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Can Deniz Yildiz (21)
studiert European Law in Maastricht

Beispiele
Dort zahlen Fahrgäste nichts

19.03.2018 |

Kostenloser Nahverkehr, damit mehr Menschen das Auto stehen lassen? Can hat sich für euch umgeschaut, wie das funktionieren kann. Einige Beispiele aus aller Welt.

Junge Menschen sitzen in einem Stadtbus von Tallinn.

In Tallinn (Estland) fahren die Einwohner kostenlos mit Bus uns Bahn. – © picture alliance / ZUMAPRESS.com

Tallinn (Estland)

Einwohnerzahl: 430.000

Zeitraum: Der kostenlose ÖPNV wurde 2013 eingeführt.

Was ist kostenlos? Alle gemeldeten Einwohner der estnischen Hauptstadt dürfen den kompletten Nahverkehr kostenlos nutzen. Die Fahrgäste müssen lediglich einmalig eine Chipkarte für zwei Euro kaufen. Auch Touristen können diese Chipkarte nutzen. Allerdings müssen sie die Karte vorab mit Geld aufladen. Eine Tageskarte kostet dann drei Euro.

Finanzierung: Als Folge dieser Maßnahme meldeten sich seit April 2012 16.000 neue Einwohner mit ihrem Hauptwohnsitz in Tallinn an, darunter viele Pendler und Studenten. Dies führte zu mehr Steuereinnahmen, die nach Auskunft der Stadt die Kosten für den kostenlosen öffentlichen Nahverkehr decken.

Da das Angebot ist im Gegensatz zu anderen Städten jedoch nur für die Bürger der Stadt kostenlos ist, hat Tallinn auch weiterhin fünf Millionen Euro Einnahmen jährlich durch den Verkauf von Fahrkarten an Touristen.

Auswirkungen: Das Ziel, die Mobilität von Arbeitslosen und Niedriglöhnern zu erhöhen, wurde in Tallinn erreicht. Das Ziel, Autofahrern öffentliche Verkehrsmittel schmackhaft zu machen, erreicht das Tallinner Projekt jedoch nicht. Zu diesen Ergebnissen kommt eine Studie der Technischen Universität in Delft (Niederlande).

Hasselt (Belgien)

Einwohnerzahl: 74.500

Zeitraum: Der kostenlose ÖPNV wurde 1997 eingeführt, 2013 jedoch wieder abgeschafft.

Was war kostenlos? Das gesamte Stadtbusnetz konnte bis 2012 kostenlos genutzt werden. Seit 2013 kostet ein Ticket 50 Cent pro Fahrt. Alle Kinder bis zum Alter von 19 Jahren fahren bei Vorlage des sogenannten kostenlosen "Buzzy Pazz" auch heute noch entgeltfrei.

Finanzierung: Die Kosten wurden zu 75 Prozent von der flämischen Regionalregierung und zu 25 Prozent von der Stadt Hasselt getragen. Dies entsprach etwa ein bis zwei Prozent des Stadtbudgets. Die Kosten stiegen jedoch von rund 275.000 Euro im Jahr 1997 auf über 1,75 Millionen 2012. Auch weil immer weniger teure Parkplätze in der Innenstadt durch Autofahrer genutzt wurden und somit eine wichtige Einnahmequelle fehlte, führte die Stadt die Gebühr für den ÖPNV wieder ein.

Auswirkungen: Mit der Einführung des kostenlosen ÖPNV wechselten 16 Prozent der ehemaligen Autofahrer, 12 Prozent der Fahrradfahrer sowie 9 Prozent der Fußgänger auf den Bus. Die Zahl der jährlichen Nutzer stieg entsprechend von 350.000 im Jahr 1997 auf über 4 Millionen in 2012. Die Stadt verweist darüber hinaus auf den sozialen Faktor: Die Stadt sei zu einem "Treffpunkt" in der Region geworden, außerdem gewann Hasselt durch diesen Schritt an Bekanntheit über Ländergrenzen hinweg. Seit der ÖPNV nicht mehr kostenlos ist, fahren aber auch wieder mehr Menschen mit dem Auto.

