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Die Autorin

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Maxi Köhler (19)
studiert Soziologie und Politik.

Recycling
"Alle müssen ran"

03.04.2019 |

Eine komplette Revolution brauche es gar nicht, um uns aus dem Müllchaos zu befreien, meint Michael Ludden, Chef eines Recyclingunternehmens. Wir müssten nur unseren Umgang und die Art von Kunststoff überdenken, erklärt er im Interview. Maxi hat mit ihm gesprochen.

Michael Ludden, Geschäftsführer von sutco Recycling

Müssen wir bald Steuern für unseren Müll zahlen? Das fordert Michael Ludden. Er leitet ein Recyclingunternehmen. – © Ludden/ LM Group

Herr Ludden, sind die Meere vor lauter Müll noch zu retten?

Ich glaube schon, dass sie noch zu retten sind. Und zwar durch ordentliche Abfallwirtschaft an Land. Mir ist vor allem wichtig, dass wir Lösungen finden, die schnell umsetzbar sind. Natürlich gibt es auch Ideen, bei der Seeschifffahrt anzusetzen (einiges von dem Müll im Meer stammt von Schiffen). Aber dann würde man in internationales Seerecht eingreifen und müsste mit den Vereinten Nationen zusammenarbeiten. Kurz gesagt: Es wäre sehr kompliziert würde extrem lange dauern.

Studien zufolge haben Deutsche den höchsten Plastikverbrauch in ganz Europa. Wie kann das sein?

Man sollte mit solchen Zahlen vorsichtig sein. Wir zeichnen in Deutschland einfach sehr genau auf, welchen Verbrauch wir haben. In anderen Ländern ist das nicht so. Daher bezweifle ich, dass wir in Deutschland wirklich den höchsten Plastikverbrauch haben. Das ändert aber grundsätzlich nichts daran, dass wir zu viel entsorgen.

Und was sollte dagegen getan werden?

Man müsste mehr recyceln. Das erreicht man durch eine sortenreine Mülltrennung. Dabei ist es nötig, dass wir sinnvolle Sammelstrukturen haben: Man sollte dem Bürger das Mülltrennen so einfach wie möglich machen.

In Deutschland gibt es je nach Region drei bis fünf verschiedene Mülltonnen, in vielen anderen europäischen Ländern wird vom Bürger selbst kaum getrennt. Ist es nicht sinnvoller, die Trennung nach der Sammlung technisch durchzuführen?

Ich halte drei verschiedene Tonnen für durchaus notwendig. Eine Tonne für Organik, also Kompost, eine Tonne für trockenen Wertstoff, zum Beispiel Verpackungsabfälle und eine Reststofftonne, zum Beispiel für Kehrricht, Windeln, Feuchttücher, Abfälle die nicht recycelbar sind. Außerdem brauchen wir weiterhin Bring-Systeme für Papier, Glas und Schrott, also Sammelpunkte, an denen jeder diese Art von Abfall entsorgen kann.

Reine Wertstofftonnen können sehr einfach recycelt werden. Schwierig ist es bei sogenannten Multi-Layer-Stoffen also eine Kombination zum Beispiel aus verschiedenen Kunststoffen. Sie werden oft zum Schutz von Lebensmitteln verwendet und um sie haltbar zu machen. Diese können nur sehr schwer erkannt werden.

In einem Expertengespräch im Bundestag sprachen Sie davon, dass Steuern helfen könnten, Abfall zu reduzieren. Was meinen Sie damit?

Die Aufbereitung von Hausmüll kostet Geld, und es ist extrem schwer, mit Abfallwirtschaft Gewinne zu machen. Über Steuern sollte deshalb Geld von außen in das System fließen. Ich stelle mir das so vor, dass in Zukunft die Recyclingfähigkeit der Multi-Layer-Stoffe bewertet wird. Wenn der Stoff eine schlechte Recyclingfähigkeit hat, wird eine Steuer erhoben. Multi-Layer-Stoffe sollten nur da eingesetzt werden, wo es unbedingt notwendig und nicht zu vermeiden ist.

