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Die Autorin

Alina Frechen 68x68

Alina Frechen (23)
studiert Angewandte Sprachwissenschaften im Master

Naturschützer
"Zuletzt bei Rotkäppchen"

28.02.2018 |

Er ist Wolf-Fan: Gabriel Schwaderer arbeitet für die Stiftung Euronatur und hat Ideen, wie das Raubtier und der Mensch miteinander klarkommen können. Was er tun würde, wenn er einem Wolf begegnet, das hat ihn Alina gefragt.

Mann schaut in die Kamera.

Dass ein Wolf einen Menschen angreift? Sehr unwahrscheinlich, sagt Gabriel Schwaderer. – © Euronatur

Was würden Sie tun, wenn Sie einem Wolf begegneten?

Erst den Atem anhalten und mich unglaublich freuen, dass es mir möglich ist, so ein tolles Wildtier in der Natur zu sehen. Danach würde ich dann einen Luftsprung machen.

Was würden Sie allen anderen raten?

Das ist eine hypothetische Situation, weil der Wolf uns wahrscheinlich viel früher entdecken würde als wir ihn – und das Weite sucht. Falls nicht, sollte man ruhig bleiben, ihn nicht anstarren oder auf ihn zugehen, sondern sich langsam zurückziehen. Im Prinzip die gleichen Verhaltensweisen wie bei einem Hund, dem man auf der Straße begegnet.

Sind wir durch den Wolf bedroht?

Grundsätzlich geht für Menschen von gesunden Wölfen keine Bedrohung aus. In den letzten hundert Jahren gab es keinen dokumentierten Angriff eines gesunden Wolfes auf Menschen in Europa. Salopp könnte man sagen, dass der letzte Bericht über ein menschliches Wolfsopfer das Märchen Rotkäppchen ist.

Der Wolf war bei uns nahezu ausgerottet. Wie konnte zurückkehren, obwohl wir kaum große Wälder haben?

Wölfe sind sehr anpassungsfähig und können auch in vom Menschen geprägten Landschaften leben. Dass sie sich wieder ausgebreitet haben, war ein natürlicher Prozess ohne unser Zutun. In Deutschland wanderte der Wolf beispielsweise aus Polen nach Brandenburg und Sachsen ein.

Vor allem Viehbesitzer sind verunsichert und haben schon Tiere an Wölfe verloren. Was raten Sie ihnen zum Schutz ihrer Herde?

Es ist ein sehr wichtiges Thema, wie Viehhalter ihre Herden gegen Wolfsangriffe schützen können. Wir Menschen haben uns daran gewöhnt, dass in unseren Landschaften keine Beutegreifer mehr leben, die Nutztiere reißen. Wir haben vergessen, wie wir Viehherden schützen können. In Gebieten mit einem stabilen Wolfsvorkommen helfen Elektropferche oder Herdenschutzhunde.

Wenn Wölfe erstmalig in eine Region einwandern, sind die Menschen verunsichert. Es ist wichtig, dass die Behörden schnell handeln und Pläne zur Hand haben, um Viehbesitzer zu unterstützen. Ohne Herdenschutz lassen sich Risse, also tödliche Übergriffe auf Nutztiere, nicht vermeiden, aber es ist wichtig, dass Viehhalter die Kosten nicht alleine tragen müssen. Wir von Euronatur sehen in der Agrarförderung (zum Beispiel EU-Zahlungen an Landwirte) eine Möglichkeit, die Kosten zu decken.

Einige Fraktionen fordern im Bundestag, die Wolfspopulation zu regulieren: Was halten Sie davon?

Regulierung heißt Abschuss – und genau das könnte nach hinten losgehen. Ein Rudel ist ein Familienverband aus Alttieren, Halbstarken und Welpen. Diese Familie ist bei der Jagd aufeinander angewiesen. Ein erschossenes Tier fehlt bei der Nahrungssuche. Das Restrudel hat es schwerer bei der Beutetierjagd, greift dann auf Nutztiere zurück.

In Sachsen hat eine Bürgerinitiative gerade mehr als 18.000 Unterschriften gesammelt. Sie verlangt einen einfacheren Abschuss von Wölfen. Lassen sich die Forderungen von Betroffenen und Naturschützern überhaupt unter einen Hut bringen?

Die bisherigen Vorschläge führen nicht zur Problemlösung. Bestimmte Gebiete wolfsfrei zu halten oder Bestand zu reduzieren, das ist in der Praxis kaum umsetzbar. Wir müssen uns entscheiden: Entweder arrangieren wir uns mit den Wölfen oder wir rotten sie ein weiteres Mal aus, weil wir keine Wölfe in unserer Landschaft haben wollen.

Aktuell ist der Wolf durch Naturschutzgesetze des Bundes und der EU geschützt. Was würde die Senkung des Schutzstatus für den Wolf bedeuten?

Eine Aufhebung des Schutzes würde bedeuten, dass der Wolf gejagt werden dürfte und die Gefahr der erneuten Ausrottung besteht.

Auch von "Problemwölfen" ist die Rede. Was kann man sich darunter vorstellen?

Meine Interpretation ist, dass man bei "Problemwölfen" von Tieren ausgeht, die in Siedlungen gehen oder Nutztiere reißen. Wölfe meiden Siedlungen nicht per se, es gibt Berichte aus Rumänien, wo Wölfe ohne Konflikte durch Großstädte laufen. Kritisch wird es, wenn ein Wolf in Ställe eindringt oder eine Krankheit wie etwa Tollwut hat. Um zu verstehen, wieso sich ein Wolf so verhält, braucht es Experten, die das Tier beobachten und entscheiden, was zu tun ist. Jeden Wolf, der ein Schaf gerissen hat, als "Problemwolf" zu töten, führt dazu, dass Wölfe sich in Deutschland nicht ausbreiten können.

Über Gabriel Schwaderer:

Gabriel Schwaderer (49) ist Diplom-Geograph und arbeitet seit 1987 bei Euronatur. Geschäftsführer der Stiftung ist er seit 1998. Diese setzt sich für Wölfe und die europäischen Lebensräume von Bären, Luchsen und Zugvögeln ein.

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