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Wortprofis im Bundestag
Einfach einfach schreiben

13.01.2017 |

Wortmonster zerstückeln, Bandwurmsätze entzerren, Infinitiv ... was?! Klarer Fall für die Bundestags-Sprachexperten Sibylle Hallik und Arne Janssen. Wer im Parlament mit Kauderwelsch nicht weiterkommt, kann sie anrufen.

Eine Frau und ein Mann stehen in einem Büro hinter einem Schreibtisch, auf dem sich verschiedene Duden befinden.

Bieten erste Hilfe für all jene, die bei unverständlicher Fachsprache nicht mehr weiterwissen: die Sprach-Profis Dr. Sibylle Hallik und Arne Janssen. – © GfdS

Rot, gelb, grün, blau: Wie ein Regenbogen wirken die Buchrücken im Regal. Eine grüne Topfpflanze ragt über einen weiteren Stapel Bücher auf dem Schreibtisch, an der großen weißen Magnettafel hinter dem PC-Bildschirm hängt ein Zeitungsartikel: "Politiker wollen Sprach-TÜV für Gesetze einführen".

Es ist ziemlich still. "Ich habe das Telefon mal umgestellt", sagt Dr. Sibylle Hallik. "Manchmal kann man in Ruhe alles abarbeiten und manchmal kommt man zu gar nichts, so oft klingelt es dann", sagt die Germanistin.

Wörter entzerren

Die Leiterin des Redaktionsstabes der Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS) beim Deutschen Bundestag und ihr Kollege Arne Janssen sind gefragt. Denn oft kommen Abgeordente oder deren Mitarbeiter ganz schön ins Schwitzen, wenn sie Gesetze formulieren, Fachbegriffe fehlerfrei nutzen und hundertprozentig korrekt schreiben sollen.

Für diese Probleme, die Teil der täglichen Arbeit im Parlament sind, bieten Dr. Hallik und Co. einen Sprach-TÜV. Die Experten beantworten Fragen zu Grammatik und Rechtschreibung, vereinfachen Sätze, entzerren Wörter – denn am Ende sollte im besten Fall ein verständliches Gesetz oder eine spannende Rede stehen.

Wortmonster köpfen

Wenn es um besonders bizarre Fehler und verrückte Gesetzesnamen geht, ist Sibylle Hallik ein wenig zurückhaltend und möchte niemanden in die Pfanne hauen: "Wir sind politisch neutral und alle Texte werden vertraulich behandelt". Trotzdem hat sie ein Beispiel parat: Das Kleinstkapitalgesellschaften-Bilanzrechtsänderungsgesetz ist so ein Wortmonster, bei dem man sich fragt, was wohl erst Kapitalgesellschaften mit großem Kapital machen.

Oft gibt es in den Texten oder am Telefon auch Nachfragen zum geschlechtergerechten Formulieren, dem sogenannten Gendern. Oder Abgeordnete erkundigen sich nach der richtigen Reihenfolge von Personen in der Anrede: Ordnet man sie nach Geschlecht? Oder doch nach Rang?

Verständlich – aber richtig?

Gesetze verständlich zu gestalten, ist gar nicht so einfach – schließlich steht die sogenannte Rechtssicherheit an erster Stelle. Das bedeutet, dass die Sprache auch wirklich den juristischen Inhalt genau bezeichnet. Denn einzelne Formulierungen werden lange verhandelt und schon kleine Abweichungen können später den ganzen Inhalt eines Gesetzes verändern. Fremdwörter vermeiden, keine Monsterwörter und Monstersätze bilden – das könne aber schon helfen, sagt Hallik.

Es war 1965, als sich einige Parlamentarier schrecklich aufregten über unverständliches Fachkauderwelsch. Stein des Anstoßes war das Raumverordnungsgesetz mit Sätzen wie "Das Bundesgebiet ist in seiner Struktur einer Entwicklung zuzuführen". Ein Jahr später richtete der damalige Bundestagspräsident Prof. Dr. Eugen Gerstenmaier (CDU) den Redaktionsstab der Gesellschaft für deutsche Sprache ein. Doch lange führte die Institution im Bundestag eher ein Schattendasein, viele Abgeordnete wussten gar nichts von der helfenden Hand beim Amtskauderwelsch.

Nichts muss, alles kann

Damals beriet der Redaktionsstab neben dem Bundestag auch noch Ministerien und andere Behörden. 2006 griffen dann zwei Parlamentarier ein: Lothar Binding (SPD) und Dr. Ole Schröder (CDU) schufen die "Große Koalition für verständliche Gesetze". Sie führte in den folgenden zwei Jahren zu einer Reihe von Projekten, unter anderem der Einrichtung eines eigenen Redaktionsstabes im Justizministerium. In den Ministerien entstehen häufig erste Entwürfe für neue Gesetze.

Seit 2009 ist der Redaktionsstab im Bundestag exakt ab dem Zeitpunkt für die Gesetze zuständig, an dem sie im Parlament verhandelt, verändert und abgestimmt werden – diese Aufgabenverteilung steht nun sogar in der Geschäftsordnung des Bundestages. Der Verständlichkeitscheck beim Redaktionsstab ist aber kein "Muss", sondern eher ein "Kann".

Einfach mal nachfragen

Bei kleineren Nachfragen rufen die Abgeordneten und ihre Mitarbeiter einfach beim Redaktionsstab an: Mehr als 800 Mal klingelte das weiße Telefon im vergangenen Jahr.

"Die meisten Texte, die wir prüfen sollen, erreichen uns heute per E-Mail", sagt Sibylle Hallik. Die Texte ändert und bearbeitet sie heute einfach digital im Schreibprogramm, gegebenenfalls mit Kommentaren und Anmerkungen.

Unklare Stellen recherchiert die Germanistin ganz klassisch im Duden oder in Spezialwörterbüchern, außerdem spricht sie sich mit ihrem Kollegen ab. Oftmals fragt sie auch nach, was denn der Satz eigentlich ausdrücken soll. Im Dialog komme man meist auf eine gute Lösung, weiß die Expertin aus Erfahrung. Und die hat sie, schließlich leitet sie den Redaktionsstab seit 2013.

Texte einfach schreiben

"Neben der sprachlichen Prüfung von Texten und den Anfragen geben wir auch Seminare zur Rechtschreibung oder zu speziellen Themen, die gewünscht werden – wie zum Beispiel dem erweiterten Infinitiv", sagt Sibylle Hallik. "Eine neue Herausforderung sind außerdem die Arbeiten in Leichter und Einfacher Sprache". Mit diesen Konzepten von Sprache sollen Texte besser verständlich sein. Menschen mit Lernschwierigkeiten oder solchen, die aufgrund einer Behinderung komplizierte Texte nicht richtig erfassen können, helfen leichte Sätze. Sprache ohne Fremdwörter und komplizierte Sätze macht das Lesen einfacher, wenn Deutsch zum Beispiel nicht die Muttersprache ist.

Winzer und Normal-Bürger

"Die Herausforderung ist vor allem, Texte auf unterschiedlichen Sprachniveaus für die verschiedenen Adressaten anzubieten", findet Sibylle Hallik. So verstehen Winzer sicher mehr Fachwörter in einer Weinverordnung als der Bürger beim – Achtung: Monster – Unterhaltsvorschussentbürokratisierungsgesetz.

Weitere Beiträge zu: Sprache, TÜV, Leichte Sprache, Gesetze.

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