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Die Autorin

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Lou Antoinette Godvliet (18)
Psychologiestudentin aus Wuppertal

Hilfe für Geschädigte
Schluss mit "Selbstbedienung"

28.02.2018 |

Schafe, Ziegen oder Pferde zu schützen, daran mussten sich die Sachsen erst wieder gewöhnen. Das Kontaktbüro "Wölfe in Sachsen" berät Nutztierhalter und hilft ihnen, eine Entschädigung zu bekommen. Lou wollte wissen, was Wölfe vom Reißen abhält.

Schafherde läuft am Elektrozaun vorbei.

Elektrozäune und Herdenhunde bieten Schutz vor Wölfen. – © dpa/picture alliance

Eigentlich wild auf Wild

Bis zu 80 Zentimeter hoch und 40 Kilo schwer: Diese Maße können (männliche) Wölfe bei uns haben. Damit sind sie die größten Raubtiere aus der Familie der Hunde. Auch wenn sie eigentlich vom Erbeuten von Huftieren wie Hirschen oder Rehen leben, können sie bei Haltern von Schafen oder Ziegen einen gewaltigen Schaden anrichten.

Absolute Ausnahme: Haustiere

Nutztierriss heißt das, wenn sich Wölfe über Vieh hermachen. Meistens sind Schafe oder Ziegen betroffen, seltener Gatterwild (Rot- und Damhirsche) oder Rinder, in Einzelfällen auch Pferdefohlen oder Alpakas. Knapp über 1.000 Tiere fielen 2016 laut der Dokumentations- und Beratungsstelle des Bundes (DBBW) dem Wolf zum Opfer.

In absoluten Ausnahmen kommen auch Haustiere durch Wölfe zu Schaden. So können Hunde von Wölfen als Artgenossen und Konkurrenz wahrgenommen werden. "Bisher sind uns nur zwei solcher Fälle in Sachsen bekannt", erklärt Philipp Kob vom Kontaktbüro "Wölfe in Sachsen". Diese Fälle hätten sich allerdings in einem Gebiet ereignet, das bereits seit etwa 20 Jahren als Wolfsgebiet gilt.

Anlaufstelle in Sachsen

Das Kontaktbüro ist seit 2004 die offizielle Anlaufstelle zum Thema Wolf für die Bevölkerung und Medien in Sachsen. Seit etwa 1998 gibt es in dem Bundesland wieder Wölfe. Nachdem die Tiere bei uns eigentlich ausgestorben waren, wanderten die ersten nachweislich aus dem Osten Polens ein und gründeten 2000 das erste deutsche Rudel. Inzwischen leben zum Beispiel in Sachsen und Brandenburg schon mehrere Wolfsrudel, während Schleswig-Holstein nur vereinzelt von Wölfen durchstreift wird. Insgesamt lebten in Deutschland laut DBBW im Jahr 2016/17 60 Rudel, 14 Wolfspaare und 3 sesshafte Einzeltiere (Kenntnisstand Februar 2018).

Schutz vor Wölfen

Die Mitarbeiter des Kontaktbüros halten Vorträge in sächsischen Gemeinden und gehen mit Schulkindern in den Wald. Sie sollen nicht nur mehr über die Natur und den Lebensraum der Wölfe erfahren, sondern auch lernen, was sie tun können, wenn sie einem Wolf begegnen.

Aber das Kontaktbüro ist auch wichtige Anlaufstelle für Geschädigte, also Menschen, die durch einen Wolf Nutztiere verloren haben. "Wenn der Wolf nachweislich als Verursacher identifiziert oder zumindest nicht ausgeschlossen werden kann, können die Tierhalter eine Kompensationszahlung erhalten", erklärt Kob. Die Tierhalter bekommen also Geld vom Freistaat Sachsen für die Verluste und Schäden, die nachweislich Wölfe bei ihnen verursacht haben. Die Aufgabe des Kontaktbüros ist es, Kontakt zu den Wolfsbeauftragten der Landratsämter herzustellen, die für die Vor-Ort-Begutachtung zuständig sind.

