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Die Autorin

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Lilith Diringer (18)
studiert IT-Systems-Engineering

Ex-Raser
Für 20 Euro ans Limit

02.08.2017 |

Nico musste erst einen schlimmen Unfall erleben, bevor er damit aufhörte, illegal zu rasen. Heute organisiert der 36-Jährige legale Rennen und will Leuten aus der Szene damit eine Alternative bieten. Lilith hat mit ihm gesprochen.

Nico Klassen

Autos sind Nicos Leidenschaft geblieben: heute betreibt er eine Werkstatt. – © privat

18 Jahre jung, gerade erst den Führerschein erworben. Das war die Situation Nico Klassens, als er sich das erste Mal an einem illegalen Autorennen beteiligte. "Man ist da eben so reingerutscht", beschreibt er seinen Weg in die Szene. 80 bis 100 Menschen waren es, die sich damals insbesondere im Sommer wöchentlich in einem Industriegebiet trafen. "Das ging dann freitags schon los. So gegen 22 Uhr und dauerte bis 2 oder 3 Uhr nachts", berichtet der 36-Jährige.

Sie trafen sich auf einem nahegelegenen Parkplatz und vereinbarten Rennen über eine Strecke von etwa ein bis eineinhalb Kilometern. "Irgendwie wusste man schon, dass es gefährlich war. Aber das blendet man in dieser Situation vollkommen aus. Man setzt seinen Tunnelblick auf und das war's", beschreibt er im Rückblick die Raser-Szene. "170 bis 180 Kilometer pro Stunde ist man da schon gefahren – manche natürlich auch über 200. Dabei reichen schon 70 Kilometer pro Stunde für einen schrecklichen Unfall." So sieht es Nico Klassen zumindest inzwischen.

Heute ist er schlauer

Heute weiß er, es muss nur einmal ein Reifen platzen, ein LKW-Fahrer nachts über die Straße laufen, um seine Blase zu entleeren, oder jemand mit seinem Hund Gassi gehen – und schon ist es passiert. Damals sei das alles nur Nebensache gewesen. Es musste erst ein schlimmer Unfall passieren, damit Nico sein Treiben als illegaler Raser beendet hat und heute in der Szene Aufklärungsarbeit betreibt, doch dazu gleich mehr.

Süchtig nach Adrenalin

Als Sucht bezeichnet Nico Klassen seine damalige Faszination für die Autorennen, eine Gier nach Adrenalin und Aufmerksamkeit. Er befand sich zu dieser Zeit in der Ausbildung zum KFZ- und LKW-Mechaniker. Schon mittwochs sei es in der Berufsschule das einzige Gesprächsthema gewesen. Die Rennen am vergangenen Wochenende, das nächste Rennen in wenigen Tagen. Alles drehte sich nur noch darum. "Sogar das Fußballspielen habe ich dafür aufgegeben", erinnert sich Nico. "Verrückt", sagt er heute.

Seine Eltern hätten davon nichts mitbekommen. "Ich bin freitagabends weggefahren – so wie man das eben mit 18 macht. Jetzt im Nachhinein meint mein Vater auch, er hätte das nie zugelassen, wenn er davon Wind bekommen hätte." Auch die Freunde außerhalb der Raser-Community wussten nichts von seinen Wochenendbeschäftigungen: "Ich habe das jetzt nicht so an die große Glocke gehängt."

Die Szene im Wandel

Auf die Frage, was sich bis heute in der Szene verändert hat, antwortet Nico mit einem Wort: "Viel." Die Personen seien heutzutage viel besser vernetzt, was es auch der Polizei schwerer mache, Verantwortliche zu erwischen und festzunehmen. Entdeckt jemand einen Polizeiwagen, werden die Rennen dann eben sofort abgebrochen. Wirklich nachweisen könne die Polizei dann niemandem etwas, "da muss schon erst mal etwas Richtiges passiert sein".

Die Angst, bei einem illegalen Rennen erwischt zu werden, sei heute kaum mehr präsent, so Nico. Schlimm sei insbesondere, dass sich die Raser oftmals nicht damit zufriedengeben, in einem verlassenen Industriegebiet Rennen zu fahren. Vielmehr möchten immer mehr Raser ihr "Hobby" auch in der Stadt ausleben. "Viele fühlen sich cool dabei. Sie haben eine vollkommen verzerrte Sichtweise und denken, die Menschen in der Stadt fänden es toll, wenn ein Auto mit quietschenden Reifen vorbeikommt. Aber das stimmt nicht. Die Passanten wollen einfach nur ihren Kaffee trinken und ihre Ruhe haben", sagt Nico.

