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Die Autorin

Lisa Winter

Lisa Winter (20)
studiert Politikwissenschaften und Publizistik

Experte
"Wir haben die Lektionen nicht gelernt"

29.04.2016 |

Wie kam es in Fukushima überhaupt zur Katastrophe? Wie sicher ist es dort jetzt? Wie geht es weiter? Lisa hat mit dem Atomexperten Mycle Schneider über die Gefahren, den Unfall und die Folgen gesprochen.

Ein Mann mit weißen Haaren und blauem Schal schaut in die Kamera.

Mycle Schneider: "Man konnte durchaus davon ausgehen, dass so etwas passieren kann." – © Serge Ollivier

Herr Schneider, was genau passiert bei einer Reaktorkatastrophe?

Das kann man schlecht verallgemeinern, da es sehr viele Formen von Reaktoranlagen gibt und somit auch unterschiedliche Reaktorkatastrophen. Es kann beispielsweise zu einem Kernschmelzunfall kommen. Das heißt, die Kühlung ist unzureichend, die Wärme wird nicht mehr abgeführt, und der Brennstoff erhitzt sich so stark, dass er schmilzt. Das haben wir in Fukushima gleich dreimal gesehen. Es kann aber auch zu anderen Unfällen kommen, wie zum Beispiel in Tschernobyl. Dort gab es eine sogenannte Leistungsexkursion. Die Freisetzung der Energie konnte nicht mehr kontrolliert werden und innerhalb von vier Sekunden hat der Reaktor das 100-fache seiner normalen Kapazität erreicht. Die Energie wird so schnell freigesetzt, wie bei einer Explosion.

Was genau geschah am 11. März 2011 in Fukushima?

Zu 100 Prozent ist das nach wie vor noch nicht geklärt, weil es zwei große Ereignisse gegeben hat, die schließlich zu der atomaren Katastrophe geführt haben. Das eine war ein sehr starkes Erdbeben und das zweite war ein Tsunami. Es ist noch immer nicht sicher, welche Schäden genau durch welches Ereignis hervorgerufen wurden. Unumstritten ist die Tatsache, dass die interne Notstromversorgung ausgefallen ist, und die Reaktoren nicht mehr gekühlt werden konnten.

Hätte Japan mit dieser Katastrophe rechnen müssen?

Man konnte durchaus davon ausgehen, dass so etwas passieren kann. Ein unabhängiger Wissenschaftler hat Mitte der 90er Jahre das Szenario genau beschrieben. Wenn man den Standort so gelassen hätte, wie er ursprünglich war, wäre dort nichts passiert. Aber um das Kraftwerk möglichst nah an das Kühlwasser zu bekommen, hat man einen ganzen Berg weggesprengt, weil es die Kosten gesenkt hat. Nur so konnte der Tsunami schließlich auf das Kraftwerk einwirken. Die Doppelkatastrophe hätte also verhindert werden können.

Bestand für uns damals eine Gefahr in Europa?

Die Gefahr bestand vor allem für die asiatischen Nachbarländer. Aber es geht immer um zeitlich unterschiedliche Auswirkungen. Das erste ist die Freisetzung von radioaktiven Gasen, die direkt inhaliert werden können. Es gibt aber eine viel langfristigere Problematik und das ist die Lebensmittelsicherheit. Das kann sich über viele Jahre hinziehen. In Großbritannien beispielsweise war die Schafzucht noch bis 2012 von Tschernobyl betroffen, weil die Böden kontaminiert waren. Ein großer Teil der in Fukushima freigesetzten Radioaktivität hat sich über das Meer verteilt. Das zieht folglich einen Verbreitungseffekt mit sich, der gar nicht mehr messbar ist. Fische bleiben nicht in einem bestimmten Bereich. Thunfische zum Beispiel legen pro Jahr mehrere tausend Kilometer Entfernung zurück. Man kann also in Kanada, in den USA oder Deutschland — aus der Dose — genauso kontaminierten Fisch essen, wie in Japan.

Welche Unterschiede gibt es zwischen Tschernobyl und Fukushima? Kann man die beiden Katastrophen überhaupt miteinander vergleichen?

In Tschernobyl hat es ein Grafitfeuer gegeben, was etwa zehn Tage gewütet hat. Dabei gab es einen thermischen Kamineffekt. Das bedeutet, dass das Feuer die Luft in sehr viel größere Höhen bringt. Dadurch sind die radioaktiven Stoffe in Tschernobyl auf eine Höhe zwischen drei und vier Kilometern gekommen. Deshalb sind sie auch über ganz Europa verbreitet worden. In Fukushima lag die Höhe vielleicht bei 300 Metern. Das ist eine gute Nachricht für Länder, die weiter weg sind. Gleichzeitig ist das aber eine sehr schlechte Nachricht für die Bevölkerung, die in der direkten Umgebung wohnt.

