Inhalt

 

Die Autorin

Verena-Zimmermann-68x68

Verena Zimmermann (27)
studiert Deutsch und Englisch

Weihnachten
Zum Essen gibt's mal Gans, mal Schaf

19.12.2014 |

Yasemin ist Muslima und feiert zum ersten Mal Weihnachten, mit Festessen und Bescherung unterm Tannenbaum. Dahinter steckt Jan. Eine Geschichte über Lockerheit, Liebe und Religionen.

Jan und Yasemin mit geschminkten Deutschlandflaggen im Gesicht zur Fußball-WM

Die erste gemeinsame Fußball-WM und nun das erste gemeinsame Weihnachtsfest: Jan beschert seiner muslimischen Freundin Yasemin ihren ersten Heiligen Abend überhaupt – unter der Nordmanntanne. – © privat

"Ich bin eine türkische Portugiesin, die in Deutschland wohnt", stellt sich Yasemin augenzwinkernd vor. In der Vorweihnachtszeit empfängt mich die 22-jährige Tochter eines türkischen Vaters und einer portugiesischen Mutter in ihrer Wohnung in Göttingen. Doch einen Weihnachtsbaum sucht man hier vergeblich. Einzig die selbstgebackenen Plätzchen verbreiten ein wenig Weihnachtsstimmung.

Yasemin ist Muslima und feiert eigentlich gar kein Weihnachten. In diesem Jahr sieht das anders aus: Es ist das erste Weihnachtsfest mit ihrem Freund Jan, mit dem sie eine Fernbeziehung führt. Und dieses Mal wird ganz traditionell deutsch gefeiert: mit Weihnachtsessen und Bescherung unter der Nordmanntanne.

"Bayraminiz kutlu olsun"

"Bayramınız kutlu olsun", wünscht man sich in der Türkei frohe Feiertage. Allerdings nicht zu Weihnachten, sondern zum muslimischen Zuckerfest, das im Anschluss an den Fastenmonat Ramadan gefeiert wird. Weihnachten hat bei Yasemin zu Hause als christlicher Feiertag nie eine Rolle gespielt. Als Kind war das nicht immer ganz einfach. "Besonders, wenn die anderen Kinder im Kindergarten erzählt haben, was sie so alles für Geschenke zu Weihnachten bekommen haben, war das ganz schlimm für mich", gibt sie zu.

Hilfe, Weihnachtswahnsinn

Zu den türkischen Feiertagen gibt es nämlich nur kleine Geschenke, die mit dem Weihnachtswahnsinn nicht mithalten können. "Wie viel war das noch mal? 200 oder 300 Euro geben Deutsche mittlerweile im Durchschnitt für Weihnachten aus", meint Yasemin sich an eine Studie erinnern zu können, die sie vor Kurzem gelesen hat, und schüttelt ungläubig den Kopf, dass ihre dunkelbraunen Haare nur so fliegen.

Ein paar Mal hatte sie auch versucht, ihre Eltern dazu zu überreden, doch Weihnachten zu feiern. "Meiner Mama tat das schon leid, denn sie hat als Kind ja auch immer Weihnachten gefeiert und konnte mich deshalb gut verstehen, aber meine Eltern sind ein starkes Team und haben da immer zusammengehalten", erzählt sie.

Gemütlich zusammensitzen...

Trotzdem hat Weihnachten für Yasemin eine wichtige Bedeutung. "Weihnachten ist für mich das Fest der Liebe. Es ist ein Feiertag, an dem Familien zusammenkommen und endlich mal wieder Zeit haben, um miteinander zu reden. Die Geburt Jesu feiern die meisten Christen heute ja sowieso nicht mehr bewusst, sondern genießen es einfach, mal wieder gemütlich zusammenzusitzen", meint sie und trommelt mit ihren schwarz lackierten Fingernägeln auf den Tisch, um ihren Worten Nachdruck zu verleihen.

... kochen und klönen

Dem pflichtete ihr Freund Jan bei: Ihm gefällt an Weihnachten besonders, dass sich endlich mal wieder alle treffen: Mit Mutter, Vater und Schwester steht er dann in der Küche und kocht, was das Zeug hält. Sogar auf den Weihnachtsbaum könnte er verzichten, "aber meine Mutter mag es so gerne, den zu schmücken", sagt er halb schmunzelnd, halb seufzend. Natürlich gibt es auch kleine Geschenke – in diesem Jahr auch für Yasemin, die umgekehrt natürlich auch Jan und seiner Familie etwas schenkt.

