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Die Autorin

Lisa Winter

Lisa Winter (20)
studiert Politikwissenschaften und Publizistik

Antrag Samenspende
Suche nach Papa erleichtern

15.07.2016 |

Zehntausende Kinder in Deutschland wissen nicht, wer ihr Vater ist, weil sie durch eine Samenspende auf die Welt gekommen sind. Die Grünen fordern jetzt im Bundestag mehr Rechte für Spenderkinder. Was sagen die anderen Fraktionen?

Theoretisch haben Kinder von Samenspendern das Recht zu erfahren, wer ihr Vater ist.

Nicht zu wissen, woher man kommt, kann psychische Schäden verursachen. Ein Antrag soll Spenderkindern mehr Rechte einräumen. – © picture alliance/ dpa

Der Traum vom gemeinsamen Haus, Hof, Hund – und von Kindern: rund 64 Prozent der Jugendlichen zwischen zwölf und 25 Jahren in Deutschland wünschen sich eine eigene Familie. So lautet ein Ergebnis der Shell-Jugendstudie 2015.

Zum Problem kann das werden, wenn der Möchtegern-Vater unter einer eingeschränkten Zeugungsfähigkeit oder sogar Unfruchtbarkeit leidet. Auch die Gefahr der Übertragung von Erbkrankheiten bewegt viele dazu, sich nach alternativen Lösungen zur eigenen Vaterschaft umzusehen.

Manche sind kreuzunglücklich

Viele Paare nutzen daher Samenspenden, um sich den Traum vom Kind zu erfüllen. Rund 100.000 Kinder und Erwachsene gibt es bereits in Deutschland, die auf diese Weise entstanden sind – nach Angaben des Vereins Spenderkinder. Doch wie lebt es sich so als Kind, dass durch den Samen eines "fremden" Mannes gezeugt wurde? Manche Spenderkinder sind kreuzunglücklich mit ihrer Situation. Wer ist mein echter Papa? – diese Frage treibt sie um.

Die Grünenfraktion hat kürzlich im Bundestag mit einem Antrag gefordert, dass das Recht auf Kenntnis der eigenen Abstammung gesetzlich verankert werden soll. Grund dafür sei, dass das Interesse des Kindes im Mittelpunkt stehe und die Kenntnis des biologischen Vaters essentiell für die Entwicklung der eigenen Identität sei. Daher seien anonyme Spenden nicht zulässig. Kinder, die die Informationen über ihre biologischen Väter erhalten wollen, sollten die Möglichkeit dazu bekommen. Es solle ein Melde- und Auskunftssystem eingerichtet werden, in dem die Identität des Samenspenders festgehalten ist, und ein Vermerk im Geburtsregister darauf verweisen.

Völlig legal

Welche Position beziehen die anderen Fraktionen? Wie geht es weiter mit dem Antrag? Doch zunächst noch einige Fakten rund um das Thema.

Im Gegensatz zur Leihmutterschaft oder Eizellenspende ist die Samenspende in Deutschland legal. Prinzipiell ist es allen verheirateten und unverheirateten Paaren gestattet, eine Samenspende in Anspruch zu nehmen. Lesbische und alleinstehende Frauen befinden sich hingegen in einer Grauzone und sind abhängig von der Zustimmung der Ärzte. Grund dafür ist die Frage nach dem (hier angezweifelten) Kindeswohl sowie die rechtliche Regelung der Vaterschaft und die damit verbundene Unterhalts- und Erbschaftsfrage.

Wer darf spenden?

Auf Seiten der Samenspender ist das "Bewerbungsverfahren" etwas kompliziert. Grundsätzlich kommen alle Männer zwischen 18 und 40 Jahren als Spender in Frage. Davon ausgeschlossen sind sogenannte Risikogruppen, wie Homosexuelle, Drogenabhängige und Männer mit überdurchschnittlich vielen Sexpartnern. Hier fürchtet man ein erhöhtes Risiko von sexuell übertragbaren Krankheiten wie Aids.

Bewerber müssen nach einem ersten Beratungsgespräch eine Probespende abgeben, die für sechs Monate eingefroren und anschließend auf ihre Qualität geprüft wird. Kommen sie als Spender in Frage, werden sie anschließend zu einem weiteren Gespräch eingeladen, in dem sie Fragen zu ihrem Lebensstil beantworten und verschiedene Blutuntersuchungen und Gentests machen müssen. Dadurch sollen Erbkrankheiten, Gendefekte, eine HIV-Infektion sowie weitere kindesgefährende Krankheiten ausgeschlossen werden.

Leicht verdientes Geld

Hat man sich dazu entschlossen Samenspender zu werden, ist man verpflichtet mindestens ein Jahr lang etwa alle zwei Wochen eine Samenspende abzugeben. Zudem darf man nur in einem einzigen Institut registriert sein. Für viele Männer ist das Samenspenden ein lukrativer Nebenjob, denn die Vergütung liegt im Schnitt bei etwa 100 Euro pro Spende. Damit kann ein Mann sich also rund 2600 Euro im Jahr dazuverdienen – steuerfrei, denn wie von Blutspendern will der der Staat auch von Samenspendern kein Geld haben.

