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Die Autorin

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Ronja Baerecke (25)
studiert Medienmanagement.

Soldat
Leben im Camp

06.12.2017 |

Der Einsatz in Mali gilt als die derzeit gefährlichste Auslandsmission der Bundeswehr. Doch wie fühlt sich das vor Ort an? Ronja hat sich mit einem Offizier der Luftwaffe unterhalten, der in dem afrikanischen Land eine Aufklärungsdrohne steuert.

Bundeswehrblauhelmsoldat

Im Auftrag der UN unterwegs: die Bundeswehr in Mali – © dpa

Der erste Eindruck damals: heiß. Im westafrikanischen Mali herrschen das ganze Jahr über mindestens 30 Grad. Eine ganz schöne Herausforderung für Christian Müller*. Der Oberstleutnant war bereits zweimal im Camp Castor stationiert, in der Nähe der malischen Stadt Gao. In dem von den Vereinten Nationen (UN) geführten Camp arbeiten momentan fast 1.000 deutsche Soldaten.

Mission: Frieden sichern

Der Bundeswehr-Einsatz in Mali gilt als der derzeit gefährlichste Auslandseinsatz der Bundeswehr. Die Soldaten, die seit 2013 vor Ort sind, sollen als Teil einer UN-Friedensmission dabei helfen, im Norden des Landes ein Friedensabkommen zwischen Rebellen und der Regierung abzusichern. Da das Mandat der Bundeswehr Ende des Jahres ausläuft, beantragte die Bundesregierung kürzlich beim Bundestag die Zustimmung zur Verlängerung der Mission bis 30. April. Bis dahin sollte es eine neue Bundesregierung geben, die alles weitere entscheiden kann.

Sprengfallen im Sand

Über 11.000 ausländische Soldaten sind in Mali im Einsatz, vor allem im Norden des Landes. Ihre Mission nennt sich MINUSMA (Mission multidimensionelle integrée des Nations Unies pour la stabilisation au Mali). Oberstleutnant Müllers Aufgabe in Mali ist die Aufklärung, das Beschaffen von Informationen aus der Luft. Der 53-Jährige gehört zum sogenannten Taktischen Luftwaffengeschwader 51 "Immelmann" in Schleswig-Holstein. Mit fünf ähnlichen Einheiten bildet es mit den Kampfflugzeugen Eurofighter und Tornado den fliegerischen Kern der Luftwaffe.

Drohnen steuern

In Mali hat Müller von einem Kontrollraum aus unbemannte Luftfahrzeuge, also Drohnen, gesteuert und die Umgebung erkundet. Bis zu 400 Kilometer kann die Aufklärungsdrohne Heron 1 zurücklegen. "Unsere Aufgabe liegt vor allem darin, die Infanterie, also die Bodentruppen, zu unterstützen und zu sichern", erzählt Müller, während er in einem Fliegeranzug vor mir sitzt. Es gebe vor Ort keine guten Straßen und oft seien weite Strecken purer Sand. Hier verstecke sich die Gefahr. "Wenn wir Minen oder Sprengfallen aus der Luft erkennen, können wir die Kameraden frühzeitig warnen."

Manchmal auch landestypische Musik

Ich frage Müller, wie Soldaten auf einen solchen Einsatz vorbereitet werden. Er habe vorher eine vierwöchige Zusatzausbildung absolviert, berichtet mein Gesprächspartner. "Die Informationen, die wir im Rahmen der Ausbildung erhalten, sind eher allgemein, zum Beispiel was passiert, wenn ein Trupp angegriffen wird, welche Gefahren gibt es und wie kann man sich am besten schützen", sagt er, "wichtig sind allerdings auch die spezifischen Details über Land, Leute und Kultur. Manchmal wird sogar landestypische Musik vorgespielt." Doch natürlich sei es etwas ganz anderes, das erste Mal vor Ort zu sein. Die Menschen seien größtenteils wirklich dankbar für die Hilfe, die sie von der UN bekommen und wüssten die Anwesenheit zu schätzen.

