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Die Autorin

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Marie Illner (21)
studiert Medienwissenschaften und Anglistik

Illegale Autorennen
Bis zu zehn Jahre Haft

02.08.2017 |

Illegale Autorennen kosten jährlich dutzende Menschenleben, meist unbeteiligte Passanten. Mit einer Hinaufstufung illegaler Autorennen von einer Ordnungswidrigkeit zur Straftat will die Bundesregierung die Raser nun ausbremsen.

Bei illegalen Autorennen kommt es immer wieder zu Unfällen und es sterben Unbeteiligte. Zuletzt kam im Juni in Mönchengladbach ein Fußgänger bei einem solchen Vorfall ums Leben. – © dpa

Der Motor heult auf, die Reifen quietschen, der Auspuff qualmt. Durch die Adern des Fahrers schießt Adrenalin, durch seinen Kopf kein anderer Gedanke als "ich muss der Schnellste sein". Dann der Aufprall. Ein Mensch knallt gegen die Windschutzscheibe und wird mehrere Meter durch die Luft geschleudert. Das Autorennen endet mit dem Tod eines Passanten.

So, oder so ähnlich hat es sich bereits dutzende Male in Deutschland abgespielt. Die Strafen für solche illegalen Autorennen mit Unfallfolge reichen je nach Ausmaß von Bußgeldern und Führerscheinentzug, über Bewährungsstrafen bis hin zu langjährigen Gefängnisstrafen.

Für solche Rennen gibt es eine regelrechte Raser-Szene, die besonders in den Ballungsgebieten wie Köln oder Berlin ihrer gefährlichen Freizeitbeschäftigung nachgeht. Ein am 29. Juni 2017 vom Bundestag verabschiedeter Gesetzentwurf des Bundesrates, soll diese Szene nun ausbremsen, indem er unter Strafe stellt, öffentliche Straßen ohne Erlaubnis zur Rennbahn zu machen.

Upgrade: Straftat

Gab es bislang keine Strafen für illegale Autorennen? Doch, aber bislang wurde die Teilnahme an solchen Rennen lediglich als Ordnungswidrigkeit geahndet – solange niemand ernsthaften Schaden nahm. Man wertete Kraftfahrzeugrennen als eine illegale Form der übermäßigen Straßenbenutzung, sodass es in der Regel nur Bußgelder in Höhe von etwa 400 bis 500 Euro und einmonatige Fahrverbote gab.

Bis zur Haft

Eine abschreckende Wirkung hatte das für viele Raser nicht. SPD und CDU/CSU hoffen nun mit dem neugeschaffenen Tatbestand im Paragraf 315 des Strafgesetzbuches Täter von den Rennen abhalten zu können. Mit der Hinaufstufung von der Ordnungswidrigkeit zur Straftat erhöhen sich auch die möglichen Strafen: Der Unterschied zwischen Ordnungswidrigkeit und Straftat ist nämlich, dass Ordnungswidrigkeiten nur mit Bußgeldern oder Fahrverboten bestraft werden können und in der Regel von den Verwaltungsbehörden verfolgt werden.

Jetzt drohen Möchtegern-Rennfahrern neben den Geldstrafen bis zu zwei Jahre Haft – bei schweren Personenschäden sogar bis zu zehn Jahre. Außerdem ist es möglich, die Fahrzeuge der Beteiligten einzuziehen. Nicht nur die Teilnahme als solche ist strafbar: Bereits der Versuch, ein illegales Rennen durchzuführen, selbst wenn es dann nicht stattfindet, steht unter Strafe. Eine weitere wichtige Änderung, die der Bundestag an dem vom Bundesrat eingebrachten Gesetzentwurf vornahm, lautet, dass sich künftig auch strafbar macht, wer sich als einzelner Auto- oder Motorradfahrer "mit nicht angepasster Geschwindigkeit und grob verkehrswidrig und rücksichtslos fortbewegt, um eine höchstmögliche Geschwindigkeit zu erreichen" – wer also quasi mit sich selbst Rennen fährt.

Zusätzliche Maßnahmen

Kritik zum Gesetz kam jeweils von den Linken, die dagegen stimmten, und den Grünen, die sich enthielten. So monierte Jörn Wunderlich (Linke), die Einführung eines "abstrakten Gefährdungsdeliktes" sei bedenklich, weil damit eine Strafbarkeit weit vor eine vollendete Tat vorgelagert werde. Er hielt die Rechtsbegriffe für zu unbestimmt, dadurch sei nicht deutlich, welche konkrete Gefährdung der Gesetzgeber genau meine.

Den Grünen hingegen ging das Gesetz noch nicht weit genug: Sie forderten eine Ausweitung, damit auch extrem schnelle Fahrten ohne Renncharakter berücksichtigt werden. Schwierig ist es tatsächlich, nachzuweisen, wann genau ein Rennen vorliegt und wo das Rasen beginnt. Denn: Die illegalen Autorennen finden nicht immer geplant statt, teilweise entstehen sie auch spontan aus dem Verkehrsgeschehen heraus. Abseits des Bundestages schlagen Aussteiger der Szene schon seit längerem vor, mehr legale Möglichkeiten zu schaffen, bei denen sich Autofans messen können. So auch Nico, den Lilith für mitmischen.de porträtiert hat.

Tatbestand Mord

Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) stellte in einer Anhörung auch den Zusammenhang zum Internet her: Vielen Fahrern würde es einen Kick geben, sich beim Rennen zu Filmen und das Video dazu online zu stellen. Er habe den Eindruck, dass die Anzahl der Straßenrennen durch die Online-Verbreitung noch einmal zugenommen hätte.

Umstritten ist seit Jahren die Frage, ob Fahrer, die bei illegalen Autorennen Menschen töten, als Mörder gelten. Ein Gericht in Berlin verurteilte im Februar 2016 zwei Todesfahrer zu lebenslangen Haftstrafen wegen Mordes. Der Bundesgerichtshof muss allerdings noch über dieses Urteil entscheiden, und es ist gut möglich, dass es gekippt wird. Es stellt sich nämlich die Frage, ob die Raser den Tod von Unbeteiligten wirklich billigend in Kauf nehmen – für den Tatbestand des Mordes ist ein Vorsatz notwendig. Was tatsächlich in den Köpfen der Fahrer vorgeht, das wissen nur sie selbst.

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