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Kolja68x68

Kolja Richter (16)
ist Schüler in Berlin

Juniorwahl
So hättet ihr entschieden

29.09.2017 |

Was wäre, wenn Deutschlands Schüler den Bundestag gewählt hätten? Bei der Juniorwahl hatten sie jetzt die Möglichkeit zur Probeabstimmung. Kolja war dabei. Hättet ihr mit diesem Ergebnis gerechnet?

Jugendliche und Politiker auf dem Plenum.

Auf dem Podium: Politiker von sechs Parteien präsentieren sich den Schülern des Lilienthal-Gymnasiums in Berlin, alle kandidieren sie für den Bundestag. – © Jonas Geue

Jugendliche Interviewe

Dennis und Kris sitzen mit vorne und stellen die Fragen der Schüler. – © Jonas Geue

Interview Mann Jugendlicher.

Kolja war bei der Juniorwahl vor Ort und hat auch Florian Bublys, Lehrer am Lilienthal-Gymnasium, gefragt, warum er die Aktion unterstützt. – © Jonas Geue

Wahlkabinen im Klassenzimmer

Nach der Diskussion geht es in die Wahlkabinen - dafür werden kurzerhand Klassenzimmer umfunktioniert. – © Jonas Geue

Schon von draußen höre ich laute Stimmen aus dem Backsteingebäude des Lilienthal-Gymnasiums in Berlin-Lichterfelde. Es ist ein Dienstagvormittag, eigentlich müsste um diese Zeit Unterricht sein. Aber es sind nur noch wenige Tage bis zur Bundestagswahl und die Schüler mit dem Schwerpunkt Politik haben die Möglichkeit, mit Berliner Bundestagskandidaten über aktuelle Fragen zu diskutieren.

Im Anschluss daran dürfen sie wählen. Am Ende werden fast alle rund 600 Schüler des Gymnasiums ihre Stimme abgegeben haben. Dabei sind die meisten von ihnen noch gar nicht volljährig. Aber gerade darum geht es bei der Juniorwahl: In einer Art Spiel ohne Folgen für die echte Abstimmung soll Politik für Jugendliche erlebbar werden.

Eine Million Jugendliche dabei

Seit 1999 richtet der Verein Kumulus aus Berlin, der zum Beispiel auch hinter dem Wettbewerb "Jugend debattiert" steckt, die Juniorwahl aus. Als Ergänzung zur Bundestagswahl wählen dort knapp eine Million Jugendliche ab der siebten Klasse.

In den Wochen vor der Juniorwahl gehen die Politiklehrer die verschiedenen Parteien und ihre Programme mit ihren Schülern durch. Statt einer Klausur steht am Ende der Unterrichtseinheiten die Abstimmung. In diesem Jahr haben sich über 3.400 Schulen beteiligt, eine Rekord, wie die Veranstalter vermelden. Eine dieser Schulen ist das Lilienthal-Gymnasium, wo die Diskussion auf dem Podium inzwischen in vollem Gange ist.

Alle wollen rein

Gekommen sind Vertreter von sechs Parteien: Thomas Heilmann (CDU), Ute Finckh-Krämer (SPD), Franziska Brychcy (Die Linke), Christa Markl-Vieto Estrada (B/90 Die Grünen), Dr. Birgit Malsack-Winkemann (AfD) und Hartmut Ebbing (FDP). Teilweise sind sie Direktkandidaten in Steglitz-Zehlendorf, teilweise auch Kandidaten auf den Berliner Landeslisten der Parteien.

Abwechselnd stellen die Moderatoren Denise, Kris und Dennis den Politikern Fragen zu bestimmten Themen. Die Interviewten legen dann nacheinander die Ansichten ihrer Parteien dar. Gerade geht es um Willkommensklassen in deutschen Schulen. Klassen also, in die nur Kinder gehen, die noch kein oder wenig Deutsch können. "Durch eine von uns angeregte Obergrenze für Flüchtlinge sollte auch die Anzahl der Willkommensklassen zurückgehen", beginnt Malsack-Winkemann von der AfD. "Gäste sollte man, vor allem in Schulen, freundlich aufnehmen. Wir müssen integrieren und wenn es nötig ist, auch den Stoff in Englisch unterrichten", findet Hartmut Ebbing (FDP). Die CDU schließt sich bei diesem Thema der FDP in großen Teilen an und fügt noch hinzu, dass es wichtig ist, dem Lehrpersonal unter die Arme zu greifen.