Was ist aus dem Atomkraftwerk Fukushima geworden?

Die Situation vor Ort ist nach wie vor katastrophal. Es kann kein Mensch in die Reaktorgebäude hinein, weil die Radioaktivität so stark ist. Das würde sehr schnell zu einer tödlichen Dosis führen. Man hat versucht, Roboter hineinzuschicken, etliche sind nicht wieder herausgekommen. Man weiß also bis heute nicht, wie es drinnen aussieht, etwa wie weit die geschmolzenen Reaktorkerne sich in den Boden gefressen haben. Es wird Jahrzehnte dauern, bis man umfassende Konzepte entwickelt und umgesetzt hat, der Zugang zu den Reaktorgebäuden möglich wird und der geschmolzene Brennstoff entfernt werden kann.

Kann sich Japan auf internationale Hilfe verlassen?

Das große Problem der japanischen Regierung ist, dass sie bisher nicht den Willen hatte, eine intensive internationale Kooperation zu entwickeln. Das lag unter anderem daran, dass Japan für die Ausrichtung der Olympischen Spiele 2020 vorgab, die Situation unter Kontrolle zu haben. Bisher gibt es lediglich internationale Forschungsprojekte und die Atomindustrie die beratend gewirkt haben. Das ist aber alles weit unter dem eigentlich notwendigen Niveau. Wir haben es hier mit einer Katastrophe zu tun, die absolut beispiellos in der Geschichte ist.

Wie ist die Situation der Menschen vor Ort?

Die japanische Bevölkerung ist von den Ereignissen am 11. März 2011 tiefgreifend traumatisiert. Es war nicht nur eine furchtbare Katastrophe bei der viele Menschen ihr Leben gelassen haben, sondern auch eine Katastrophe, die noch viel mehr Menschen ihr Lebensumfeld und ihre Existenz dauerhaft genommen hat. Das menschliche Leiden fängt weit vor dem Tod an.

Nach wie vor sind über 100.000 Menschen evakuiert. Die Regierung versucht, sie davon zu überzeugen, in einzelne Bereiche zurückzukehren, da die Kompensierung der Evakuierten sehr viel Geld kostet. Aber die große Mehrheit möchte nicht zurück.

Wie hat sich die Einstellung der Menschen in Japan gegenüber Atomkraft geändert?

Nach dem Unglück gab es in Japan Massendemonstrationen, in der japanischen Kultur eine unübliche Form des Protestes. Acht Millionen Menschen haben in einer Petition ein atomfreies Japan gefordert. Das ist wahrscheinlich die größte Unterschriftensammlung der japanischen Geschichte.

Müssen wir uns vor neuen Katastrophen fürchten oder geben erhöhte Sicherheitsvorkehrungen genug Sicherheit?

Wir haben die Lektionen vergangener Unglücke nicht gelernt. Die meisten Atomkraftwerke lassen sich nur begrenzt nachrüsten. Das Durchschnittsalter der Reaktoren in der Welt liegt bei etwa 30 Jahren. Damals hatten wir eine andere technologische Welt. Man muss sich nur mal ein 30 Jahre altes Auto anschauen, da kann man zwar die Reifen wechseln, die Karosserie bleibt aber dieselbe. Eine neue Gefahr ist durch die dramatische finanzielle Situation der Betreiberunternehmen entstanden. Hochverschuldete Unternehmen, die Risikoanlagen betreiben, das kann nicht gesund sein. Auch neue Atomkraftwerke lassen sich nicht 100 Prozent sicher machen. Es lässt sich nicht nachweisen, dass die Freisetzung von großen Mengen Radioaktivität unter jeder Bedingung verhindert werden kann — im Zeitalter von Massenterrorismus schon gar nicht.

Über Mycle Schneider:

Mycle Schneider ist als Energie- und Atompolitikberater tätig und lebt bei Paris. Der 57-jährige berät Politiker, Institutionen und Nichtregierungsorganisationen. Seine Arbeit bildet die Grundlage zahlreicher Berichterstattungen in den Medien. Zudem ist er Mitverfasser und Herausgeber des jährlichen "World Nuclear Industry Status Report", eine Trendanalyse der weltweiten Atomindustrie.

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