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Der Autor

Constantin Germann 68x68

Constantin Germann (19)
studiert Jura

Wahlkreis-Serie: Karlsruhe
Kultur und Mobilisierungsprobleme

13.09.2017 |

Unser Autor Constantin kommt eigentlich aus Freiburg im Breisgau. Für diese Wahlkreis-Reportage ist er jedoch 130 Kilometer Richtung Norden, nach Karlsruhe gereist. Dort begleitete er einen Tag lang den erst 27 Jahre alten Michael Brandt, der für seinen Wahlkreis in den Bundestag will.

Constantin (rechts) mit Michel Brandt (links) am Wahlkampfstand der Linken in Karlsruhe. – © privat

Michael Brandt empfiehlt das Karlsruher Schloss und... – © privat

... und den Schlosspark. Für ihn ein absolutes Muss bei einem Besuch in der kreisfreien Stadt. – © privat

Eine der weniger schönen Seiten der Stadt: Karlsruhe ist übersäht mit Baustellen. – © privat

Knapp einen Monat vor der Bundestagswahl treffe ich Michel Brandt. Wir sind in seinem Parteibüro in der Karlsruher Südstadt verabredet, einem ruhigen Wohnviertel in Nähe des Stadtzentrums. Als ich das Bürgerbüro der Partei Die Linke Karlsruhe betrete, ist der 27-jährige Direktkandidat mit seiner Wahlkampfleiterin gerade dabei, den Tagesablauf zu koordinieren. Michel Brandt möchte möglichst viele Menschen im Wahlkreis mit seinen Ideen und dem Programm der Partei erreichen – das muss gut geplant sein.

Im Wahlkreis Karlsruhe, der die Nummer 271 trägt, leben etwa 300.000 Menschen, von denen fast 200.000 wahlberechtigt sind. Karlsruhe liegt im Nordosten Baden-Württembergs, ist 50 Kilometer von der französischen Grenze entfernt und nach Stuttgart die zweitgrößte Stadt des Bundeslandes.

Kandidatenwechsel

Michel Brandt tritt zum ersten Mal im Wahlkreis Karlsruhe an. Vorher war die Bundestagsabgeordnete Karin Binder dort Direktkandidatin. Er tritt als Direktkandidat an gegen Ingo Wellenreuther (CDU), Parsa Marvi (SPD), Sylvia Kotting-Uhl (Grüne), Marc Bernhard (AfD) und Michael Theurer (FDP).

Der Weg in die Parteipolitik war nicht von Anfang an geplant. Brandt, der ursprünglich aus Niedersachsen kommt, ist gelernter Schauspieler und arbeitet am Badischen Staatstheater in Karlsruhe. "Ich bin schon seit meiner Jugend politisch aktiv", so Brandt, "Allerdings nie parteipolitisch, sondern immer in unterschiedlichen Organisationen, vor allem im Bereich Antirassismus und Antifaschismus. Doch als ich 2013 nach Karlsruhe kam, merkte ich schnell, dass es mir nicht ausreicht, mich immer nur auf einzelne Themen zu fokussieren. Die Linke hat mir da von allen Parteien am besten gefallen."

"Wahlkampf mach Spaß"

Bei der Landtagswahl 2016 trat Brandt dann für die Linken als Kandidat für den Stadtbezirk Karlsruhe an. Doch die Linke verpasste den Einzug in den Landtag. "Ich liebe meinen Beruf als Schauspieler sehr, doch für die aktuelle Situation in Deutschland reicht es für mich nicht aus, mich nur in dem kulturellen Kosmos zu bewegen. Deshalb habe ich sowohl der Landtags-, als auch der Bundestagskandidatur zugestimmt." Außerdem habe ihm der Landtagswahlkampf sehr viel Spaß gemacht, erklärt Brandt. Das sei auch ein Grund gewesen, warum er jetzt für den Bundestag kandidiert.

Kultur als Treffpunkt

Eine große Besonderheit in Karlsruhe, sagt Brandt begeistert, sei die hohe Dichte an Kultur: "Obwohl in Deutschland allgemein das kulturelle Angebot eher abnimmt, ist es in Karlsruhe sehr reichhaltig. Wir haben eine vielfältige Theaterlandschaft und eine Menge kulturelle Zentren." Ohne Kunst und Kultur, so Brandt, würde die Gesellschaft wichtige Begegnungsstätten verlieren.

Doch Karlsruhe hat noch mehr als nur die Theaterlandschaft zu bieten. Mitten im Stadtzentrum befindet sich das Karlsruher Schloss, welches 1715 von Karl Wilhelm von Baden-Durlach errichtet wurde. "Wer Karlsruhe besucht, sollte das Schloss und auch den Schlossgarten anschauen", empfiehlt Brandt.

Wenig Motivierte

Auch wenn die Stadt für den jungen Politiker und Schauspieler eine schöner Ort zum Leben ist, gibt es Dinge, die ihn stören und die er gerne ändern würde: "Karlsruhe hat ein Mobilisierungsproblem. Während in Freiburg, Stuttgart oder Ulm entschieden gegen Pegida demonstriert wurde, war es in Karlsruhe schwierig, Menschen dafür zu mobilisieren und zu motivieren." Karlsruhe, meint Brandt ein wenig schmunzelnd, sei nun einmal eine Beamtenstadt, da sich dort die zum Beispiel Bundesverfassungsgericht, Bundesgerichtshof und Generalbundesanwaltschaft befinden. Deshalb seien die Karlsruher weniger Gewerkschaften und damit auch weniger Protest gewohnt.

Am Nachmittag machen wir uns in den Stadtteil Karlsruhe-Durlach auf, um dort einen Stand aufzustellen und mit interessierten Leuten ins Gespräch zu kommen. Auf dem Weg fällt mir allerdings auf, dass man kaum ohne Umleitungen durch Karlsruhe kommt. Fast überall befinden sich Baustellen. "Die Stadt hat beschlossen, die S-Bahn-Verbindungen unterirdisch zu verlegen. Das Projekt heißt U-Strab und soll neue Mobilität schaffen. Doch leider schafft es momentan nur viele Einschränkungen und kostet auch enorm viel Geld, das an anderen Stellen fehlt", berichtet Brandt.

Schüler helfen mit

Nachdem der Stand aufgebaut ist, verteilen Direktkandidat und ehrenamtliche Helfer Flyer und sprechen mit den Passanten. Ich merke schnell, wie viel Engagement hinter dieser Wahlkampfarbeit steckt. "Einige Parteimitglieder nehmen für den Wahlkampf sogar extra Urlaub, um jeden Tag bei Wahlkampfaktionen mithelfen zu können", sagt Michel Brandt. Auch mehrere Schüler sind am Stand, um ihn bei seiner Bundestagskandidatur zu unterstützen.

Dieses ehrenamtliche Engagement braucht es auch, um den Wahlkampf umzusetzen, den sich Michel Brandt vorstellt: "Immer wieder spreche ich mit Leuten, die sich nicht für Politik interessieren und nicht wählen gehen wollen. Mit diesen Leuten möchte ich ins Gespräch kommen, in ihre Stadteile gehen und zeigen, dass sie mitgestalten und mitmischen können. Ich möchte keine Stellvertreterpolitik betreiben. Die Wählerinnen und Wähler können und müssten selbst aktiv sein. Deshalb sind wir seit April mit circa sechs Wahlkampfständen pro Woche in der Stadt unterwegs."

Die soziale Frage

Bei der Wahlkampfarbeit auf der Straße fällt Michel Brandt immer wieder auf, was den Menschen wichtig ist: Die soziale Frage und die Frage der Umverteilung. "Fast alle Probleme, die die deutsche Politik momentan dominieren, hängen von der Frage der Verteilung der Gelder ab", erklärt Brandt seinen Standpunkt, "wer mit seiner eigenen finanziellen Lage zufrieden ist, der würde meiner Meinung nach auch nicht gegen Integration stehen."

In Baden-Württemberg hätte ein Linker seiner Meinung nach momentan keine Chance auf ein Direktmandat. Doch Michel Brandt befindet sich derzeit auf Platz sechs der Landesliste und könnte so, wenn die Linke genug Zweitstimmen erhält, der jüngste Bundestagsabgeordnete werden.

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