Inhalt

 

Der Autor

Philipp Westphal 68x68

Philipp Westphal (18)
ist Schüler

Unter der Erde
Zu Besuch im Atommüll-Lager

03.08.2016 |

Autor Philipp war dort, wo tausende Fässer mit Atommüll lagern. In fest verschlossenen Kammern beherbergt das ehemalige Salzbergwerk Asse schwach- bis mittelradioaktive Abfälle. Und so einfach können die auch nicht umgebettet werden.

Ein Schaufelbagger lädt Fässer in einer Höhle ab.

Nachdem der Bagger diese Fässer 1975 abgeladen hatte, wurden die Höhlen verschlossen und bis heute nicht mehr geöffnet. Niemand weiß, wie es jetzt dort aussieht. – © Bundesamt für Strahlenschutz

Fast 500 Meter in knapp 60 Sekunden: Der Förderkorb bewegt sich rasend schnell. Ich bekomme Druck auf die Ohren. Dann kommt der Korb zum Stehen. Ich befinde mich im Bergwerk Asse, "unter Tage" wie Fachleute sagen. Die Schachtanlage ist ein ehemaliges Salzbergwerk in Niedersachsen, das auch als Forschungsbergwerk genutzt wurde. Zwischen 1967 und 1978 wurden hier in 125.787 Fässern 46.930 Kubikmeter radioaktive Abfälle eingelagert. Sie lagern dort noch immer in meterdick umschlossenen Kammern.

Das Salz in der Suppe

Bevor ich das Gelände des Asse-Schachtes überhaupt betreten habe, ging ich deshalb in die "Info Asse": Eine Ausstellung in einem Gebäude des Bundesamtes für Strahlenschutz, einige Meter entfernt vom Betriebsgelände. Hier schaute ich mir Animationen, Filme, Bilder und Texte an, um erste Eindrücke zur Asse zu sammeln. Dazu sprach ich mit Frank Ehrlich, einem Mitarbeiter des Bundesamtes für Strahlenschutz, über verschiedene Themen der Asse. Er berichtete zum Beispiel, dass in der Schachtanlage bereits seit 1909 Kalisalz abgebaut wurde. Jedoch nur bis 1925. Es wurde zum Beispiel zur Produktion von Düngemitteln verwendet. Steinsalz wurde ab 1916 gefördert und unter anderem als Speisesalz verkauft. Der Abbau endete 1964.

Im Jahr 1965 ging die Anlage in Bundesbesitz über und wurde vom Bundesforschungsministerium betrieben. Im Auftrag des Ministeriums wurden dort die Fässer mit dem radioaktiven Abfall eingelagert. Mit der Erforschung und Einlagerung wurde das heutige Helmholtz Zentrum München (damals: Gesellschaft für Strahlenforschung) beauftragt.

Gerüstet für den Ernstfall

Neben einer geschichtlichen Einführung habe ich auch eine Sicherheitseinweisung bekommen. Für meinem Besuch bekomme ich deshalb einen Helm, Sicherheitsschuhe, Hose, Hemd und Unterwäsche (Feinripp mit Eingriff). Außerdem habe ich mir ein Dosimeter umgeschnallt. Es zeigt die Dosis an Radioaktivität an, die ich dort unten abbekomme. Das wird nach meinem Besuch ausgelesen. Auch ein Sauerstoff-Selbstretter gehört zu Ausstattung – ein kleines Atemschutzgerät für Not-Situationen.

Kuschelige 35 Grad

Voll ausgerüstet verlasse ich den Förderkorb und spüre langsam auch die Hitze. Wegen der Erdwärme und den laufenden Maschinen ist es nämlich über 35 Grad Celsius warm. Ausgestiegen sehe ich auf der rechten Seite mehrere Teile liegen: Zerlegte Röhren und andere Betriebsabfälle. Zudem ist ein Raum zu sehen, abgetrennt durch ein Gitter, wo jede Menge Kabel rauskommen. Immer wieder kann ich hier unten sehen, wie Kabel an der Decke oder den Wänden verlaufen. Sie werden für Strom für Licht und Maschinen und als Datenkabel für verschiedene Messgeräte benötigt.