Meinungen prallen aufeinander

Die Diskussion ist äußert angeregt. Bundestagspräsident Prof. Dr. Norbert Lammert (Union), der Schirmherr eines der größten Schulprojekte für politische Bildung, äußerte sich in einem Statement so zu den Juniorwahlen: "Demokratie ist kein Schulfach, aber ein zentraler Bestandteil unserer Staatsordnung und ein völlig unverzichtbarer Bestandteil unserer Lebenswirklichkeit." Die Juniorwahl sei eine besonders gute Gelegenheit, Demokratie praktisch zu erleben. Und da gehört es eben auch dazu, dass unterschiedliche Meinungen aufeinander prallen.

"Politiker erleben"

Es geht um Nordkorea, doppelte Staatsbürgerschaft, die deutsch-amerikanische Beziehung, soziale Gerechtigkeit, die EU-Beitrittsverhandlungen mit der Türkei und die Auswirkungen der Trump-Administration auf die Weltpolitik und -wirtschaft. Thomas Heilmann (CDU) sagt dazu: "Es ist erstaunlich, dass Trump versucht, Weltpolitik auf 140 Zeichen zu reduzieren." Er meint damit Trumps Statements bei Twitter, die immer wieder für Aufsehen sorgen.

"Mir ist es ein großes Anliegen, dass unsere Schülerinnen und Schülern auch wirklich mal Politiker in solch einer Situation erleben", erklärt mir Lehrer Florian Bublys, der die Juniorwahl seit inzwischen zehn Jahren an der Schule mitorganisiert.

38.000 Wahlhelfer

Unterstützung bekommt er dabei unter anderem von den jugendlichen Wahlhelfern. Insgesamt legen rund 38.000 Wahlhelfer in den beteiligten Schulen Wahlverzeichnisse an, zählen im Anschluss an die Juniorwahl die Stimmen aus und übernehmen die Verantwortung für einen einwandfreien Wahlvorgang. "Im Prinzip mussten wir dafür sorgen, dass möglichst alle Wahlberechtigte aus unserem Jahrgang zur Wahl erscheinen und alles seine Ordnung hat", erzählt Natalie, eine der Wahlhelferinnen.

"Vor zwei Wochen wurde eine Leiche in Steglitz gefunden", leitet Denise ihre nächste Frage ein. "Was halten Ihre Parteien von flächendeckender Videoüberwachung zur Vorbeugung solcher Verbrechen?"

"Die Linke lehnt flächendeckende Überwachung strikt ab. Großveranstaltungen sind ein ganz anderes paar Schuh’", beginnt Franziska Brychcy (Linke) die Diskussion. Auch die Grünen sind gegen flächendeckende Überwachung: Ohne konkrete Gefahr bringe das nichts für die Sicherheit und sei ein Eingriff in die Freiheit.

Raunen im Publikum

"Ach kommen Sie, kein Mensch will flächendeckende Überwachung. Seit in der U-Bahn Kameras installiert sind, sind die Gewalttaten um rund 50 Prozent zurückgegangen. Das ist ein ideologischer Streit. Wir dürfen keinesfalls den Datenschutz über das Recht auf Unversehrtheit und die Menschenwürde stellen”, erwidert Thomas Heilmann (Union). Auch die SPD möchte die Sicherheit, zum Beispiel an Bahnhöfen, durch mehr Bundespolizei und Videoüberwachung verbessern.

Regelmäßig geht Raunen durch das Publikum; gefolgt durch Applaus und Missfallensbekundungen. Schon an den Gesprächen, die ich von den Schülern hinter mir registriere, merke ich, dass sich die Schüler wirklich mit den Themen beschäftigt haben und sich dafür interessieren. Sie stellen ihre eigenen Fragen und hinterfragen auch die Antworten der Politiker.

Gut vorbereitet schreiten sie danach zur Wahl: Mit mobilen Wahlkabinen wurden die Klassenzimmer zu Wahllokalen umfunktioniert. Wie bei der echten Wahl soll niemand sehen können, wo der Nachbar sein Kreuz setzt - Wahlgeheimnis!

So habt ihr entschieden

Und wie bei der echten Wahl sind nun auch die Ergebnisse der Juniorwahl für ganz Deutschland da (Angaben in Prozent):

  • CDU/CSU 27,0
  • SPD 19,3
  • Bündnis 90/Die Grünen 17,9
  • FDP 8,8
  • Linke 7,3
  • AfD 6,0
  • Sonstige Parteien 13,7

Kommentare

 

lol schrieb am 14.11.2017 18:42

warum sind grüne und sonstige partei so oft gewählt worden

 

 

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