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Die Autorin

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Lou Antoinette Godvliet (18)
Psychologiestudentin aus Wuppertal

Friedensforscher zu Mali
"Nichts aufzwingen"

06.12.2017 |

Lou (18) hat einen Friedensforscher nach dem Bundeswehreinsatz in Mali gefragt. Dr. Hans-Georg Ehrhart über korrupte Politiker, Flüchtlingsströme und Schmuggelrouten.

Dr. Hans-Georg Ehrhart ist der Meinung, dass Mali zu lange durch eine rosarote Brille betrachtet wurde. – © privat

Herr Dr. Ehrhart, worum geht es bei dem Konflikt in Mali?

Es handelt sich dabei um verschiedene Gruppierungen, die zum Teil als terroristisch bezeichnet werden, die aber zum Teil auch durchaus legitime Ziele verfolgen. So beispielsweise Tuareg Gruppierungen, die zunächst einen autonomen Staat namens Azawad – das ist der nördliche Teil Malis – forderten und nun mehr Autonomie wollen. Andere Gruppen sind islamistisch orientiert und möchten ihre Ideologie durchsetzen. Zudem ist das Ganze noch vermischt mit organisierter Kriminalität, da alt bekannte Schmuggelrouten durch Mali führen.

Gibt es denn Bemühungen zwischen den Gruppen, die Konflikte zu beenden?

Es gibt Gruppierungen, die sogar schon einen Friedensvertrag abgeschlossen haben. Das Problem sind aber die, die das Friedensabkommen nicht unterzeichnet haben. Außerdem formieren sich die Gruppen immer wieder um und gehen neue Koalitionen ein. Eigentlich braucht man zur Befriedung eines Gewaltkonflikts alle Beteiligten, um eine gemeinsame Lösung zu finden. Aber bestimmte Gruppen werden gar nicht erst zu den Friedensverhandlungen eingeladen, weil sie eben als terroristisch gelten.

Sind Friedensverträge in der Praxis tatsächlich wirksam oder nur von symbolischer Bedeutung?

Der 2015 abgeschlossene Friedensvertrag ist insofern wirksam, dass er die verschiedenen Gruppen an einen Tisch gebracht hat. Man hat sich darauf geeinigt, die Waffen niederzulegen. Es ist also nicht nur symbolisch – allerdings auch nicht sehr wirksam, weil eben einige Konfliktparteien fehlen. Und auch die Gruppen, die mitmachen, halten sich nicht immer an diesen Friedensvertrag.

Was würde geschehen, wenn derzeit keine ausländischen Truppen in Mali aktiv wären?

Die malische Regierung würde versuchen, mit den Gruppen zusammen zu arbeiten, bei denen es möglich ist. Das hat schon vor Jahrzehnten so funktioniert, dass die malische Regierung (im Süden) sich nicht um den Norden kümmert. Sie unterstützt einige Gruppierungen und versucht, andere gegeneinander auszuspielen, wobei sie auch selbst partiell an den kriminellen Geschäften beteiligt ist.

Was wäre zusätzlich zu militärischem Engagement notwendig, um die Lage langfristig unter Kontrolle zu bekommen?

Die internationale Gemeinschaft muss die Infrastruktur des vernachlässigten Nordens aufbauen. Vor allem muss auch der malische Staat aktiv werden und im Norden präsent sein, um eine Mindestversorgung der Bevölkerung zu gewährleisten.

Wie stehen dafür die Chancen?

Ich habe mal von einem Experten gelesen, dass es Jahrzehnte dauern würde. Das müsste bedeuten, dass die internationale Gemeinschaft, ob es die UNO, die EU oder afrikanische Organisationen sind, sich über diesen Zeitraum hinweg engagiert. Und ich wage zu bezweifeln, dass das passiert.

Und wie sollten Deutschland und die EU ihrer Meinung nach dann zukünftig vorgehen?

Grundsätzlich sollte die Entwicklungshilfe gestärkt und gegen die Korruption in der politischen Klasse in Mali vorgegangen werden. Es wäre sinnvoll, vor allem die Zivilgesellschaft in Mali zu fördern. Auch eine Modernisierung des Verwaltungsapparates ist notwendig. Man muss sich die Frage stellen, ob nicht zu viel in den militärischen statt in den zivilgesellschaftlichen Bereich investiert wird.

Hat der Einsatz des EU-Militärs in Mali etwas mit der gewollten Verringerung von Migration zu tun?

Mali ist ein ganz wichtiger Transitraum für Migration (Anm. d. Red.: wird von Ausländern durchquert). Bis vor kurzem hat das keine Rolle gespielt, aber seitdem wir die Flüchtlingskrise hier selbst erleben, gibt es Aussagen, die Migration als Grund für das Engagement in Mali anführen. Daran können wir erkennen, dass manchmal Gründe nachgeschoben werden.

Was kann man tun, damit Krisensituationen wie in Mali in anderen Ländern gar nicht erst entstehen oder schneller gelöst werden?

Von außen lässt es sich nur schwer verhindern. Eine langfristige entwicklungspolitische Perspektive und Krisenprävention wären sinnvoll. Die internationale Gemeinschaft verliert nach einiger Zeit das Interesse und wendet sich neuen Konfliktgebieten zu. Deshalb sind nachhaltige Entwicklungshilfe, Bildungsförderung und Wirtschaftsförderung, die auch auf die lokalen Verhältnisse zugeschnitten wurden, wichtig.

Mali galt mal für afrikanische Verhältnisse als eine relativ stabile Demokratie. In puncto Wirtschaft, Menschen- und Frauenrechte, Gesundheitssystem und Verwaltung rangiert das Land eher unter den Schlusslichtern – wie passt das zusammen?

Mali ist lange durch eine rosarote Brille betrachtet worden. Man hat aber übersehen, dass es eigentlich ein korruptes System mit einer Scheindemokratie gewesen ist. Das Land hat natürlich unter den immer schlechter werdenden ökonomischen und ökologischen Verhältnissen gelitten. Aber auch die Intervention in Libyen, die dazu geführt hat, dass viele Tuareg-Kämpfer mit ihren Waffen zurückkamen und sich den malischen Aufständigen angeschlossen haben, setzte Mali zu. Es ist ein ganz komplexes Bündel von Ursachen, die zu dem Konflikt beigetragen haben.

Welche Lehren ziehen Sie daraus?

Man sollte eine richtige Wirtschaftspolitik und Unterstützung an notwendigen Stellen anstreben, und keine ideologisch verengten Wirtschaftskonzepte – wie zum Beispiel eine freie Marktwirtschaft – aufzwingen. Maßgeschneiderte Konzepte müssen her.

Gibt es auch andere Länder in der Region, die Gefahr laufen, in eine solche Krise zu rutschen?

Im Grunde ist die ganze Sahelzone gefährdet. Die Staaten dort haben sich zum Teil aber auch zusammengetan und werden von der G5 Sahel Initiative gefördert. Da geht es darum, dass Gelder für die Stärkung des Militärs zur Verfügung stehen, um besser gegen die terroristische Bedrohung vorgehen zu können. Man will sie also dazu befähigen, dass sie mit den Problemen selber fertig werden.

Über Dr. Hans-Georg Ehrhart:

Der 62-jährige Dr. Hans-Georg Ehrhart wohnt mit seiner Frau in Wedel bei Hamburg. Er studierte Politische Wissenschaften, Soziologie und Philosophie in Bonn. 1986 promovierte er zum Thema „Die deutsche Frage aus französischer Sicht" und arbeitet seit mittlerweile 28 Jahren als wissenschaftlicher Referent am Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik (IFSH) an der Universität Hamburg.

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