Nach etwa 20 Metern zu Fuß ist auf der linken Seite ein großes gelbes Tor vor uns – eine sogenannte Wetterschleuse oder Wettertor. Sie regelt die Frischluftversorgung in der Grube. Nachdem wir sie passiert haben, gelangen wir zu einem weiteren Lager. Dort wartet ein Auto auf uns, mit dem wir uns in den nächsten zwei Stunden fortbewegen werden. Genau wie alles andere hier ist auch das Auto mit dem rasend schnellen Aufzug nach unten gelangt.

20 Liter kontaminiertes Wasser am Tag

Unser erster Halt ist an einem großen Auffangbecken für das Wasser, welches durch Risse in das Bergwerk eintritt. Dieses Zutrittswasser ist aktuell eines der zwei größten Probleme des Bergwerks. Durch Risse und Klüfte dringt es in das System aus Schächten und Sohlen ein, also in die senkrecht und waagerecht verlaufenden ehemaligen Abbaukammern. Täglich sind es rund 12.500 Liter. Etwa 20 Liter werden davon nach Auskunft des Bundesamts für Strahlenschutz kontaminiert. Diese werden wie Atommüll behandelt und an verschiedenen Stellen in 750 Metern Tiefe gesammelt. Dort lagert der Großteil der radioaktiven Abfälle in elf der insgesamt 13 Einlagerungskammern. Also knapp 250 Meter tiefer als dort, wo ich meinen Ausflug unter Tage begonnen habe. Eine weitere Kammer befindet sich in 725 Metern Tiefe und noch eine weitere auf 511 Metern. In letzterer lagert ausschließlich mittelradioaktiver Müll.

Risse sind ein großes Problem

Für die Sicherheit der Einlagerungskammern ist auch die Bewegung des Bergs entscheidend und die gefährdet auch die Stabilität des Grubengebäudes – das zweite große Problem. Beim großen Auffangbecken sehe ich, dass Risse kontrolliert und beobachtet werden.

Um reagieren zu können, bevor Probleme entstehen, ist es wichtig über Veränderungen in der Schachtanlage auf dem Laufenden zu sein. Deshalb finde ich auf der gesamten Tour überall Messgeräte, die beispielsweise die Erdbewegung, Feuchtigkeit oder Radioaktivität überwachen. Sollte nämlich zu viel Wasser eintreten oder die Gänge gar nicht mehr stabil sein, ist auch die Bergung nicht mehr möglich. Deshalb sammelt man dauerhaft Informationen, wie der Zustand der Schachtanlage sich ändert, um möglichst gut darauf zu reagieren.

Kammern sind fest verschlossen

Beide Probleme (Wassereintritt und Risse) haben dazu geführt, dass die Asse stillgelegt werden soll. Die radioaktiven Abfälle aus der Schachtanlage sollen zurückgeholt und die Schachtanlage stillgelegt werden. Das hat der Bundestag im Februar 2013 beschlossen. Die Lex Asse, das "Gesetz zur Beschleunigung der Rückholung radioaktiver Abfälle und der Stilllegung der Schachtanlage Asse II", ist am 24. April 2013 in Kraft getreten. Allerdings sind die Kammern so fest verschlossen, dass niemand weiß, wie es aktuell darin aussieht. Mithilfe von Bohrungen sollen Kammern erkundet, geöffnet und erste der darin gelagerten Abfälle testweise geborgen werden.

Eine endgültige Bergung der Fässer wird wahrscheinlich wegen des Aufwandes und der hohen Vorsicht nicht vor 2033 stattfinden. Dann müssen die Fässer noch eine Weile zwischengelagert werden, bevor sie endgültig umziehen. Derzeit steht für die Abfälle aus der Asse kein Endlager zur Verfügung.

Strahlenbelastung: negativ

Mein Besuch unter Tage ist nach zwei Stunden beendet. Bevor ich wieder an die Oberfläche kann, muss ich mich noch auf Kontamination scannen lassen. Bei mir zeigt das Gerät nichts an, obwohl es bereits bei geringen Werten ausschlagen würde, zum Beispiel wenn man zuvor zum Untersuchen der Schilddrüse ein Kontrastmittel gespritzt bekommen hat. Wie ich unter die Erde gelangt bin, so komme ich auch wieder ans Tageslicht: mit einem Korb. Diesmal über den Schacht Asse 4.

Kommentare

 
 

Dein Kommentar



Artikel bewerten: