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Yannic Walther (19)
studiert Politikwissenschaften in Berlin

Chemnitz
Zwei Zimmer für 250 Euro

29.06.2018 |

Während in Berlin, München oder Frankfurt die Mieten explodieren, gibt es vor allem in Ostdeutschland noch preiswerten Wohnraum. Yannic stammt aus Chemnitz: Lohnt es sich, dorthin zu ziehen?

Nüschel

Von den Chemnitzern wird der Kopf von Karl Marx im Zentrum der Stadt liebelvoll "Nüschel" genannt. – © picture alliance/augenklick

Chemnitz schaltet von 21 bis 5 Uhr die akustischen Ampelsignale für Sehbehinderte aus, weil die den Einwohnern zu laut sind. Klingt das für einen junge Menschen nach einem attraktiven und lebendigen Ort? Offenbar ja. Chemnitz wurde vom Forschungsinstitut empirica zu den sogenannten neuen Schwarmstädten gezählt. Damit gemeint sind Orte, in denen sich vorrangig junge Menschen wie ein Vogelschwarm niederlassen. In den Schwarmstädten sind die Mieten vergleichsweise günstig.

Wohnung? Kein Problem

Das erkennt man in Chemnitz nicht zuletzt daran, dass man auf der Straße kaum Obdachlose sieht. Die sozialen Probleme, die in anderen Städten mit den Mietpreisexplosionen einhergehen, stehen im Rathaus der drittgrößten sächsischen Stadt nicht auf der Tagesordnung. Auch Flüchtlinge können hier aufgrund des großen Leerstands meistens eigene Wohnungen beziehen, während in anderen Städten Gemeinschaftsunterkünfte der Regelfall sind.

Für Studenten hat der entspannte Wohnungsmarkt der knapp 250.000 Einwohner zählenden Stadt ebenso Vorteile. Auf Immobilienportalen findet man im Chemnitzer Zentrum große renovierte Zweizimmerwohnungen für eine Kaltmiete von unter 250 Euro. Ein Preis, für den es im Großteil der Republik schwer wird, ein WG-Zimmer zu finden.

Internationale Uni

Wer zum Studieren nach Chemnitz kommt, dem bieten vor allem die ingenieurwissenschaftlichen Studiengänge der Technischen Universität gute Perspektiven. Studenten profitieren von zwei Fraunhofer-Instituten und den ausgeprägten Kontakten der Universität zu mittelständischen Unternehmen. In den letzten Jahren lockte das vor allem Akademiker aus dem Ausland nach Chemnitz. Mit mehr als einem Viertel ausländischer Studenten ist die Chemnitzer Universität internationaler als die Berliner Hochschulen.

Neben einem attraktiven Hochschulstandort zeichnet Schwarmstädte auch ihr vielfältiges Veranstaltungsangebot und das lebendige Nachtleben aus. Ohne ein Ausgehviertel lockt es nur selten Studenten aus ihren universitätsnahen Wohnungen vom Stadtrand in die Innenstadt. Genau hier liegt das Problem in Chemnitz.

Ein belebtes Stadtviertel fehlt

Zu DDR-Zeiten hatte die Stadt, die damals Karl-Marx-Stadt hieß, einst eine mit Geschäften, Galerien und Gastronomie belebte Flaniermeile. Doch nach der Wiedervereinigung zog im Chemnitzer Stadtteil Brühl Leerstand und Ruhe ein. Seit einigen Jahren wird von Kulturschaffenden und der Stadt versucht, die Gegend rund um den einstigen Brühl-Boulevard wiederzubeleben. Mit Musik- und Kulturveranstaltungen bringen zivilgesellschaftliche Akteure zeitweise Leben in das immer noch zu großen Teilen leerstehende Gründerzeitviertel. Damit wollen sie ihrem Ziel, einem jungen und belebten Stadtviertel, schrittweise näherkommen.

Auch die Stadt schafft mit dem Umzug universitärer Einrichtungen zum Brühl die Voraussetzungen, dass hier ein für junge Menschen attraktiver Kiez entsteht. Neben preisgünstigen Wohnungen für Studenten finden sich schon jetzt Eigentums- und Mietwohnungen für Kapitalanleger und gutverdienende Familien. Viele befürchten deshalb, dass ältere Anwohner und Familien die Lärmgrenzen der Veranstaltungsorte bestimmen könnten – und so dem erhofften Nachtleben von vornherein den Garaus machen.

Krach machen dürfen

Nachdem 2013 wegen Ruhestörung ein Club vom Brühl wegziehen musste, drohte selbst der Sänger der überregional bekannt gewordenen Chemnitzer Band Kraftklub die Abwanderung nach Leipzig an. Kummer sagte im Interview mit der Wochenzeitung Die Zeit: "Ich will als 24-Jähriger nicht in einer toten Stadt leben. Chemnitz wird immer mehr zum Kurort!"

Dass diese Befürchtung sich bewahrheiten könnte, zeigt der Blick auf eine 2010 erschienene Studie der Europäischen Union. Nach dieser soll Chemnitz 2030 die Stadt mit dem höchsten Altersdurchschnitt in Europa sein. Kein Wunder, dass viele junge Menschen die Stadt verlassen. Schon mit einer Regionalbahnfahrt ins 90 Kilometer entfernte Leipzig gibt es das städtische Leben, welches hier vielen fehlt.

Warum sich Chemnitz doch lohnen kann

Ein Paradies ist Chemnitz also nicht. Das wäre eine Stadt mit günstigen Mieten und zugleich ausgeprägter kulturelle Infrastruktur. Wer aber, wie hier, aufgrund geringer Mietkosten weniger Zeit in einen Nebenjob investieren muss, hat die Freiräume, städtisches Leben selbst mitzugestalten. Die Entwicklung der Stadt ist offen und der Raum für eigene Ideen noch da. Letztendlich ist Chemnitz also das, was Hiergebliebene und Zugezogene in den nächsten Jahren daraus machen.

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