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Benedikt Gradl (24)
besucht die katholische Journalistenschule ifp München

Netzausbau
Der weite Weg zur langen Leitung

08.05.2015 |

Der Strom kommt aus der Steckdose? Ja und nein. Denn bevor ihr ihn zum Laden von Handy oder Laptop nutzen könnt, legt er einen weiten Weg zurück – und zwar bald verstärkt unterirdisch.

Ein Vorsicht, gefahr!-Schild vor einem Feld mit Strommast

Damit Strom aus erneuerbaren Energien von Nord nach Süd transportiert werden kann, brauchen wir Stromtrassen in Deutschland. – © dpa

Wie funktioniert die Stromversorgung in Deutschland? Und braucht es dafür Strommasten oder lässt sich der sogenannte "Netzentwicklungsplan" auch mit unterirdischen und damit "unsichtbaren" Erdverkabelungen umsetzen? Einen Gesetzentwurf, der genau dies erleichtern soll, hat die Bundesregierung jetzt eingebracht. Aber warum brauchen wir überhaupt mehr Kabel?

Atomkraft adé

Über viele Jahre galt die Atomenergie als sauber und effizient. Doch nach dem Unglück in dem japanischen Kernkraftwerk Fukushima im März 2011 beschloss die Bundesregierung den Atomausstieg: Bis 2020 sollen alle Atomkraftwerke in Deutschland abgeschaltet sein und der Strom verstärkt aus sogenannten "Erneuerbaren Energien" gewonnen werden. Hierzu zählen: Wind- und Wasserkraft, Energie aus Biomasse und Erdwärme sowie Stromerzeugung durch Sonnenenergie mithilfe von Photovoltaik-Anlagen. Das 2010 verabschiedete Energiekonzept der Bundesregierung legt für 2030 fest, dass 30 Prozent des Energieverbrauchs aus erneuerbaren Energien kommen soll.

E.ON, Vattenfall und Co – das macht ein Netzbetreiber

Das Stromnetz, über das der Strom von den Kraftwerken in die Haushalte und zu den Unternehmen gelangt, gehört den Übertragungsnetz- und Verteilnetzbetreibern.

Die Übertragungsnetzbetreiber sind – flapsig gesprochen – die mit der langen Leitung. Das sind die Betreiber der Hochspannungsleitungen. Sie transportieren den Strom in großen Mengen und über weite Strecken. Das deutsche Übertragungsnetz ist 35.000 Kilometer lang und in vier sogenannte Regelzonen aufgeteilt. Die vier deutschen Übertragungsnetzbetreiber sind 50Hertz, Amprion, TenneT und Transnet BW.

Und was ist mit E.ON, Vattenfall und all den anderen bekannten Stromfirmen? Das sind die oben erwähnten Verteilnetzbetreiber. Sie bringen den Strom von den Hochspannungsleitungen zum Endkunden.

Nord-Süd Gefälle – was gibt's wo?

Viel wurde in den vergangenen Monaten und Jahren über eine große Stromtrasse von Norden nach Süden diskutiert. Aber warum? Im Norden wird viel Strom produziert und soll bald noch mehr produziert werden, und zwar durch die immer stärker wachsende Windkraft-Stromerzeugung. Im Süden Deutschlands wird viel Strom verbraucht, weil dort große energiehungrige Industrieunternehmen ansässig sind – mehr als durch die Erneuerbaren Energien dort erzeugt werden könnte. Denn lange Zeit hatte man sich hier auf die Atomstrom-Versorgung verlassen, diese fällt nun weg.

Der Effekt wird durch das EEG – das Erneuerbare-Energien-Gesetz – noch verstärkt. Das Gesetz, dass seit dem Jahr 2000 dafür sorgen soll, dass der sogenannte Ökostrom gefördert wird, hat sich gewandelt. So werden zum Beispiel Photovoltaik-Anlagen ab einer gewissen Anlagengröße nicht weiter gefördert, Offshore-Windparks, also Felder von Windrädern auf dem Meer, dagegen schon. Also muss der Windstrom aus dem Norden mittels einer großen Stromleitung in den Süden: die sogenannte Windstromleitung oder SuedLink. Das sieht zumindest der Netzentwicklungsplan vor.

Netzentwicklungsplan – wo stehen wir?

Im Rahmen des Atomausstiegs und der damit einhergehenden Energiewende wurden die vier Übertragungsnetzbetreiber beauftragt, einen sogenannten Netzentwicklungsplan zu erstellen. Also einen Plan, der den Bedarf an Hoch- und Höchstspannungsleitungen in Deutschland festhält. Dem eigentlichen Netzentwicklungsplan wird der „Szenariorahmen" vorgeschaltet, also ein Plan, der in drei möglichen Szenarien darstellt, welche Veränderung bei der Stromerzeugung in den nächsten 10 bis 20 Jahren zu erwarten sind und wie das Leitungsnetz dahingehend angepasst werden muss. Ist der Szenariorahmen von der Regierung bewilligt, wird der eigentliche Netzentwicklungsplan entwickelt.

Schaut man sich den aktuellen, beschlossenen Szenariorahmen an, fallen darin drei dicke lila Linien auf. Drei sehr lange Hochspannungsleitungen vom Norden in den Süden Deutschlands. Diese sollen die Lösung sein, mit der das Nord-Süd-Gefälle ausgeglichen werden kann. Die längste von ihnen ist die SuedLink mit rund 800 Kilometern. Laut Plan soll sie bis 2022 fertig sein. Momentan läuft die Planungs- und Genehmigungsphase.

Koalition: Kabel in der Erde vergraben

Ein aktueller Gesetzentwurf, den die Bunderegierung eingebracht hat, soll Planern und Behörden mehr Möglichkeiten geben, Erdkabel unter bestimmten Voraussetzungen auf Pilotstrecken zu testen.

"Eine verstärkte Erdverkabelung ist ein zentrales Element zur Erhöhung der Akzeptanz und erleichtert den erforderlichen Netzausbau", begründete Karl Holmeier (CDU/CSU) bei der Plenardebatte am 24. April 2015 den Gesetzentwurf. Und auch Koalitionskollege Johann Saathoff (SPD) sagt: "Wer die Energiewende will, muss auch den Leitungsausbau wollen." Er forderte dazu auf, den Netzausbau so zu gestalten, dass er von den Bürgern mitgetragen wird und betonte: Mit Blick auf Gesundheit, Landschaftsbild und Tourismus sowie Werterhalt von Grundstücken sprechen viele Argumente für Erdkabel.

Die Grünen und Linken sind dafür

Auch die Linken sehen den Aspekt des "Landschaftsschutzes" positiv. Eva Bulling-Schröter verweist allerdings unter anderem auf "40 Tonnen schwere Kabelrollen, die irgendwie zur Baustelle im sensiblen Gebiet gelangen müssen."

Die Grünen fordern eine Erweiterung der Erdverkabelung und nicht nur die Beschränkung auf einzelne Pilotstrecken. Oliver Krischer: "Man kann die Erdverkabelung nicht auf Pilotstrecken beschränken. Das kann man den Menschen nicht erklären."

Der Gesetzentwurf wird nun in den zuständigen Ausschüssen beraten.

Kommentare

 

Jogi schrieb am 08.05.2015 21:57

Super Artikel! Gut erklärt!

 

 

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