Mundharmonika und Flöte

Ansonsten hat sich für Jan seit seiner Kindheit nicht viel am gemeinsamen Weihnachtsfest verändert. Außer, dass er nicht mehr an den Weihnachtsmann glaubt und seine Schwester keine Flötenlieder mehr zur Mundharmonika des Opas vorspielt. Und: In den Weihnachtsgottesdienst geht es für Jan und seine Familie nicht mehr, seine Eltern sind mittlerweile aus der Kirche ausgetreten und seit Jan berufstätig ist, hat der 25-Jährige es ihnen gleichgetan. "Ich kann mich nicht wirklich mit der Kirche oder einer bestimmten Religion identifizieren", gibt er ehrlich zu. Doch das ist für ihn noch lange kein Grund, gar nicht zu glauben.

"Glaube hat nichts mit Religion zu tun", erklären mir Yasemin und Jan fast wie aus einem Mund. Auch für Yasemin hat ihre Religion kein große Bedeutung: Ihre Familie hat zwar den Koran zu Hause, betet aber nicht fünf Mal am Tag. Sie trägt im Alltag kein Kopftuch und trinkt hin und wieder Alkohol, was laut Religion untersagt wäre. Nur Schweinefleisch ist für sie und ihre Familie tabu – "Und da hat sich Jan bei der Weihnachtsfeier seiner Firma bereits erkundigt, um auf Nummer sicherzugehen, dass es für mich als Alternative auch Geflügel gibt", sagt sie.

Türkische Oma – portugisische Oma

So locker wie Yasemin und Jan sehen das mit der Religion allerdings nicht alle: "Hätte mein Großvater damals noch gelebt, wäre die Hochzeit von meinem Vater und meiner Mutter vermutlich nicht so einfach zustande gekommen", erklärt Yasemin und schlingt nachdenklich die Hände um ihr Knie. Ihre Mutter wurde streng katholisch erzogen, ist jedoch extra für die türkische Hochzeit zum Islam konvertiert, denn das hatte sich besonders die türkische Oma sehr gewünscht, für die eine Pilgerreise nach Mekka ebenso dazugehörte wie das geflissentliche Fasten im Ramadan. "Meine portugiesische Oma hat natürlich sehr geweint", erzählt Yasemin. "Sie ist sehr religiös aufgewachsen und hatte sogar ein schlechtes Gewissen, wenn sie es am Sonntag mal nicht in die Kirche geschafft hat. Letztendlich war für sie aber am wichtigsten, dass ihre Tochter einen ehrlichen Mann heiratet, der sie gut behandelt."

Yasemin schafft den Spagat zwischen den Religionen mittlerweile gut: An Ostern und am zweiten Weihnachtsfeiertag gibt es Kaffee und Kuchen bei der portugiesischen Oma, zum muslimischen Schlachtfest gibt es bei der türkischen Oma ein Schaf, zum Zuckerfest nach Ramadan etwas Süßes. Auch Jans Oma wurde streng religiös erzogen: Nur ihr zuliebe wurden er und seine Schwester überhaupt getauft.

Unsere Kinder? Die beiden kichern

Wenn Yasemin und Jan später mal heiraten sollten, stehen sie vor einer ähnlichen Frage, wie Yasemins Eltern: Tritt Jan dem Islam bei oder bleibt es doch beim Standesamt? Yasemin hätte eigentlich schon gerne eine Hochzeit nach muslimischem Glauben, aber beide sind sich einig, dass eine standesamtliche Hochzeit wohl am besten wäre.

Und was ist, wenn beide einmal Kinder zusammen haben sollten? Eines steht für sie fest: Ihre Kinder werden auf jeden Fall Weihnachten feiern. "Es gibt als Kind, glaube ich, kein schlimmeres Gefühl, als 'anders' zu sein", meint Yasemin. Weil sie dieses Gefühl nur zu gut kennt, möchte sie das Fest später unbedingt mit ihren Kindern feiern. Auch Jan will zukünftig nicht auf Weihnachten verzichten, denn die Feiertage sind für ihn der schönste Anlass zum familiären Beisammensein.

Beide müssen bei der Frage nach künftigen Kindern aber auch ein bisschen kichern, immerhin sind sie noch nicht einmal ein Jahr zusammen. Deshalb konzentriert sich das Paar jetzt zunächst auf die nahe Zukunft: 2015 soll es das erste Mal gemeinsam in die Türkei gehen. "Ich kann mir keine bessere Reiseleitung vorstellen, als Yasi", lacht Jan.

Weitere Beiträge zu: Weihnachten, Islam, Christentum, Kindheit.

Kommentare

 
 

Dein Kommentar



Artikel bewerten:

 

Die Autorin

Verena-Zimmermann-68x68

Verena Zimmermann (27)
studiert Deutsch und Englisch