Für die Empfängerinnen liegen die Kosten bei etwa 500 bis 700 Euro pro fruchtbarer Periode, wobei die Schwangerschaftshäufigkeit bei 15 bis 20 Prozent liegt.

Wer ist der Vater?

Nach einer erfolgreichen Samenspende stellt sich die Frage: Wer ist der Vater? Bei verheirateten Paaren wird der Ehemann der Empfängerin als Vater eingetragen. Bei unverheirateten Paaren muss der spätere "Ziehvater" die Vaterschaft schon vor der Samenspende anerkennen.

Ich möchte meine Herkunft kennen!

Die Zeugung eines Kindes durch Samenspende ist legal und nur durch die Behandlungsunterlagen der Ärzte oder in den Daten der Samenbanken ersichtlich. In der Geburtsurkunde wird dies nicht erwähnt. Prinzipiell sind Samenspenden anonym, jedoch hat jeder Mensch ab dem 18. Lebensjahr das Recht auf Kenntnis der eigenen Abstammung, weshalb es in der Vergangenheit zu mehreren Gerichtsverfahren kam, in denen Spenderkinder die Kenntnis über ihre biologischen Väter eingeklagt haben.

Namen der Papas speichern

Das Recht auf Kenntnis der eigenen Abstammung ist nicht gesetzlich verankert und leitet sich lediglich aus dem Grundgesetz Artikel 1, der Würde des Menschen, und Grundgesetz Artikel 2, dem allgemeinen Persönlichkeitsrecht, ab. Dadurch ist es für Spenderkinder oft schwierig, die Identität des Spenders zu erfahren, da Ärzte und Samenbanken, aus Furcht vor einem Rückgang der Spenderzahlen, diese Daten streng geheim halten. Seit 2007 sind sie jedoch zumindest verpflichtet, die Unterlagen 30 Jahre lange aufzubewahren.

Das Oberlandesgericht Hamm (2013) sowie der Bundesgerichtshof (2015) bestätigten in zwei Gerichtsverfahren das Recht der Spenderkinder, jedoch mit dem Hinweis, man müsse im Einzelfall nicht nur auf die Interessen des Spenderkindes, sondern auch auf die der Eltern, des Spenders und der Ärzte schauen. Der Spender hat in keinem Fall ein Recht auf Kontakt zu dem Kind.

Wer zahlt?

Erb- und Unterhaltsrechte sind auf beiden Seiten nicht ganz ausgeschlossen. In der Regel ist der eingetragene "rechtliche" Vater unterhaltspflichtig. Trotzdem gibt es eine rechtliche Grauzone bei Spenderkindern von alleinstehenden Frauen, die keinen "rechtlichen" Vater haben. Zudem können Spenderkinder die Vaterschaft des "rechtlichen" Vaters anfechten, so dass jegliche väterliche Bindung aufgehoben wird. In einem zweiten Gerichtsverfahren ist es dann theoretisch möglich, den biologischen Vater zu ermitteln. Sollte dies nicht gelingen, gelten die Kinder als vaterlos.

Grüne: Wichtig für die Psyche

Wie diskutierten die Bundestagsabgeordneten über das Thema? Katja Keul (Grüne) begründete den Antrag ihrer Fraktion im Plenum am 2. Juni damit, dass bislang jegliche rechtliche Absicherung der Beteiligten fehle – für ein Verfahren, das seit 40 Jahren praktiziert werde. Sie ergänzt: "Die Kenntnis der eigenen Abstammung kann zentral bei der eigenen Identitätsfindung sein und die Unkenntnis kann zu gravierenden psychologischen Belastungen führen."

Union: Option muss bleiben

Die Union unterstützt das Recht auf Kenntnis der eigenen Abstammung und meint ebenfalls, dass es neue Regelungen geben müsse. Sie findet allerdings, dass der Antrag der Grünen über das Ziel hinaus schießt. Dr. Sabine Sütterlin-Waack (CDU/CSU) nennt als Beispiel: Das Kind werde durch das geforderte Register quasi zwangsweise über seine Entstehung aufgeklärt. "Sollte es nicht der Initiative des Kindes überlassen werden, herauszufinden, ob es durch eine Samenspende gezeugt wurde?"

Linke: Antrag ist richtig

Jörn Wunderlich (Linke) unterstützt den Grünen-Antrag und findet es bedauerlich, dass sich nicht viel getan habe, seit klar sei, dass das Recht auf Kenntnis der Abstammung verfassungsrechtlich geschützt ist.

SPD: Sollten alle zusammenarbeiten

Auf diese Tatsache beruft sich auch Sonja Steffen (SPD). Auch sie sieht im Detail Änderungsbedarf, hofft aber auf ein überfraktionelles Ergebnis, "weil es sich hier um eine ethische Frage handelt. Da sollten wir, denke ich, alle zusammenarbeiten."

Der Antrag wurde in die zuständigen Ausschüsse verwiesen und wird nun weiter diskutiert.

Weitere Beiträge zu: Kinder, Samenspende, Familie.

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