Hunde und Elektrozäune

Dafür müssen aber einige Anforderungen erfüllt sein. Darunter fällt zum Beispiel ein sofortiges Melden des Schadens beim Landratsamt, sodass dieses innerhalb von 24 Stunden nach der Meldung einen Gutachter schicken kann. Der Gutachter schaut dann zum Beispiel, ob die getroffenen Schutzmaßnahmen den Mindestanforderungen entsprechen. Das sind zum Beispiel Elektronetzzäune mit einer Höhe von mindestens 90 Zentimetern. Durch den Schmerzreiz bei Elektrozäunen wird der Wolf abgewehrt und lässt von dem Versuch, die Tiere zu reißen, in aller Regel ab.

"Selbstbedienungsladen"

Diese Schutzmaßnahmen scheinen zu wirken, denn: "Trotz der Ausbreitung der Wölfe im Freistaat Sachsen ist die Anzahl der Übergriffe nicht exponentiell gestiegen", erklärt der 28-jährige Forstwissenschaftler. Das bedeutet, dass die Übergriffe langsamer ansteigen als die Wolfspopulation wächst. Absolut betrachtet steigen mit zunehmender Ausbreitung der Wölfe auch die Übergriffe, können aber durch wirksame Schutzmaßnahmen auf ein verträgliches Maß reduziert werden. "Hundertprozentigen Schutz kann es allerdings nicht geben", so Kob.

Maximal finden pro Jahr und pro Wolfsterritorium, also einem Revier von einem oder mehreren Wölfen, vier Übergriffe statt. Im Jahre 2006 gab es in Sachsen nur drei Wolfsterritorien. 2016 waren es bereits 19 Territorien, davon 14 von Rudeln bevölkert und fünf von Paaren. Wenn die Menschen sich nicht entsprechend vorbereiteten und ihre Tiere schützten, sei das für Wölfe wie ein "Selbstbedienungsladen", so Kob. Deshalb gibt es in Sachsen seit 2009 einen "Managementplan für den Wolf".

Drei Säulen

Der Plan besteht aus drei Säulen: Herdenschutz, Öffentlichkeitsarbeit und Forschung/Monitoring. Rechtlich zuständig für den Schutz und das sogenannte Management des Wolfes sind die Landkreise Sachsens. Im Bereich Öffentlichkeitsarbeit unterstützt das Kontaktbüro. "Wir wollen wertfrei und unpolitisch über den Wolf informieren und publizieren", beschreibt Philipp Kob.

Bei der dritten Säule kommt das LUPUS Institut für Wolfsmonitoring und Wolfsforschung in Deutschland ins Spiel, das sich auch um Beobachtung, Dokumentation und Forschung zum Wolf in Sachsen kümmert. Mithilfe dieser Fakten kann beispielsweise der Herdenschutz verbessert werden.

Angst wächst

Übrigens gibt es in Deutschland bislang keine Fälle von Wolfs-Übergriffen auf Menschen. Trotzdem wächst die Angst. Mit zunehmender Ausbreitung der Wölfe nehmen auch Wolfssichtungen und -begegnungen zu. Manche Menschen haben den Eindruck, dass die Wölfe ihre Vorsicht vor dem Menschen verlieren. Deshalb wurde vergangenes Jahr in der Lausitz die "Bürgerinitiative Wolfsgeschädigter und besorgter Bürger" gegründet. Die Lausitz umfasst den Süden Brandenburgs und den Osten Sachsens. Die Bürgerinitiative fordert unter anderem, dass der Wolfsbestand begrenzt wird. Eine Petition mit mehr als 18.000 Unterschriften wurde im Februar an den sächsischen Landtagspräsidenten überreicht.

Extreme und Kompromisse

Naturschützer, Nutztierhalter, Jäger, Förster, Anwohner – bei dem Thema Wolf gehen die Meinungen sehr weit auseinander: Tierrechtler, die fordern, dass dem Wolf Menschenrechte eingeräumt werden, Gegner, die die Tiere am liebsten wieder ausrotten möchten. Sehr viele Positionen bewegen sich auch dazwischen. Als Freizeitjäger sieht Kob auch die positiven Effekte von Wölfen. Viele Waldbewohner ernähren sich – im Gegensatz zum Wolf – von den Pflanzen und Bäumen. Dadurch entstehen Schäden, die durch den Wolf indirekt verringert werden können. Auf diesen Effekt hoffen beispielsweise einige Jäger. Viele unterschiedliche Interessen, die aufeinander prallen. Philipp Kob zieht sein Fazit: "In Sachsen zeigen wir aber, dass es vereinbar ist, wenn man die Nutztiere entsprechend schützt."

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