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Die Autorin

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Marie Illner (21)
studiert Medienwissenschaften und Anglistik

Denkmal zur Einheit
Auf und ab und auf?

28.06.2017 |

Kommt die Einheitswippe? Der Bundestag hat kürzlich für den Bau des Denkmals "Bürger in Bewegung" gestimmt. Bereits seit Jahren ist das geplante Kunstwerk, das an die deutsche Wiedervereinigung erinnern soll, in der Kritik. Warum ist das so und wie geht es weiter? Das weiß Autorin Marie.

Einheitswippe

Platz für mehrere hundert Menschen soll sie bieten, die gigantische "Einheits-Wippe", und sich sanft in Bewegung setzen kann. Dadurch würden die Besucher selbst zum Teil des Denkmals für die deutsche Wiedervereinigung. – © Milla & Partner

Es sieht aus wie das überdimensionale Blatt eines Kirschbaums – oder wie ein leerer Schiffsrumpf, der sich im Wasser wiegt, wenn die Besatzung ihr Gewicht in die eine oder andere Richtung verlagert. Das Denkmal in Form einer riesigen Wippe, die bis Sommer 2019 auf dem Berliner Schlossplatz entstehen soll, geht auf einen Entwurf der Stuttgarter Designer Milla & Partner zurück. Der Schaukeleffekt soll zeigen: Ihr könnt etwas bewegen, wenn ihr miteinander kommuniziert und euch zusammentut. Der Bundestag hat Ende Mai nach 2007 und 2008 nun zum dritten Mal den Bau beschlossen. Aber eins nach dem andern ...

Einheit nicht nur als Feiertag

Vor nunmehr 28 Jahren taten viele deutsche Bürger etwas Mutiges: Sie traten dem DDR-Regime mit Massenkundgebungen und der Forderung nach Freiheit gewaltlos gegenüber. Mit dieser friedlichen Revolution im Jahr 1989 erreichten sie in der Nacht vom 9. auf den 10. November etwas, was in die deutsche Geschichte eingegangen ist: Die Mauer, die bis dahin die alte Bundesrepublik (Westdeutschland) und die DDR (Ostdeutschland) voneinander trennte, fiel. An die deutsche Wiedervereinigung in den Jahren 1989 und 1990 erinnern wir auf unterschiedlichste Weise: Mit Filmen, Festen, Museen und nicht zuletzt mit dem Nationalfeiertag am 3. Oktober, dem Tag der Deutschen Einheit.

Brief an Politiker

Mitglieder der Deutschen Gesellschaft e.V. hatten aber 1998 noch eine weitere Idee, wie der Mut und die Zivilcourage der Bürger, die zehn Jahre zuvor auf die Straßen gegangen waren und für politische Reform und Freiheit protestierten, gewürdigt werden sollte: Mit einem Freiheits- und Einheitsdenkmal. Die Gesellschaft schrieb einen offenen Brief an die Bundesregierung, den Bundestag, den Bundesrat und zu guter Letzt auch an den Berliner Senat.

Die Deutsche Gesellschaft e. V. wurde mit dem Ziel gegründet, die Teilung Deutschlands zu überwinden, das Miteinander in Deutschland und Europa zu fördern sowie Vorurteile abzubauen.

Es dauerte bis zum Jahr 2007, bis der Verein ausreichend viele Menschen von der Idee des Denkmals, das den Ereignissen einen dauerhaften Platz im nationalen Gedächtnis verleihen soll, überzeugte. Der Bundestag beschloss den Bau und plante eine Realisierung bis zum Jahr 2017.

Bürger sollen selbst Teil sein

Wenige Jahre später wurde in zwei Runden ein Gestaltungswettbewerb ausgelobt und im Oktober 2010, am 20. Jahrestag der Deutschen Einheit – wurden die drei Siegerentwürfe der Öffentlichkeit präsentiert. Durchsetzen konnte sich letzten Endes der Entwurf der Stuttgarter Designer Milla & Partner. Die Idee der Architekten: Eine riesige Wippe mit dem Titel "Bürger in Bewegung".

