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Die Autorin

Leonie Ameis 68x68

Leonie Ameis (16)
ist Schülerin

Kommissions-Vorsitzender
"Sorgfalt ist wichtiger"

03.08.2016 |

Die Endlagerkommission gibt Empfehlungen für die Suche nach einem deutschen Atommüllendlager. Nun muss es nur noch gefunden werden. mitmischen-Autorin Leonie sprach mit Michael Müller, einem der Vorsitzenden der Kommission darüber, wann es ein Endlager geben wird und was bis dahin mit dem Müll passiert.

Michael Müller

Michael Müller hält nichts von einem Endlager-Standort Gorleben. – © PR

Die Endlager-Kommission hat im Juli dem Bundestag ihren Abschlussbericht überreicht. Über welchen Punkt im Bericht haben Sie in der Kommission am meisten diskutiert?

Über den umstrittenen Standort Gorleben*, um den es in den letzten drei Jahrzehnten besonders harte Konflikte zwischen Staat und Antiatombewegung gab. Heute geht es nicht nur um den Standort, sondern auch um die Fähigkeit, Fehler einzugestehen und zu korrigieren. Ich bedauere, dass die Kommission keine eindeutig ablehnende Aussage zu Gorleben gemacht hat, also ein klares "Nein". In der Kommission wurden beide Positionen vertreten, aber die Kommission als Ganzes schließt Gorleben als Endlagerstandort nicht aus.

Gorleben soll also bei der Endlagersuche mit einbezogen werden?

Ich werde weiterhin alles dafür tun, dass das nicht passiert. Alles andere wäre ein schwerer Rückschlag, wir hätten uns die Kommission ersparen können. Ich finde, diese Region ist durch die Auseinandersetzungen um die Atomenergie historisch so belastet und obendrein darf man nicht alles auf eine Region konzentrieren, alle vier Endlagerstandorte sind in Norddeutschland in einer relativen Nähe zueinander.

Das Bundesamt für Strahlensicherheit rechnet frühestens 2050 mit einer betriebsbereiten Endlagerstätte. Was halten Sie von der Einschätzung?

Naja. Wir befinden uns in einem Spannungsfeld zwischen Sorgfalt und Bürgerbeteiligung einerseits und Eile andererseits. Im Zweifelsfall sind für mich Sorgfalt und Bürgerbeteiligung wichtiger. Insofern ist für mich ein etwas späterer Start zwar nicht egal, doch eher zweitrangig.

Sie haben bestimmt von dem weltweit ersten genehmigten Endlager gehört, das jetzt in Finnland in Planung ist? Was halten Sie davon?

Ich war im letzten Jahr in Olkiluoto. Die finnische Atompolitik muss auch vor dem Hintergrund des Bestrebens gesehen werden, von Russland unabhängig zu werden. Das finnische Beispiel taugt aus meiner Sicht nicht als Beispiel für uns. In Finnland hat der Betreiber von zwei Atomkraftwerken und einem dritten, das seit langer Zeit schon in Betrieb gehen sollte, eine Halbinsel und will dort bis zu 6.000 Tonnen Atommüll einlagern. Die Kupferbehälter sollen, umgeben mit einer Betonitbarriere, in Kristallingestein gelagert werden. Eine endgültige Eignung wird im Zuge der Einlagerung entschieden. Es gab in Finnland kaum Proteste, in der Nähe wohnen in erster Linie gut bezahlte Beschäftigte der Kraftwerke. Der örtliche Gemeinderat stimmte einmal mit klarer Mehrheit für das Endlager, manche Bewohner sind weggezogen. Für Deutschland kann ich mir nicht vorstellen, dass ohne eine intensive Erkundungsphase und ohne eine dauerhafte Bürgerbeteiligung so etwas gemacht wird. Insofern ist das finnische Beispiel für uns kein gutes Beispiel.

Was wird bei uns bis zur Fertigstellung der Endlager mit den Abfallstoffen gemacht?

Die werden in Zwischenlagern bleiben. Der Gesetzgeber muss entscheiden, ob er die heute existierenden Zwischenlager belassen oder den Müll vielleicht in drei oder vier Zwischenlagern konzentrieren will. Das ist eine Entscheidung, die ansteht. Die Alternative ist eine Verlängerung der Genehmigung heutiger Zwischenlager, die Anfang der 2040iger Jahre auslaufen – also zu einem Zeitpunkt, an dem wir noch kein Endlager haben.

Die Arbeit der Kommission sollte möglichst transparent gestaltet werden. Auch Bürger konnten sich einbringen. Wie wurde das angenommen und umgesetzt?

Die Kommission, die von Bundestag und Bundesrat eingesetzt wurde, hat in bisher einzigartiger Weise ihre Arbeit transparent gemacht und dokumentiert. Auch die Sitzungen aller Arbeitsgruppen wurden protokolliert, es gibt über alle Sitzungen eine Fernsehaufzeichnung, die Kommission hat rund zehn öffentliche Beteiligungsveranstaltungen gemacht und in den Arbeitsgruppen engagierte Bürger und Jugendbotschafter beteiligt. Das entscheidende Problem ist natürlich, dass zum Thema Endlager ein richtiges Interesse erst dann einsetzt, wenn ein konkreter Standortvorschlag gemacht wird.

Wie geht es für Sie weiter, nachdem die Arbeit der Kommission abgeschlossen ist?

Ich werde hoffentlich viele andere Dinge machen können. Ich will mich endlich mit etwas befassen, dass eng mit der Themenstellung der Kommission verbunden, auch wenn es nicht direkt erkennbar ist: der Umgang mit der Organisation der Zeit. Dazu plane ich, wenn es klappt, ein Theaterstück zu machen. Denn ich finde, wie wir heute mit Zeit umgehen, ist ein permanenter Anschlag auf die Zukunft.

* Gorleben in Niedersachsen ist seit Jahrzehnten als Endlager für Atommüll im Gespräch. Es gibt dort in einem Salzstock ein Erkundungsbergwerk, wo die Eignung als Endlager erforscht wird. Die Eignung des Salzstocks ist stark umstritten, manche Experten halten Salz generell für ungeeignet. Ebenfalls seit Jahrzehnten gibt es in und um Gorleben immer wieder massive Proteste gegen ein mögliches Endlager.

Über Michael Müller:

Michael Müller ist 1948 in Bernburg an der Saale geboren. Er absolvierte eine Ausbildung zum Stahlbauer, später studiert er Ingenieurswesen, Betriebswirtschaft und Sozialwissenschaft. 1966 trat er der SPD bei und war zwischen 1972 und 1978 stellvertretender Bundesvorsitzenden der Jusos. Zwischen 1983 und 2009 war Müller Mitglied des Deutschen Bundestages, zuletzt 2005 bis 2009 Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesumweltministerium. In den letzten beiden Jahren war er Ko-Vorsitzender der Endlagerkommission.

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