Eine legale Alternative – vier Mal im Jahr

Und warum kennt sich Nico Klassen auch heute noch so gut in der Branche aus, wenn er doch schon seit vielen Jahren ausgestiegen ist? "Ich bin schon immer noch in der Szene aktiv. Jetzt nur anders", erklärt er. "Anders" bedeutet, dass Nico keine illegalen Rennen mehr fährt, sondern sich inzwischen auf das Organisieren von legalen Rennen konzentriert hat.

Vier Mal im Jahr bekommen Raser die Möglichkeit, für 20 Euro ihre Grenzen zu testen – auf einem gemieteten und abgesicherten Gelände. 400 Fahrer und zweieinhalb bis dreitausend begeisterte Zuschauer kommen zu diesen Wochenendveranstaltungen in etwa zusammen, die zum Beispiel auf Flugplätzen stattfinden. "Verdienen tue ich dabei eigentlich nichts", erklärt Nico, "wenn, dann lege ich eher noch etwas drauf." Und warum tut er es dann? "Es soll bei den jetzigen Rasern nicht soweit kommen müssen wie bei mir, bevor sie endlich kapieren, was sie da eigentlich für einen Scheiß machen." Denn bevor Nico aus der Szene ausstieg, musste erst ein Mensch sterben.

"Zusehen, wie er stirbt"

Es war einer seiner engsten Freunde, dessen Tod er mit eigenen Augen habe ansehen müssen. Der sei bei einem der Rennen mit dem Motorrad gegen ein Straßenschild gebrettert. "Ein Geräusch, wie wenn ein Schneeball gegen ein Verkehrsschild knallt. Ich konnte nichts machen, außer zusehen, wie er stirbt", erinnert sich Nico Klassen. Nach eineinhalb Jahren, in denen die illegalen Autorennen sein Leben dominiert haben, habe er von einem auf den anderen Tag aufgehört.

"Es war wirklich ein Klick-Moment. Ich habe keine Ahnung, wie lange ich noch weitergemacht hätte, wenn ich das nicht hätte miterleben müssen." Das Verlangen nach Geschwindigkeit sei gegen etwas, das in der Zeitung steht oder das man im Radio hört, einfach zu stark. Doch nach dem Unfall fing bei ihm das Denken an, sagt er.

Prävention durch legale Rennen

Nico Klassen beendete seine Lehre, begann dann beim ADAC zu arbeiten und repariert heute in seiner Werkstatt Golf-Carts. Seit seinem Ausstieg und seitdem er die Zeit und das Geld hat, engagiert er sich, um illegale Autorennen einzudämmen. "Ich habe kapiert: Wenn sich schon hier im Ruhrgebiet hundert Menschen treffen – wie muss es denn dann im Rest der Bundesrepublik aussehen?"

Höhere Strafen bringen seiner Meinung nach fast gar nichts. "In den USA haben sie eine Zeit lang die Autos sogar direkt vor Ort verschrottet. Und eine Woche später waren die gleichen Typen wieder an der gleichen Stelle", sagt er. Sein Alternativrezept: präventive Arbeit durch Bereitstellung legaler Rennmöglichkeiten.

Nico zweifelt nicht an der Akzeptanz der Raser gegenüber derartigen legalen Strecken. "Spätestens wenn dein Kumpel erzählt, welche Zeiten er fährt, musst du dort auch hin und versuchen, ihn zu toppen." Außerdem würden Rennzeiten international vergleichbar, sodass ein weiterer Reiz bestünde, das Angebot zu nutzen. Raser in der Stadt könnten laut Ex-Raser Nico also automatisch "uncool" werden. Saudi-Arabien, die USA, Russland – all diese Länder seien uns laut Nico in Sachen legale Rennen um Längen voraus.

"Höhere Strafen? Von mir aus. Aber nicht nur."

Nico will deshalb weiter Öffentlichkeitsarbeit betreiben. Die Entscheidung des Bundestages, dass illegale Straßenrennen künftig als Straftat geahndet werden sollen, sieht er zwiespältig – bislang gelten die Rennen nämlich nur als Ordnungswidrigkeit, so lange niemand dabei zu Schaden kommt. Höhere Strafen gegen die Raserei? "Von mir aus. Aber nicht nur", meint Nico. Er wünscht sich, dass mehr Leute versuchen zu verstehen, wie die Szene tickt und einen stärkeren Fokus auf alternative Angebote legen. Mehr Konzepte dazu habe er bereits in der Schublade.

Kommentare

 

Susanne schrieb am 03.08.2017 18:22

guter Artikel, interessant, spannend bis zum Schluss - außerdem übersichtlich, gut strukturiert, verständlich!!

 

 

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