In dem Expertengespräch sagten Sie auch, dass in Deutschland Recycling gut funktioniere, anderswo nicht. Woran liegt das?

Das Problem ist, dass Recyclinganlagen wenig Gewinn erwirtschaften. In Entwicklungs- und Schwellenländern funktioniert das deshalb nicht. Folien fliegen einfach in der Gegend herum, niemand sammelt sie auf, weil diese Sekundärrohstoffe wertlos sind. Genau diese Folien landen dann in Flüssen und anschließend im Meer. Abfallwirtschaft ist eine übergreifende Sache, da müssen Banken, die Gesellschaft und der Staat zusammenarbeiten. Für Wertstoffe sollte meiner Meinung nach die Privatwirtschaft zuständig sein und für die Reststoffe kommunale Unternehmen.

In Deutschland wird zwar schön säuberlich getrennt, aber immer noch ein großer Teil des Mülls "thermisch verwertet", also verbrannt.

Das ist ein sehr schwieriges Thema. Im Abfall von Gewerbebetrieben gibt es viele Stoffe, die gut brennen, auch Wertstoffe, die man eigentlich recyceln könnte. Aber es ist teuer, sie zu recyceln, deshalb gehen Unternehmen den günstigen Weg und verbrennen die Stoffe. Deshalb finde ich, dass thermische Verwertung teurer gemacht werden sollte.

Die Grünen fordern, dass die Bundesregierung mehr gegen Müll tun sollte. Konkret wollen sie den Müllexport nach Asien stoppen und den Plastikverbrauch durch Abgaben und mehr Recycling mindern. Halten Sie das für sinnvoll?

Ich stimme auf jeden Fall zu, dass man den Müllexport nach Asien stoppen muss, genau wie das Verschicken von Elektroschrott nach Afrika. Jedes Land sollte sich um seinen eigenen Müll kümmern.

Allerdings wird Kunststoff in der aktuellen Debatte sehr negativ dargestellt. Wir haben untersucht, dass beispielsweise Papiertüten als Alternative zu Plastiktüten nicht unbedingt ökologischer sind. Kunststoffe müssen gut recycelt werden und wir haben viele Anlagen zur Kunststoffverwertung. Natürlich müssen wir unser System weiterentwickeln, aber ich bin dagegen, ein Parallelsystem zu etablieren, zum Beispiel mit bioabbaubaren Kunststoffen. Ich bin für eine Evolution bei den Kunststoffen, nicht aber für eine Revolution.

Kann jeder Einzelne etwas tun oder sollte die Initiative für die von Ihnen genannte Evolution der Abfallwirtschaft von der Politik ergriffen werden?

Alle Beteiligten müssen ran. Jeder Einzelne kann privat Müll trennen. Der Staat muss etwas tun, damit sich das Recyclingsystem verbessert. Und die Verpackungsindustrie muss sich ebenfalls neue Strategien überlegen. Ich weiß aus Gesprächen mit großen Verpackungsfirmen, dass sie ihre Recyclingquote teilweise auf mehr als das dreifache von ihrer heutigen Quote erhöhen werden. Und der Verbraucher muss dann vor dem Supermarktregal natürlich auch die richtige Entscheidung treffen, welches Produkt mit welcher Verpackung er kauft. Es ist noch viel zu tun, aber es ist auch vieles möglich.

Über Michael Ludden:

Michael Ludden ist Geschäftsführer des Recyclingunternehmens Sutco Recycling Technik GmbH. Dort werden Abfälle wie beispielsweise Haushaltsabfälle, Verpackungsabfälle und Kunststoffe recycelt. Im Februar wurde er als Experte zu einem Fachgespräch des Ausschusses für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit zum Thema "Schutz der Weltmeere" eingeladen.

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