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Die Autorin

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Lina Verschwele (23)
studiert European Studies

"Ich erwarte Offenheit"

08.11.2013 |

Facebook an Schulen verbieten? – davon hält Lars Klingbeil (SPD) gar nichts. Der SPD-Internet-Experte erklärt im Interview, was Lehrer über Facebook lernen sollten, warum Ausrutscher beim Posten und Twittern kein Beinbruch sind und was der neue Bundestag "liken" sollte.

Der Abgeordnete Lars Klingbeil sitzt an seinem voll beladenen Schreibtisch.

Hier in echt statt virtuell: Lars Klingbeil in seinem Abgeordneten-Büro in Berlin. – © Johannes Bock

Für die SPD nehmen Sie in der Arbeitsgruppe "Digitale Agenda" an den Koalitionsverhandlungen mit der CDU/CSU teil. Einer Ihrer Schwerpunkte ist die Digitalisierung der Bildung in Schule und Universität. Was heißt das genau?

Vor allem, dass wir Schulen besser ausstatten. Zu wissen, wie man sich im Netz bewegt, ist Voraussetzung für das Berufsleben. Deswegen sollte jeder Schüler einen Laptop oder Tablet-PC bekommen, auch, weil wir die Schulbücher digitalisieren wollen. Wie genau das finanziert wird, diskutieren wir natürlich noch. Es darf nicht am Elternhaus liegen, ob man sich da auskennt oder nicht. Die Frage ist natürlich, inwieweit der Bund da etwas anstoßen kann, weil Bildung ja noch Ländersache ist. Auch deshalb wollen wir das Kooperationsverbot abschaffen, das die Zusammenarbeit zwischen Bund und Ländern im Bildungsbereich behindert.

Die Schule soll also digitalisiert werden. Wie beurteilen Sie in diesem Zusammenhang das Facebook-Verbot für Lehrer, das in einigen Bundesländern gilt?

Davon halte ich nichts. Gerade über Facebook erreicht man junge Leute doch am leichtesten. Das nicht zu nutzen, wäre eine vertane Chance. Natürlich brauchen wir klare Regeln für die Kommunikation in sozialen Netzwerken. Es wäre aber besser, die Lehrer entsprechend zu schulen, statt die Nutzung von Facebook einfach zu verbieten.

Wie könnte das gelingen?

Einmal natürlich durch Fortbildungen für Lehrer. Der Umgang mit den "neuen Medien", die ja gar nicht mehr so neu sind, sollte aber auch Teil des Studiums sein. Denn die Frage, ob man die Digitalisierung will oder nicht, stellt sich gar nicht. Das ist einfach Teil unseres Alltags. Als Lehrer muss man soziale Netzwerke deswegen professionell bedienen und einen souveränen Umgang mit dem Netz auch im Unterricht vermitteln.

Ein Facebook-Verbot für Abgeordnete: Wäre das denkbar?

Nein, das glaube ich nicht. Man muss als Politiker da sein, wo Leute sind, um sie zu erreichen. Und das geht über soziale Netzwerke nun mal besonders gut.

In den vergangenen vier Jahren haben sie in einem Sondergremium des Bundestages, der Internet-Enquete, gearbeitet. Dort waren Sie eher von jüngeren Kollegen umgeben: Bleibt die ältere Generation bei diesen Diskussionen außen vor?

Insgesamt hat sich die Debatte sehr gewandelt. Gerade bei den älteren Kollegen im Bundestag gab es noch vor einigen Jahren große Skepsis, was den digitalen Wandel angeht. Das ist verständlich, denn früher schrieb man eine Pressemeldung, heute muss alles gleich bei Twitter oder Facebook sein. Das ist natürlich eine Herausforderung. Trotzdem erwarte ich von allen Offenheit. Man muss sich da als Politiker hineindenken. Das tun die meisten: Datenschutz und Urheberrechte diskutieren mittlerweile alle, früher blieb das Computernerds vorbehalten.

Gerade das Thema Datenschutz ist einer der großen Kritikpunkte in der Debatte: Wie schützen Sie Ihre Daten in sozialen Medien?

Ich schreibe einfach nichts, was ich nicht auch öffentlich sagen würde. Das ist manchmal schwierig, denn Posts von Twitter können jederzeit auch an anderer Stelle auftauchen und dann unpassend sein. Trotzdem ist die Diskussion darüber, was man von sich preisgibt, nicht neu. Als Politiker musste man sich immer schon Fragen, wo die Grenze zwischen Privatem und Öffentlichem verläuft.

Das Unternehmen Facebook hat vor der Bundestagswahl sogar ein Handbuch für Abgeordnete herausgegeben. Wie sattelfest sind Sie im Umgang mit dem sozialen Netzwerk?

Insgesamt bin ich schon fit. Mein schlimmstes Erlebnis war eigentlich auch ein harmloses auf Twitter, bei der konstituierenden Sitzung. Da spielte die Kapelle die Nationalhymne und ich twitterte: ‚Falls ich mal was zu sagen habe, spielt Jan Delay'. Das wurde dann von der Presse veröffentlicht und ich bekam ein paar unschöne Briefe. Außerdem habe ich mittlerweile einen zweiten Account auf Facebook, den ich nach und nach zum rein privaten umfunktionieren will. Ich glaube aber auch, dass die gesellschaftliche Toleranz gegenüber Ausrutschern wächst. Jeder postet mal etwas, das er in zwanzig Jahren vielleicht bereut.

An der Broschüre gab es viel Kritik, weil Sie und andere Abgeordnete dafür mit Facebook zusammengearbeitet haben. Halten Sie das für berechtigt?

In der Kritik heißt es ja, wir hätten damit Lobbyarbeit für Facebook gemacht und die Verstöße gegen den Datenschutz heruntergespielt. Die Kritik wäre richtig, wenn ich mich nicht vorher schon häufig Facebook-kritisch geäußert hätte. Zusammen mit Malte Spitz von den Grünen habe ich zum Beispiel auf Facebook die Gruppe 'Privacy Now´ gegründet, in der es um den Datenschutz-Missstand geht. Trotzdem sollte man Facebook nutzen, um die Leute zu erreichen.

Was möchten Sie in Bezug auf soziale Medien in der 18. Wahlperiode erreichen und wie lässt sich das umsetzen?

Erste Priorität hat für mich eher der Breitbandausbau: Auf dem Land gibt es noch immer viele Regionen ohne halbwegs schnelles Internet. Das muss sich ändern, damit alle am Netz teilhaben können. Außerdem müssen wir daran arbeiten, Menschen über Bildung besser auf das digitale Zeitalter vorzubereiten. Drittens müssen wir den NSA-Skandal aufklären und die Konsequenzen daraus ziehen. Dafür fordere ich einen Untersuchungsausschuss und ein Anti-Spionage-Abkommen mit den USA.

Kommentare

 

Anna schrieb am 11.11.2013 16:59

Ich finde, Lars Klingbeil hat völlig recht. Ich bin noch nicht sicher, ob alle Lehrer damit einverstanden sein werden, dass dieses Facebook verbot aufgehoben wird, da es sehr viele, auch an meiner Schule, gibt, die immer noch diese "Früher war alles besser" Einstellung haben und gar nihct versuchen, sich mit den sozialen Netzwerken und dem Internet auseinanderzusetzten. Das finde ich ein bisschen traurig, aber ich hoffe, dass sie sich trotzdem damit zufrieden geben. Durch Herrn Klingbeils Argumentation bin ich aber sehr zuversichtlich.

 

 

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