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Die Autorin

Felicitas Junginger

Felicitas Junginger (23)
studiert Philosophie und Geschichte

Porträt
"Kinder leiden besonders"

29.04.2016 |

Manche leben noch dort, wo es strahlt: Kinder und Jugendliche leiden besonders unter den Folgen der Atomkatastrophe von Fukushima. Ein Projekt in Deutschland klärt auf und macht Hilfsaktionen bekannt. Gründerin Petra Alt will vor allem den Jüngsten helfen.

Petra Alt auf einer Anti-Atom-Kundgebung vor dem Wirtschaftsministerium in Tokyo

Petra Alt (li.) mit einer japanischen Bekannten auf einer Anti-Atom-Kundgebung vor dem Wirtschaftsministerium in Tokyo – © privat

Fünf Jahre ist es her, dass die Atomkatastrophe von Fukushima die Menschheit schockierte. Ein Projekt in Deutschland möchte den tragischen Folgen entgegenwirken, unterstützt zum Beispiel Hilfsaktionen für Kinder und Jugendliche vor Ort. Einer der Menschen hinter dem Projekt ist Petra Alt. Die 47-Jährige hat lange in Japan in einer Gemeinschaftspraxis für Allgemeinmedizin gearbeitet. Noch heute hat sie dort viele Freunde – und sie beherrscht die japanische Sprache fließend.

Katastrophe aus der Ferne

Mittlerweile lebt Patra Alt schon seit 20 Jahren wieder in Deutschland, verbringt aber regelmäßig einige Wochen im Jahr in Japan. Lange Zeit war das für sie einfach nur Urlaub, doch das hat sich geändert. Denn 2011 kam es in Fukushima zur Katastrophe. Was damals genau passierte, ist bis heute nicht ganz klar. Ein sehr starkes Erdbeben und/oder ein darauf folgender Tsunami führten dazu, dass die interne Notstromversorgung eines Atomkraftwerks ausfiel und die Reaktoren nicht mehr gekühlt werden konnten. In Deutschland hat das Ereignis letzten Endes die endgültige Abkehr von der Atomenergie bewirkt. Petra Alt entschloss sich damals, eine Webseite ins Leben zu rufen, die sich mit der atomaren Katastrophe auseinandersetzt: antiatom-fuku.de.

Kinder und Jugendliche leiden besonders

Sie kooperiert mit japanischen Partnern, die sie mit Neuigkeiten über die aktuelle Lage im Land versorgen. Finanziert wird die Webseite von ihr allein. Die Hilfsprojekte, die vorgestellt werden, laufen über andere Organisationen, mit denen sie in Verbindung steht.

Vor allem Kinder und Jugendliche aus Fukushima und Umgebung leiden unter den Folgen der Katastrophe. "Kinder und Jugendliche sind noch im Wachstum, haben somit eine schnellere Zellteilung im Körper als Erwachsene. Deshalb sind Kinder viel empfindlicher", erklärt Petra Alt. Körperzellen mit einer raschen Zellteilung entarten bei Strahlungsbelastung schneller. Während Schwangerschaften kann es zu Missbildungen der Babys kommen. Krebserkrankungen bei Kindern und Jugendlichen wie Schilddrüsenkrebs und Leukämie können die Folge sein.

Ende 2015 hat die japanische Regierung zum ersten Mal bestätigt, dass ein früherer Kraftwerks-Angestellter wahrscheinlich aufgrund der radioaktiven Strahlung nach der Kernschmelze an Krebs erkrankt ist. Darüber, ob der Vorfall die Häufigkeit von Schilddrüsen-Erkrankungen bei Kindern erhöht hat, streiten Forscher allerdings nach wie vor.

Evakuierungen wären notwendig

Durch Spenden können Jugendliche aus der Umgebung des Unglücksortes an Jugendreisen teilnehmen. Auch die stellt Petra Alt auf ihrem Portal vor. Besonders beliebt sind die Reisen nach Okinawa, erzählt Alt, wo die Kinder sich für eine kurze Zeit erholen können. Okinawa ist Japans südlichste Präfektur und umfasst mehrere Inselgruppen. In stressfreier Umgebung sollen die Kinder mit Bewegung und gesunder Ernährung ihre Abwehrkräfte stärken.

Doch eine langfristige Lösung sei das nicht, meint Alt. Eine bessere Gesundheitsvorsorge und die sofortige Evakuierung aus den radioaktiv verseuchten Gebieten sei nötig. Dazu gehörten vor allem auch jene Gebiete, die laut der Regierung "unbedenklich" sind, zum Beispiel Fukushima-City oder Koriyama, sagt Petra Alt. Auch eine angemessene Entschädigung der Betroffenen solle gezahlt werden, sowie Hilfe und Unterstützung bei der Wohnraum- und Arbeitsuche der Evakuierten.

"Druck aus dem Ausland ist extrem wichtig"

Im März 2012 begann Alt damit, Nachrichten aus Japan zu übersetzen und Hilfsorganisationen in Deutschland auf ihrer Seite vorzustellen. Sie sprach mit Mitarbeitern des Atomkraftwerkes von Fukushima. Sie reiste sogar nach Japan, um Strahlenmessungen durchzuführen. Das alles, um die Menschen hier für die Folgen der Katastrophe zu sensibilisieren und das inzwischen fünf Jahre zurückliegende Ereignis weiter ins Gedächtnis zu rufen.

"Der Druck aus dem Ausland ist extrem wichtig für die Situation in Japan", sagt sie und hat auch eine Antwort auf die Frage, warum sich die japanische Bevölkerung nicht stärker gegen Atomenergie ausspricht: "Die Regierung und die Stromkonzerne reden den Leuten ein, dass die Abschaltung der Atomkraftwerke zu Stromengpässen oder sogar zu einem totalen Blackout führt." Das, meint Alt, glauben zwar immer weniger Japaner, dennoch sprächen sie sich nicht offen für einen Atomausstieg aus – aus Angst, damit nicht der Norm zu entsprechen oder sogar Probleme mit ihrem Arbeitgeber zu bekommen. In den entsprechenden Ecken des Internets aber, erzählt Petra Alt, seien mittlerweile auch die Menschen in Japan freier in ihrer Meinungsäußerung.

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