Nomaden und Islamisten

Der Konflikt in Mali hat eine lange Geschichte. Das Land ist ungefähr viermal so groß wie Deutschland, ein Großteil davon ist Wüste, vor allem der Norden des Landes. Hier leben arabisch geprägte Nomaden, die bekanntesten sind die Tuareg. Der Süden um die Hauptstadt Bamako dagegen ist schwarzafrikanisch geprägt. Die Nomaden im Norden und die Leute im Süden (90 Prozent der Bevölkerung) sind sich traditionell seit Jahrhunderten spinnefeind.

Unübersichtliche Lage

Die Tuareg rebellieren immer wieder gegen die Zentralregierung, weil sie sich benachteiligt fühlen. Zuletzt taten sie das 2012. Damals überrannten sie den Norden, die Regierung im Süden brach zusammen. Islamisten nutzten die Gunst der Stunde und verdrängten die Tuareg. Die Lage ist unübersichtlich, manchmal kooperieren beide Parteien auch. Auf Bitten der malischen Regierung schickte Frankreich in der Krise Soldaten und brachte die Situation einigermaßen unter Kontrolle. Mit einem Friedensabkommen sollte der Konflikt zwischen der neuen Regierung und verschiedenen Rebellengruppen beigelegt werden. Doch der Frieden ist brüchig, immer wieder kommt es zu islamistischen Anschlägen.

Benzin aus der Flasche

Der Kontakt zur Zivilbevölkerung gehört mit zu der internationalen Friedensmission, deshalb sind viele hohe Stellen bei der UN ebenfalls durch Zivilisten besetzt. Bis zu 3.000 Fachkräfte sind dabei im Einsatz. Die Menschen seien Deutschen gegenüber sehr aufgeschlossen und freundlich, sagt Müller. "Wenn die Truppen in ein Dorf kommen, werden sie vom Dorfältesten oder Bürgermeister begrüßt, herumgeführt und dann wird zusammen Tee getrunken. Obwohl die Menschen nicht viel haben, sind sie sehr gastfreundlich", erzählt der Oberstleutnant. Viele würden kleine Motorräder als Fortbewegungsmittel benutzen, es gebe an den Straßen Mini-Tankstellen, kleine Stände mit Flaschen, in denen der Sprit sei. Auch habe er deutsche Autos gesehen, hauptsächlich Mercedes 190.

Soldaten aus 50 Staaten

Im Camp in Gao stellen die Deutschen heute den größten Anteil. Sie arbeiten besonders mit ihren Kameraden aus den Niederlanden, aber auch mit Soldaten aus anderen Nationen eng zusammen. Insgesamt sind bei der Mission Soldatinnen und Soldaten aus 50 Staaten vertreten. "Es ist wirklich spannend, wenn so viele Nationen auf einem Fleck gemeinsam im Einsatz sind", so Müller.

Zum Feierabend "Knight Rider"

Und was macht man zum Feierabend, wenn man in Mali stationiert ist? Abzuschalten sei dort ganz anders als in Deutschland, erzählt der Soldat. Einer der Drähte nach Hause ist das Bundeswehr.tv, bei dem Nachrichten aus der Heimat, Filme oder Serien wie "Knight Rider" gezeigt werden. Ansonsten habe er vor allem beim Sport abgeschaltet. "Die meisten unserer Zelte sind klimatisiert, da kann ich dann gut Sport machen und mich auch mal fallen lassen. Es gibt extra zwei Fitnesszelte mit Laufbändern und anderen Trainingsgeräten." Der Kontakt zu seiner Frau und seinen Kindern ist Müller auch im Einsatz sehr wichtig. "Bei meinem ersten Auslandseinsatz 1995 hatte ich noch mein erstes Prepaid Handy. Heute geht das natürlich viel einfacher und wir haben im gesamten Lager WLAN, so dass wir jederzeit skypen oder whatsappen können", beschreibt der 53-Jährige die Situation.

Erste Erfolge sichtbar

Langfristig wünscht sich der Oberstleutnant Demokratie, Unabhängigkeit und mehr Wohlstand für das gebeutelte Land. "Unser Ziel ist es, die verfeindeten Gruppierungen einander näher zu bringen und, dass die ansässige Regierung das Land unabhängig und selbstständig führen kann", sagt er. Erste Erfolge seien schon sichtbar: Die Gruppen lassen sich teilweise schon jetzt militärisch und politisch einbinden. Müller: "Sie bemühen sich, zusammenzuarbeiten."

* Auf Wunsch des Protagonisten hat die Redaktion seinen Namen geändert.

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