Templin (Deutschland)

Einwohnerzahl: 16.455

Zeitraum: Der Nahverkehr war von 1998 bis 2002 komplett kostenlos. Seit 2003 kann man das gesamte Stadtbusnetz mit der sogenannten "Jahreskurkarte" für 44 Euro im Jahr nutzen.

Was war kostenlos? Der gesamte Nahverkehr von Templin, das sind allerdings nur zwei Hauptlinien und zwei Nebenlinien.

Finanzierung: Die Stadt Templin muss den fahrscheinfreien Nahverkehr finanziell selbst stemmen. Die Kosten können nicht durch Einnahmen aus der "Jahreskurkarte" gedeckt werden. Zudem sind die Kosten von 24.000 Euro im Jahr 1998 auf 115.100 Euro im Jahr 2010 gestiegen. Darum muss nun wieder bezahlt werden.

Auswirkungen: Die Fahrgastzahlen sind von 41.360 im Jahr 1997 auf über 600.000 im Jahr 2001 gestiegen. Dabei sind etwa 25 Prozent der neuen Fahrgäste vom Auto auf den ÖPNV umgestiegen. Aber es gab auch interessante Nebeneffekte: Bei Regen fuhren die Kinder aus Langeweile eben Bus, Männergruppen mit Bierkästen mitunter auch.

Aubagne (Frankreich)

Einwohnerzahl: 45.000

Zeitraum: Der kostenfreie ÖPNV wurde 2009 eingeführt.

Was ist kostenlos? Das gesamte Stadtbusnetz des Unternehmens "Autobus aubagnais" kann kostenfrei genutzt werden. Zudem ist eine Straßenbahn in Planung, die auch kostenfrei sein soll.

Finanzierung: Eine Besonderheit des Aubagne-Modells ist die ausschließlich auf Beiträgen von Arbeitgebern basierende Finanzierung des öffentlichen Personennahverkehrs. Die Unternehmenssteuerpauschale "Taxe Versement Transport", zu Deutsch etwa: Verkehrsfinanzierungssteuer, wurde von 0,45 Prozent auf 1,05 Prozent der Bruttolohnmasse erhöht, was in absoluten Zahlen 2,2 Millionen Euro zusätzliche Einnahmen bedeutet. Davon wird der Nahverkehr finanziert, der Fuhrpark erneuert sowie am Straßenbahnnetz gearbeitet.

Auswirkungen: Als unmittelbare Folge des Nulltarifs stiegen die Fahrgastzahlen innerhalb von acht Monaten um durchschnittlich 62 Prozent auf allen Strecken. Besonders beliebte Strecken hatten sogar bis zu 90 Prozent mehr Fahrgäste.

Melbourne (Australien)

Einwohnerzahl: 4,72 Millionen

Was ist kostenlos? Die Stadt Melbourne bietet einen eingeschränkten kostenlosen ÖPNV an. Die Nutzung der Straßenbahn ist innerhalb eines bestimmten Gebiets in der Innenstadt kostenlos.

Finanzierung: Da der restliche ÖPNV in Melbourne nicht kostenlos ist, wird auch der kostenlose Streckenabschnitt regulär über Fahrkarten finanziert.

Missoula (Minnesota, USA)

Einwohnerzahl: 72.000

Zeitraum: Das Projekt wurde 2015 initiiert und läuft bis heute.

Was ist kostenlos? Die sogenannte "Mountain Line" ist für alle Nutzer kostenlos.

Finanzierung: In den USA wird das Konzept als "Zero Fare" bezeichnet. Das bedeutet, dass der kostenlose Nahverkehr im Unterschied zu den europäischen Beispielen aus Beteiligungen privater Partner finanziert wird. So sind beispielsweise die University of Missoula, die City of Missoula und das Einkaufszentrum "Southgate Mal" beteiligt.

Auswirkungen: Im Jahr der Einführung ist die Zahl der Fahrgäste bereits um 350.000 gestiegen. Das selbstgesetzte Ziel der Stadt ist ein Anstieg um 45 Prozent beziehungsweise 400.000 Fahrgäste. Ein weiteres erklärtes Ziel ist die Verbesserung der Lebensqualität in Missoula. Interessant ist auch der Gedanke, dass die Kosten für den Verkauf von Fahrkarten, wie Fahrkartenmaschinen in den Bussen oder der Druck der Fahrkarten nicht mehr anfallen.

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