Oben Zitate, unten Gold

Sie sollte die Form einer begehbaren Schale erhalten und Platz für mehrere hundert Menschen bieten, die die gigantische Wippe dann sanft in Bewegung setzen können. Dadurch würden die Besucher selbst zum Teil des Denkmals. Auf der Oberseite soll der Kernsatz aus der Zeit des Mauerfalls zu lesen sein: "Wir sind das Volk". Die untere Seite soll vergoldet sein und mit Bildern aus der Wendezeit im Herbst 1989 verziert werden.

Der Titel des Denkmals "Bürger in Bewegung" hatte der Jury besonders gefallen. Veränderung könne nur durch die Aktivität von Bürgern vorangetrieben werden und setze Kommunikation voraus, um dann alles langsam in Bewegung zu setzen, heißt es in der Begründung.

Schloss im Rücken

Auch der Ort, an dem das Denkmal errichtet werden soll, ist mit Bedacht gewählt. Es handelt sich um die Berliner Schlossfreiheit, die zwischen der Spree und dem rekonstruierten Berliner Stadtschloss liegt. Einst stand dort ein Nationaldenkmal für Kaiser Wilhem I. Dieses Reiterstandbild überlebte sogar die zwei Weltkriege, wurde aber 1950 abgerissen: Die DDR-Machthaber wollten mehr Raum für Aufmärsche schaffen.

Geblieben ist aber der 80 Meter lange und 40 Meter breite Sockel – auf dem nun die Einheitswippe errichtet werden soll. Auch darüber hinaus ist der Standort geschichtsträchtig: Wir verbinden ihn beispielsweise mit der Märzrevolution 1848, der Reichseinheit 1871, der Ausrufung der Republik 1918 und eben der friedlichen Revolution und dem Mauerfall 1989. Bis 2016 wurde der Standort saniert und für die Errichtung des Denkmals vorbereitet.

Salatschüssel?

Allerdings: schon kurz nach der Vorstellung des Konzeptes erntete das geplante Denkmal Kritik. Einige verglichen den Entwurf mit einer Salatschüssel oder nannten ihn "Friedensflunder". Andere beklagten, die Konstruktion sei gefährlich und nicht barrierefrei. Hinzu kamen dann noch Denkmal- und Umweltschutzauflagen. Einige Gegenargumente davon konnten aus dem Weg geräumt werden.

Geld-Bremse

2016 kam es aber aus einem anderen Grund zum Stopp des Vorhabens: Der Haushaltsausschuss des Parlaments zog im April 2016 aus finanziellen Gründen die Notbremse. Die Kosten des Projekts, die ursprünglich mit 10 Millionen Euro beziffert worden waren, stiegen auf 15 Millionen Euro und damit um mehr als 50 Prozent.

Raus aus der Schublade

Bis vor kurzem lag der Entwurf deshalb erstmal in der Schublade. Anfang des Jahres zeichneten sich dann aber erneute Ambitionen der großen Koalition ab. Bundestagspräsident Prof. Dr. Norbert Lammert (Union) unterstrich bei einer Anhörung im Kulturausschuss, dass der Beschluss des Plenums zum Bau einer begehbaren Wippe nach wie vor Gültigkeit habe. Nach einer Einigung der Fraktionschefs Volker Kauder (CDU/CSU) und Thomas Oppermann (SPD) im Februar 2017 bekannte sich der Bundestag im Mai 2017 dann mit klarer Mehrheit zum Bau des Berliner Einheitsdenkmals.

Auf Antrag von Union und SPD soll das Projekt noch vor der Bundestagswahl 2017 auf den Weg gebracht werden, auch von Seiten der Grünen kam Unterstützung für das Vorhaben, die Linken stimmten allerdings dagegen.

Wer zahlt?

Auch wenn die Einweihung des Denkmals zum 30. Jahrestag der Friedlichen Revolution im Herbst 2019 geplant ist, bleibt die Kostenfrage bestehen. Darüber, ob die ursprünglichen Mittel aufgestockt werden, wird noch diskutiert.

Fragt man die Berliner, wie ihnen das Denkmal gefällt, dann antworten 32 Prozent, es gefiele ihnen gar nicht und 17 Prozent gefällt es "weniger gut" – so zumindest eine Umfrage von Infratest Dimap. Norbert Lammert bezeichnete das Denkmal als notwendige Ergänzung unserer vielfältigen Gedenklandschaft.

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