Fence), ließen orangefarbene Stoffbahnen im New Yorker Central Park wehen (The Gates) und verteilten 3.000 Sonnenschirme über die Landschaft in Japan und in den USA (The Umbrellas).

Aktuell arbeitet Christo am Projekt The Mastaba, einer pyramidenähnlichen Skulptur in den Vereinigten Arabischen Emiraten, die aus aufeinandergeschichteten farbigen Stahlfässern bestehen soll. Mit einer geplanten Höhe von 150 Metern soll The Mastaba die Cheops-Pyramide von Gizeh überragen und wäre die größte Skulptur der Welt. Seit dem Tod von Jeanne-Claude 2009 führt Christo das Projekt allein weiter.